Lenz

Inhaltsangabe

Der Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz war neben Goethe und Schiller der maßgebliche Repräsentant der literarischen Epoche des Sturm und Drang. In seiner fragmentarisch hinterlassenen und 1839 posthum veröffentlichten Novelle »Lenz« beschreibt Georg Büchner die fortschreitende Geisteskrankheit des Dichters während eines Aufenthaltes bei dem Sozialreformer und Pfarrer Johann Friedrich Oberlin in der Zeit vom 20. Januar bis 8. Februar 1778. Die Handlung spielt im elsässischen Waldbach (eigentlich Waldersbach) und den umliegenden Vogesen.


Am 20. Januar wandert Lenz bei nasskaltem Nebelwetter durch die Vogesen nach Waldbach. Die Gebirgslandschaft und die Natur erlebt er als unwirklich und abweisend und fühlt sich verfolgt vom Wahnsinn, der scheinbar auf Pferden hinter ihm reitet. Er verliert das Gefühl für Raum und Zeit, hat vorübergehende Bewusstseinsstörungen und Angstzustände. Erleichtert erreicht er am Abend das Pfarrhaus in Waldbach, wo Oberlins Familie den Gast in ihrem Kreis aufnimmt. Langsam fällt die Unruhe von Lenz ab und er beginnt lebendig von seiner Heimat zu erzählen, verliert sich dabei aber in der Vergangenheit. Allein in seinem Zimmer überfällt ihn nachts dieselbe grauenhafte Angst wie zuvor im Gebirge. Er verlässt das Haus, irrt umher, verletzt sich absichtlich und kommt dadurch langsam zur Besinnung, bevor er sich in einen Brunnen stürzt, der allerdings nicht tief ist.

Während der nächsten Tage begleitet Lenz Oberlin bei seinen seelsorgerischen Besuchen im Tal. Die Stille in der Natur, Oberlins bedächtiges Reden und Handeln sowie der Blick in dessen Augen beruhigen den aufgewühlten Dichter. Oberlin schätzt Lenz‘ Gesellschaft, und dieser sehnt sich nach der friedvollen Ruhe, die Oberlin eigen ist. Das Leben im Pfarrhaus tut Lenz gut, er liest in der Bibel und findet Zugang zum Glauben. Als er während eines Spaziergangs meint seinen Schatten umgeben von einer Art Regenbogen zu sehen, hält er das für eine Offenbarung. Mit Oberlins Einverständnis hält er die Sonntagspredigt. Seine Worte sind einfach und berühren die Menschen. Allein mit sich glaubt er später, die Schmerzen der ganzen Welt zu spüren und empfindet tiefes Selbstmitleid. Als er Oberlin am nächsten Tag erzählt, dass ihm in der Nacht seine Mutter auf dem Totenbett erschienen sei, berichtet dieser ihm von Kämpfen mit Geistwesen in den Bergen und von Wünschelrutengängern. Lenz behauptet, dass die elementarische Natur einfach sei und unvereinbar mit der geistigen Natur, die die Entwicklung des Menschen mit sich bringe.

Lenz‘ alter Freund Kaufmann erscheint mit seiner Braut in Oberlins Haus. Als Anhänger der neuen Strömung des Idealismus vertritt Kaufmann gegensätzliche Positionen zu Lenz, der der Meinung ist, dass Kunst die Wirklichkeit nicht verklären, sondern ihren tatsächlichen Zustand wiedergeben solle. Für die Dauer des Gesprächs ist Lenz bei klarem Verstand und beeindruckt seine Zuhörer. Er behauptet, dass Schönheit nur in der Bewegung oder Veränderung erfahrbar sei und nicht in der Darstellung einer bloßen Empfindung, während Kaufmann versichert, dass sich in der Wirklichkeit keine Vorlagen für Raffaels Madonna oder den Apollo von Belvedere finden ließen. Als Kaufmann Lenz auffordert, sich dem Wunsch seines Vaters zu beugen und nach Hause zurückzukehren, wehrt Lenz sich heftig: Er könne es nirgendwo anders aushalten als in Waldbach.

Oberlin folgt Kaufmanns Einladung, ihn in die Schweiz zu begleiten. Lenz fürchtet sich vor Oberlins Abwesenheit und begleitet ihn deshalb hinauf ins Gebirge, wo sie sich trennen. Still und fast träumend streift Lenz danach allein durch die Berge. Spät am Abend erreicht er eine Hütte, in der er ein todkrankes Mädchen mit seiner fast tauben Mutter und dem verwirrten Vater antrifft. Lenz bekommt zu essen und ein Nachtlager. Am nächsten Morgen erfährt Lenz, dass er bei einem Heiligen und Geisterbeschwörer zu Gast ist. Lenz lässt die beunruhigende Situation hinter sich und schließt sich für den Heimweg einer Gruppe von Waldarbeitern an.

Nach dieser Nacht ist Lenz verändert. Er spürt das Chaos in seinem Geist: Seine Verfassung wechselt von heftigen Gemütsbewegungen zu Kälte und Gleichgültigkeit. Er sucht die Gesellschaft von Madame Oberlin. Er erinnert sich an die Liebe zu Friederike Brion, in deren Nähe er Ruhe gefunden hatte. Mit übertriebener Religiosität versucht er, seine innere Leere zu bekämpfen. Als er vom Tod eines Kindes in Fouday erfährt, geht er als Büßer in Sack und Asche zu ihm, um es zu erwecken. Es gelingt ihm nicht und halb wahnsinnig stürzt er hinauf ins Gebirge, wo er Gott lästert und sich zum Atheismus bekennt.

Oberlin kehrt vorzeitig zurück aus der Schweiz. Er fordert Lenz auf, zu seinem Vater zurückzugehen. Lenz gerät in heftige Unruhe. Er leidet zunehmend an Wahnvorstellungen wie jener, Friederike getötet zu haben. Oberlin ist erschrocken über Lenz‘ Zustand, der immer hoffnungsloser wird. Lenz leidet unter völliger innerer Leere und Angstattacken, und Oberlin ist der einzige, der ihn durch seine Anfälle begleiten kann. Er erträgt Lenz‘ unzureichenden Selbsttötungsversuche und kümmert sich um den Kranken. Nachdem Lenz sich aus dem Fenster gestürzt hat, lässt Oberlin ihn jedoch nach Straßburg bringen. Gleichgültig und innerlich leer legt Lenz den Weg durchs Gebirge zurück.


Büchners Novelle liegt ein Bericht des Pfarrers Oberlin über Lenz‘ Aufenthalt in seinem Haus zugrunde. Von Goethes ehemaliger Geliebten Friederike nicht erhört und in Weimar vom verehrten Goethe selbst verstoßen, war Lenz ein Dichter, der an sich und seiner Zeit litt. Wie Lenz erlebte sich auch Büchner als Gescheiterter, was zur literarischen Bearbeitung des Stoffes geführt haben könnte. »Lenz« zählt zu den bekanntesten Werken der deutschen Literatur. Trotz seiner Kürze liegt umfangreiches Sekundärmaterial dazu vor, das sich mancherorts verselbständigt hat, weshalb mehr noch als sonst die Lektüre des Originals zu empfehlen ist.