Der Fremde

Inhaltsangabe

In Albert Camus’ Roman »Der Fremde« geht es um das Absurde der menschlichen Existenz. Protagonist und Ich-Erzähler ist der Büroangestellte Meursault. Im Algerien der 1930er Jahre tötet er einen Menschen, von dem er sich bedroht sieht. Vor Gericht macht man aus dem Totschlag Mord und verurteilt Meursault zum Tode.

Der Roman wurde 1942 in Paris veröffentlicht und gehört zu den wichtigsten Werken des französischen Existenzialismus. Er besteht aus zwei Teilen: Der erste schildert die Ereignisse vor der Tat und das Verbrechen, der zweite den Gerichtsprozess und Meursaults Gefängnisaufenthalt bis zur Hinrichtung.


Erster Teil

I

Meursault, ein französischer Büroangestellter um die dreißig, lebt und arbeitet in Algier. Er erhält die Nachricht vom Tod seiner Mutter und fährt in ihr achtzig Kilometer entferntes Altenheim. Dort wacht er mit einigen Heimbewohnern eine Nacht lang an ihrem Sarg. Tags darauf findet die Beerdigung im Beisein weniger Trauergäste statt. Meursault nimmt daran mit derselben nüchternen Distanz teil, die er schon während der Totenwache gezeigt hatte. Er ist erleichtert, als er nach Algier zurückkehren kann.

II

Der folgende Tag ist ein Samstag. Meursault hat frei und geht an den Strand. Im Wasser trifft er zufällig seine frühere Kollegin Marie Cardona, an der er schon lange sexuell interessiert ist. Er lädt sie ins Kino ein und verbringt die Nacht mit ihr. Als er am Sonntagmorgen aufwacht, ist sie bereits fort. Meursault bleibt den ganzen Tag allein auf dem Balkon seiner etwas schäbigen Wohnung.

III

In der Woche darauf arbeitet Meursault wieder im Büro. An einem Abend wird er beim Nachhausekommen von seinem Flurnachbarn Raymond Sintès zum Essen eingeladen. Raymond wird der Zuhälterei verdächtigt. Er vertraut Meursault an, dass seine Geliebte ihn hintergangen habe und er sich an ihr rächen wolle. Teil seines Racheplans ist ein Brief an diese Frau, den Meursault schreiben soll. Meursault ist stark angetrunken und kommt der Bitte gedankenlos nach.

IV

Meursault verbringt viel Zeit mit Marie. Auf ihre Frage, ob er sie liebe, antwortet er ausweichend. Eines Mittags hören die beiden Schreie von nebenan: Raymond schlägt auf seine ehemalige Geliebte ein, die er mit Hilfe von Meursaults Brief in seine Wohnung gelockt hat. Nachbarn rufen die Polizei und Raymond erhält eine Vorladung auf das Kommissariat. Am Abend verspricht Meursault ihm, als Zeuge auszusagen, sein Nachbar sei von der misshandelten Frau provoziert worden.

V

Raymond ruft Meursault im Büro an, um ihn in das Strandhaus eines Freundes einzuladen. Kurz nachdem Meursault wieder aufgelegt hat, macht ihm sein Chef ein interessantes Karriereangebot. Er lehnt ab, weil er sich nicht nach Veränderung sehnt. Abends fragt ihn Marie, ob er sie heiraten wolle. Meursault willigt ein und sagt, es mache für ihn keinen Unterschied.

VI

Am Wochenende fahren Raymond, Meursault und Marie in das Strandhaus. Bei einem Spaziergang werden sie von zwei Arabern aus dem Umfeld von Raymonds Ex-Geliebter angegriffen. Die Männer verletzen Raymond mit einem Messer und flüchten. Später ist Meursault, der Raymonds Revolver an sich genommen hat, allein am Strand. Als er erneut einen der Araber auf sich zukommen und sein Messer im grellen Sonnenlicht aufblitzen sieht, zieht er die Waffe und tötet den Mann. Anschließend gibt er vier weitere Schüsse auf den leblosen Körper ab.


Zweiter Teil

I

Nach der Tat wird Meursault verhaftet und mehrfach verhört. Er verzichtet auf einen eigenen Anwalt und schildert dem Pflichtverteidiger sachlich, was passiert ist. Dabei bekennt er die Tat, nicht aber seine Schuld. Er fühlt keine Reue. Das bringt den gläubigen Untersuchungsrichter auf und veranlasst ihn zu einer flammenden Rede über Christus und seinen Kreuzestod.

II

Als Marie ihn nicht mehr im Gefängnis besuchen darf, beginnt für Meursault eine neue Zeitrechnung. Er sehnt sich nicht mehr nach Freiheit, sondern gewöhnt sich an die Haft. Er lernt, sich mit Hilfe seiner Erinnerungen die Zeit zu vertreiben. Dabei entdeckt er Gemeinsamkeiten zwischen seinem früheren und seinem jetzigen Dasein. Nach elf Monaten werden die Ermittlungen in seinem Fall abgeschlossen. Meursaults Haltung zu seiner Tat ist unverändert.

III

Der Prozess beginnt. Vor Gericht sagen mehrere Personen aus, Meursault habe bei der Beerdigung seiner Mutter teilnahmslos gewirkt. Man lastet ihm an, nur einen Tag später eine Kinokomödie gesehen und die Beziehung mit Marie begonnen zu haben. Als Indizien für seine Mordabsicht erscheinen der Brief, den er in Raymonds Auftrag geschrieben hat, und der Revolver, den er am Strand bei sich trug. Belastend wirken auch die vier Schüsse auf den bereits toten Mann.

IV

Der Staatsanwalt plädiert für die Todesstrafe. Er bewertet Meursaults Tat nicht als Totschlag, sondern als Mord. Als Begründung führt er verbrecherische Wesenszüge ins Feld, die er an Meursault zu erkennen glaubt. Der Verteidiger schafft es mit seinem schwachen Plädoyer nicht, die Richter und die Geschworenen umzustimmen. Meursault wird zum Tod durch die Guillotine verurteilt.

V

Meursault weigert sich, mit dem Anstaltsgeistlichen zu sprechen und denkt über Fluchtmöglichkeiten nach. Noch am Abend vor der Urteilsvollstreckung hofft er auf die Annahme seines Gnadengesuches. Als der Geistliche erscheint und ihn bedrängt, sich zu Gott zu bekehren, greift er den Priester an. Die Worte, die er ihm entgegenschleudert, werden zu einer Art eigenem Glaubensbekenntnis Meursaults. Er feiert darin das irdische Dasein und seine Absurdität. Er erkennt, dass er glücklich war und ist. Seiner Hinrichtung sieht er nun gefasst entgegen.


Interpretationsansätze

Die Philosophie des Absurden

»Der Fremde« ist das literarische Pendant zum 1941 erschienenen philosophischen Essay »Der Mythos des Sisyphos«, in dem Camus seine Philosophie des Absurden entwarf. 1942 im besetzten Frankreich veröffentlicht, erhielt der Roman sogleich große Aufmerksamkeit. Er traf den Nerv einer Zeit, in der die Menschen im Angesicht von Krieg, Zerstörung und Diktatur keine Antworten mehr auf ihre Sinnfragen fanden.

Im Roman wird das Absurde vor allem durch die Zufälligkeit der Geschehnisse entwickelt, in die der Protagonist hineingerät und die ihn schließlich zum Täter machen. Bei der sachlichen, emotionslosen Schilderung seines Alltags gewichtet Meursault nicht: Alles scheint gleich bedeutend oder unbedeutend, ob es sich um ein Mittagessen, ein Gespräch mit dem Chef, die sexuelle Begegnung mit einer Frau oder den Tod der eigenen Mutter handelt. Selbst, als er einen Menschen tötet, wird er nicht aus seiner Distanz gerissen und wirkt fast wie ein erstaunter Zeuge.

Meursault: »Der Gleichgültige« und »Der Fremde«

Ursprünglich wollte Camus seinen Roman daher »Der Gleichgültige« nennen. Warum Meursault zugleich »Der Fremde« ist, wird vor allem im zweiten Teil des Romans deutlich. Weit mehr als das Verbrechen, das er bekennt, belastet ihn in den Augen der Prozessteilnehmer seine Haltung dazu. Da er sich selbst nicht wirklich erklären kann, wie es zur Tat gekommen ist, bleibt er bei seiner persönlichen Wahrheit und fügt dem Geschehen im Nachhinein nichts hinzu. Sein Verzicht auf geheuchelte Reue erscheint radikal und wird ihm übelgenommen.

Körpererfahrung als unbestreitbare Wirklichkeit

Während Meursault sich an die Fakten hält, suchen die Prozessteilnehmer nach Werten, die darüber hinausweisen. Anders als die meisten gesteht Meursault sich ein, dass oft nicht moralische Haltungen, sondern Körperempfindungen Handlungen in Gang setzen. So ist es z. B. die unerträgliche Hitze, die ihn veranlasst, sich so schnell wie möglich vom Grab seiner Mutter zu entfernen. Im ehrlichen Versuch, Gründe für sein Verbrechen zu finden, führt er seine brennenden Augen an. Dafür erntet er Hohn im Gerichtssaal.

Intensives Glück wird Meursault nicht durch Gefühle oder Gedanken, sondern durch Sinneserlebnisse zuteil: der körperliche Kontakt mit Marie, das Schwimmen im Meer, aber auch der Anblick des Himmels und der Sterne. Anders als Ideen und Glaubensinhalte sind diese Erlebnisse für ihn wirklich und unbestreitbar. Darum kann er am Ende seines Lebens zum Geistlichen sagen, dass »keine seiner Gewissheiten das Haar einer Frau wert« sei. Im Bekenntnis zu einem mit allen Sinnen erfahrenen Leben erwartet er schließlich gelassen den Tod.