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Erlkönig

Prüfungsfragen

  • »Gibt« es den Erlkönig wirklich?

    Die Frage gehört zur Rezeption der Ballade unweigerlich hinzu: Bricht bei dem Kind einfach Fieber aus, es halluziniert, es stirbt am Ende des Ritts? Goethe platziert in der Ballade über die Antworten des Vaters ja selbst ein aufklärerisches, rationalistisches Erklärungsmodell, das übernatürliche Erscheinungen auf natürliche Sachverhalte zurückführt. Allerdings: Erfolg hat er damit nicht. Schließlich hat der Erlkönig eine unbestreitbare Präsenz in dem Gedicht: Auf ihn fallen 10 der 32 Verse, und jeder, der das Gedicht vorträgt, muss den Erlkönig auch repräsentieren, muss ihm seine Stimme leihen, ihn also zur Teil der »wirklichen« Welt der Ballade machen.

  • Ist der »Erlkönig« ein Gedicht über Pädophilie?

    Ja. Der Erlkönig richtet sein sexuelles Begehren auf ein gewiss minderjähriges Kind, auf einen »Knabe[n]« – kein Kleinkind mehr, noch kein Jüngling, etwa zwischen fünf und zwölf Jahre alt. Der Verführer spricht das Kind auf seine kindlichen Bedürfnisse und seine kindliche Vorstellungswelt hin an und verschleiert so seine übergriffige, gewalttätige Absicht.

  • Wie verändert Goethe das Gedicht in den späteren Auflagen?

    Es gibt nur zwei Veränderungen: Goethe ergänzt Anführungszeichen zur Kennzeichnung der Rede des Erlkönigs und er ergänzt den Vers 15 um eine Silbe (»bleibe ruhig, mein Kind« statt »bleibe ruhig, Kind«). Die Anführungszeichen mildern beim Leser etwas die Verwirrung wegen der unvermittelt einsetzenden Stimmen; die zusätzliche Silbe glättet den Vers etwas, in dem es sonst zu einer in der Ballade beispiellosen Verlangsamung kommt (wegen der potenziellen Einsilbigkeit von »ruhig«).

  • Bewerten Sie den ursprünglichen Kontext der Ballade.

    Sie steht in der »Fischerin« einerseits exponiert, andererseits wird sie durch die Vortragssituation und -motivation in ihrem Ausdruckswert beinahe vollständig entwertet. Dortchen singt die Ballade schon zum zweiten Mal und sie singt allein, um sich die Zeit zu vertreiben. Sie verhält sich gegenüber dem Inhalt der Ballade also maximal indifferent. Dennoch findet der Text im weiteren Verlauf im Märchen vom Wassermann eine Entsprechung. Hier findet auch eine Einordnung statt: Es ist etwas Grausiges dabei, aber auch etwas Lächerliches.

  • Welche Metaphern finden sich im »Erlkönig«?

    Die einfache Antwort ist: gar keine. Natürlich kann die Interpretation doch metaphorische Ersetzungen rekonstruieren: Wofür stehen die »bunte[n] Blumen«, wofür das »goldne Gewand«, wofür gar der nächtliche Ritt insgesamt etc.? Für den Stil ist die Metaphernlosigkeit aber durchaus charakteristisch. Es ist – passend zum Stoff – ein volkstümlich-schlichter Stil.

  • Was ist der Erlkönig für eine Figur?

    Er ist jedenfalls – anders als der Elfenkönig in der dänischen Ballade oder dessen Tochter – etwas Hybrides, Zusammengesetztes. Er ist als Naturgeist einer Baumart zugeordnet – aber doch auch dem Wasser, denn die Baumart wächst am Wasser und im Feuchten. Er ist ein Naturgeist, wie es sie häufig gibt – aber doch auch ein König. Er ist Resultat eines Übersetzungsfehlers – aber doch offenbar eines produktiven, eines angenommenen, weitergedachten Übersetzungsfehlers. Dieses ständige Changieren der Figur zwischen zwei Polen trägt gewiss zu seiner unheimlichen Aura bei.

  • Wo ist die Mutter?

    Wo die Mutter des Knaben zum Zeitpunkt des fatalen Ritts sich befindet – ob sie im Hof ist, ob sie überhaupt noch lebt etc. – all das berührt der Erzähler nicht. Entscheidend ist: Während des Ritts ist sie natürlicherweise nicht da. Das passt zum traditionellen Rollenmodell, in dem der Vater die Kleinfamilie gegen das Außen verteidigt. Weil sich Vater und Sohn in diesem Außen befinden, ist die Mutter nicht dabei. In den Text gelangt die Mutter aber doch über den Erlkönig, der mit der Erwähnung seiner Mutter und ihrer Schätze den Knaben locken will.

  • Gibt es historische Bezüge?

    Nein, von Angaben, die eine historische Verortung des Geschehens erlauben könnten, wird bewusst abgesehen. Der Stoff wird als zeitloser Stoff behandelt. Goethe tilgt auch den Eigennamen, der in der dänischen Ballade der Hauptfigur die Aura einer Art von sozialer (und historischer) Existenz verleiht. Insofern treibt er die Abstraktion des Geschehens sogar noch weiter als die Vorlage.

  • In welchem textuellen Umfeld steht die Ballade?

    Im Erstdruck eröffnet sie das Singspiel »Die Fischerin«, das in Weimar auf einer Freiluftbühne an der Ilm aufgeführt wurde. In den Gedichtsammlungen, in die Goethe die Ballade aufnahm, steht sie mit der Ballade »Der Fischer« zusammen. Dort erliegt ein Fischer der Verführung durch eine Meernixe – dort findet sich also die Verführungshandlung in einer sehr viel transparenteren, einfacheren Variante.

  • Was sind bedeutende Rezeptionszeugnisse?

    Das berühmteste Rezeptionszeugnis ist zweifellos die Vertonung der Ballade durch Franz Schubert – die Goethe übrigens ablehnte. Schubert interpretiert den Text existenziell und hoch-dramatisch. Die Melodieführung – oft auf einer Tonhöhe verharrend – ist wenig schön, das Rittmotiv in den Tonwiederholungen des Klaviers monoton und mitunter penetrant. Gewiss ist daraus alles Lustige und Beiläufige getilgt – alle distanzierte Ironie, mit der die Figuren in der »Fischerin« auf den Stoff blicken.

Veröffentlicht am 12. August 2024. Zuletzt aktualisiert am 12. August 2024.