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Erlkönig

Zitate und Textstellen

  • »Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?«
    – (1, Erzähler)

    Der berühmt gewordene Eingangsvers lädt zur parodistischen Imitation ein. Zum Beispiel durch Heinz Erhardt (1909-1979):

    »Der König Erl
    Wer reitet so spät durch Wind und Nacht?
    Es ist der Vater. Es ist gleich acht.
    Im Arm den Knaben er wohl hält,
    er hält ihn warm, denn der ist erkält’.
    Halb drei, halb fünf. Es wird schon hell.
    Noch immer reitet der Vater schnell.
    Erreicht den Hof mit Müh und Not – – –
    der Knabe lebt, das Pferd ist tot!«

    Oder durch Otto Waalkes (*1948):

    »Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
    Es ist der Fleischer, er sucht sein Rind.«

  • »Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?«
    – (5, Vater)

    Der Junge, der den Erlkönig schon gesehen und identifiziert hat, beginnt das Gespräch nicht. Seine Abwehr besteht in der Unterbrechung der Wahrnehmung – ein plausibles, für ein Kind auch natürliches Verhalten. Indem es sich dem Kontakt mit dem Erlkönig entzieht, entzieht es diesem im Grunde auch die Möglichkeit der Verführung und überlässt die Wahrnehmung der Umgebung ganz seinem Vater. Anstatt seinen Sohn dabei zu bestärken (»Ja, versteck dich nur an meiner Brust, wir werden gleich vorüber sein, ich passe auf«), lenkt er seinen Blick nur wieder nach außen (»Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif«), damit es erkennen möge, was die Einbildung von dem Erlkönig hervorgerufen hat. Das aber funktioniert nicht.

  • »Siehst Vater, du den Erlkönig nicht?«
    – (6, Sohn)

    Naturmagische Wesen gibt es normalerweise im Plural: Satyrn, Faune, Najaden, Dryaden, Gnome etc. – und es gibt sie normalerweise nicht im Familienverband. Der Elfenkönig, der in der dänischen Ballade Vater der allein zu Herrn Oluf sprechenden Tochter ist, ist hingegen eine einmalige Gestalt – eben der höchste der Elfen, wie etwa Oberon im »Mittsommernachtstraum«. Den Erlen zugeordnet, sollte der Erlkönig im Plural existieren: Als Naturgeist, der immer dort auftritt, wo viele Erlen wachsen. Als König übernimmt er aber etwas von der einmaligen Würde des Elfenkönigs – und er übernimmt den Familienverband. Gerade diese Verschränkung trägt zu dem Unheimlichen bei, das ihn umgibt.

  • »Meine Mutter hat manch gülden Gewand.«
    – (12, Erlkönig)

    In der Gewandfarbe besteht die einzige Übernahme des Motivs des Kostbaren, das in der Vorlage bei Herder das dominante Verführungsmoment darstellt. Dort fällt interessanterweise allein das versprochene Hemd aus der Reihe der goldenen, kostbaren Gegenstände heraus: Es ist von der Mutter »mit Mondenschein« gebleicht. Die Buntheit der Blumen, die der Erlkönig verspricht, und die goldene Gewandfarbe bilden einen Gegensatz zu der Düsternis und Monochromie (Einfarbigkeit) der nächtlichen Umgebung.

  • »Was Erlenkönig mir leise verspricht?«
    – (14, Sohn)

    Man könnte den Wechsel des Wahrnehmungsmediums mit dem anfänglichen Bergen des Gesichts des Sohnes in Verbindung bringen. Weil er den visuellen Kontakt verloren hat, fängt der Erlkönig leise an zu sprechen. Das würde auch bedeuten, dass der Junge doch wieder hinsehen muss, wenn der Erlkönig von den Töchtern spricht. So gedeutet, läge hier der einzige Hinweis darauf, dass die Verführung des Erlkönigs als Verführung (und nicht nur als Bedrohung) auf den Jungen Wirkung entfaltet.

  • »Und wiegen und tanzen und singen dich ein.«
    – (20, Erlkönig)

    Das streng genommen falsch gebildete Zeugma (»einsingen« ist etwas anderes, »eintanzen« gibt es nicht) erweist sich doch als höchst ausdrucksvoll und zweckmäßig. Alle drei Tätigkeiten werden durch das Präfix »ein« mit dem Ziel versehen, einen Zustandswechsel herbeizuführen, und dieser Zustandswechsel wird von dem geläufigen Wort »einwiegen« vorgegeben. Alle Erzählungen von Verführungen durch naturmagische Wesen laufen tatsächlich auf einen Zustandswechsel hinaus, der als begehrenswert erscheint, sich aber als tödlich entpuppt. Besondere Plausibilität bekommt die Sache hier durch die Situation des nächtlichen Ritts. Sicher ist das Kind müde, sicher wünscht es sich, mütterlich geborgen in den Schlaf gewiegt zu werden – vielleicht kämpft es schon mit dem Schlaf.

  • »Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau: | Es scheinen die alten Weiden so grau.«
    – (23 f., Vater)

    In seiner letzten Antwort führt der Vater seine Strategie im Umgang mit der unheimlichen Erscheinung, die sein Sohn wahrnimmt, noch einmal in besonderer Deutlichkeit und Zuspitzung vor. Er beginnt mit einer ausdrücklichen Bestätigung der Wahrnehmung des Sohnes, um dann den Gegenstand der Wahrnehmung auszutauschen: Die Töchter sind in Wirklichkeit die Weiden, die – nicht wie Töchter erscheinen, sondern »so grau«. Auch dieser Versuch, etwas von der Logik des Anders-Scheinens in die Antwort miteinzubauen, läuft an der Wahrnehmung des Kindes offenbar vorbei.

  • »mich reizt deine schöne Gestalt«
    – (25, Erlkönig)

    Damit ist das Motiv des Erlkönigs klar benannt: Es ist ein sexuelles, homoerotisches und pädophiles Verlangen; eine Dimension, die in der Rezeption der Ballade lange marginalisiert wurde. Der Fremde kodiert sein Begehren außerdem einzig in den Rollen der Kleinfamilie (Mutter, Tochter). Er selbst muss den Vater ersetzen (man könnte auch sagen: »absetzen« oder »entsetzen«), um zum Ziel zu kommen.

  • »Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!«
    – (27, Sohn)

    Der Höhepunkt des Gedichts. Die Berührung verurteilt den Jungen zum Tode. Der Vater bleibt ohne jede Möglichkeit der Einwirkung. Ihn packt das Grauen. – Der Vers hat auf jeder Hebung den A-Vokal (der in der »Gewalt« des vorangegangenen Verses entsprechend eingeführt worden war) und es gibt durchgängig Doppelsenkungen. In Schuberts Vertonung liegt der ganze Vers auf einer Tonhöhe.

  • »Erreicht den Hof mit Mühe und Not; | In seinen Armen das Kind war tot.«
    – (31 f., Erzähler)

    Bis hierhin waren das Reiten und der Rhythmus des Hufschlags eine dezente Entsprechung der metrischen Bewegung gewesen (der Galopp ist ein Dreier-, der Trab ein Zweiertakt). Mit dem Ende des Ritts fällt das Ende des Sprechens zusammen. In Schuberts Vertonung entfällt im letzten Vers die Klavierbegleitung: Der Text wird in der Art eines Rezitativs vorgetragen. In der bekannten Aufnahme von Friedrich Fischer-Dieskau verliert das letzte Wort gar die bestimmbare Tonhöhe – es wird nur noch so hingesprochen.

Veröffentlicht am 12. August 2024. Zuletzt aktualisiert am 12. August 2024.