Erlkönig
Strophe 1
Zusammenfassung
Jemand fragt, wer so spät durch Nacht und Wind reite. Die Antwort: Der Vater mit seinem Kind. Er halte den Knaben im Arm, er fasse ihn sicher und halte ihn warm.
Analyse
Der Einsatz der Ballade ist berühmt, die Eingangsfrage ein geflügeltes Wort, das zu alternativen, parodistischen Antworten einlädt.
Die Frage, wer spricht, und ob Frage und Antwort auf verschiedene Sprecher zu verteilen sind, lässt sich eindeutig nicht beantworten. Jedenfalls gibt es keine typographische Markierung, die dies nahelegte. Dann wäre die Frage die rhetorische Eingangsfrage des Erzählers.
Tatsächlich lässt sich das Ungewöhnliche, Unheimliche und Gefahrvolle des nächtlichen Ritts kaum knapper und wirkungsvoller vermitteln als durch diese Frage. Sie erinnert an den Ruf eines um Identifikation bittenden herannahenden Wächters (»Quivive«). Völlig unbestimmt bleiben der Grund der Reise und der Ort, an dem die Frage geäußert wird. Wo befinden sich die Reitenden gerade? Die örtlichen Gegebenheiten sind auf die Faktoren »Nacht« und »Wind« reduziert: die Nacht, als Abwesenheit des Lichts, verhindert die Orientierung, der (kalte) Wind bedroht die Gesundheit.
Die Reduktion auf die Fortbewegung und das Unheimliche und Gefahrvolle der Umgebung wird besonders im Kontrast zum Eingang der Vorlage deutlich: In Herders Übersetzung der dänischen Ballade heißt es: »Herr Oluf reitet spät und weit | Zu bieten auf seine Hochzeitleut‘; […].“ (Herder 335)
Die Antwort auf die Eingangsfrage im »Erlkönig« entspricht der Frage nur bedingt. Zu erwarten wäre die Antwort: »Es ist ein Vater mit seinem Kind.« Der bestimmte Artikel suggeriert, der Vater wäre als bekannte Person zwischen dem Fragenden und Antwortenden bereits eingeführt. Andererseits würde, die Bekanntheit des Vaters vorausgesetzt, die Benennung kaum mittels der Familienrolle erfolgen, viel eher mit dem Eigennamen: »Es ist Herr Oluf mit seinem Kind.«
Tatsächlich ist es gar nicht so einfach, sich eine Situation vorzustellen, in der die Antwort: »Es ist der Vater mit seinem Kind« natürlich erscheint. Drei denkbare Möglichkeiten scheinen im Kontext des Gedichts dann doch abwegig: Dass nach dem Begleiter des Kindes gefragt würde (im Sinne von: es ist der Vater, und nicht die Mutter oder der Onkel); oder dass »der Vater« in einem allgemeinen Sinn gemeint wäre – nicht ein bestimmter Vater, sondern die Vaterrolle insgesamt; oder dass gar der Sprecher der ersten Strophe ein weiteres Kind des Vaters sei, der eben von ihm als »dem Vater« spricht (denn dann würde er nicht »mit seinem Kind« sagen, sondern »mit meinem Bruder«).
Bleibt nur zu sagen, dass der bestimmte Artikel eine gewisse Unmittelbarkeit suggeriert. Die Figuren bedürfen keiner einführenden Bestimmung – sie sind gesetzt. Gemeint ist nicht irgendein Vater – sondern eben dieser, der mit seinem Kind.
Die Antwort geht aber über diese einfache Identifizierung der Reitenden hinaus. Sie berührt dabei den Aspekt, der in der Frage notwendig mitschwang. »Wer nimmt es auf sich, zu dieser späten Stunde und in dem unwirtlichen Wetter noch zu reiten?« Wenn die Antwort ist: »Der Vater mit seinem Kind«, müsste die Folgefrage lauten: »Wie schützt der Vater aber sein Kind auf dem nächtlichen Ritt vor der Angst und vor der Kälte?«
Im dritten Vers der Strophe ist »wohl« das schwierigste Wörtchen. Wie ist es gemeint? Möglich ist ein adverbialer Sinn (Adverb von »gut«), es könnte aber auch eine Partikel mit beteuernder (»wahrlich«) oder abschwächender (»vielleicht, wahrscheinlich«) Bedeutung sein. Schließlich hat sich gerade im Volkslied und in der Ballade »wohl« als beinahe bedeutungsleeres Füllwort etabliert (vgl. Grimms Wörterbuch: »als partikel subjektiver beteuerung ist wohl im naiven erzählstil, im volkslied und gedichten im volksliedstil sehr beliebt, verblaszt hier oft zu bloszem versfüllsel: […].« Eins der Beispiele ist von Goethe: »es stehet ein regenbogen | wohl über jenem haus!«).
Die beiden Verse drücken das intakte Verhältnis von Vater und Sohn aus: in dieser Situation ein Schutzverhältnis. Wie sitzt das Kind beim Vater? Er hat es im Arm. Was bietet ihm der Vater? Gegen die Gefahr des Sturzes sicheren Halt (sollte das Kind einschlafen), gegen die Kälte die eigene Körperwärme. Die Sätze sind anaphorisch konstruiert; bei den Verben handelt es sich im Grunde um eine Synonymenkette: In jedem der drei Hauptsätze könnte »hält« stehen (»Er hält den Knaben wohl in dem Arm, | Er hält ihn sicher, er hält ihn warm.«).
Die Eingangsstrophe enthält einige Verbindungen in die Ballade hinein: Prägend für die Strophenkonstruktion ist das Frage-Antwort-Schema, das hier bereits ohne die späteren Dialogpartner eingeübt wird. Der erste Reim der ersten Strophe (Wind / Kind) ist auch der erste Reim der letzten Strophe (geschwind / Kind). Schließlich weist das »Er faßt ihn sicher« (4) auf das »jetzt faßt er mich an« (27) voraus.
Zur Metrik:
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? xXxxX | xXxX
Es ist der Vater mit seinem Kind. xXxXx | xXxX
Er hat den Knaben wohl in dem Arm, xXxXx | XxxX
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm. xXxXx | xXxX
Noch nutzt der Dichter die Spielräume des Metrums kaum aus. Es setzt verlässlich die Mittelzäsur und bildet seine Verse konsequent aus neun Silben. Am häufigsten ist der jambische Halbvers (sechs von acht) – wenn man den zweiten Halbvers des dritten Verses (»wohl in dem Arm«) jambisch liest (sowohl »wohl« als auch »in« sind schwache Silben), fällt nur der allererste Halbvers mit seiner Doppelsenkung aus der Reihe.