Erlkönig
Strophe 2
Zusammenfassung
Der Vater fragt seinen Sohn, warum er sein Gesicht ängstlich bei ihm verbirgt. Der Sohn antwortet mit der Frage, ob der Vater denn den Erlkönig mit seiner Krone und seinem Schweif nicht sehe? Der Vater antwortet, das seien nur Nebelschwaden
Analyse
Der Dialog wird durch die unwillkürlich Schutz suchende Geste des Kindes ausgelöst. Es geht davon aus, dass der Vater die Erscheinung, die es ängstigt, auch sieht, und ist überrascht, weil es von der Frage des Vaters auf das Gegenteil schließen muss.
Woher weiß das Kind den Namen des Erlkönigs? Hat er schon zu ihm gesprochen, kennt er ihn als mit den Attributen Krone und Schweif kenntlich werdende Sagengestalt?
In der Strophe umschließen die beiden vom Vater gesprochenen Verse die Äußerung des Kindes. Der väterliche Schutz ist noch intakt. Seine Bruchstelle ist die Strategie, mit der der Vater gegen die kindliche Angst vorgeht. Er erklärt die Erscheinung, die das Kind sieht, zur Sinnestäuschung, er gibt ihr eine »natürliche« Erklärung. Der Schweif, den das Kind gesehen zu haben meint – »es ist ein Nebelstreif«. Der Reim verleiht der Verwechslung Plausibilität.
Die Erwähnung des Nebels hat außerdem die Funktion, die durchrittene Landschaft zu evozieren: Wie die Erlen deutet er auf nahes Wasser.
Zur Metrik:
Mein Sohn was birgst du so bang dein Gesicht? – xX | xXxxXxxX
Siehst Vater du den Erlkönig nicht? xXxX | xXxxX
Den Erlenkönig mit Kron‘ und Schweif? – xXxXx | xXxX
Mein Sohn es ist ein Nebelstreif. – xX | x(X)xXxX
Gleich im ersten Vers der Strophe wird die Zäsur merklich geschwächt: Der Vers ist in einem durchzusprechen – oder die Zäsur nach die Anrede zu setzen.
Im zweiten Vers wird die Anrede »du« durch die Stellung vor der Zäsur und die männliche Kadenzierung des ersten Halbverses hervorgehoben.
Nur der dritte Vers realisiert wieder die häufigste Variante der ersten Strophe: Hier bekommt die Strophe so etwas wie Fluss.
Im durchgehend jambischen vierten Vers hingegen gibt es wieder eine Schwächung der Zäsur, die wieder allenfalls nach der Anrede, also nach der ersten Hebung anzubringen wäre. Nach dem durchrhythmisierten, regelmäßigen dritten Vers erscheint der Schlussvers wie gemurmelt oder genuschelt – man könnte ihn gut mit nur zwei Betonungen, auf »Sohn« und der ersten Silbe des »Nebelstreif«, lesen.
Der Vergleich mit der Vorlage »Erlkönigs Tochter« macht wieder die poetischen Verfahren Goethes kenntlich: Bei Herder übernimmt der Erzähler die Einführung der Elfenfigur. Dort heißt es in der zweiten Strophe (die immer nur zwei Verse umfassen): »Da tanzen die Elfen auf grünem Land‘, | Erlkönigs Tochter reicht ihm die Hand.« (Herder, 335) Dass es die Elfen für die Ballade wirklich gibt steht somit außer Zweifel. Bei Goethe stehen sich in der zweiten Strophe zwei Auffassungen diametral gegenüber. Das Kind sieht etwas, der Vater sieht nichts – oder nur Gewöhnliches. Der Hörer (der im ersten Anlauf erst einmal die Zurechnung der einzelnen Dialogpartien zu den Sprechern zu leisten hat) kann hier noch nicht entscheiden, wer die richtige Wahrnehmung hat.