Skip to main content

Erlkönig

Strophe 7

Zusammenfassung

Der Erlkönig erklärt dem Jungen seine Liebe; er bekennt sein sexuelles Verlangen und droht für den Fall, dass der Junge sich verweigert, mit Gewalt. Während er von dem Erlkönig angegriffen wird, ruft der Sohn seinem Vater zu, er werde angefasst, ihm sei ein Leid geschehen.

Analyse

Mit der an Wiederholungsfiguren reichen Eloquenz des Verführers ist es vorbei. Nun spricht er für sich selbst und nicht mehr über seine weiblichen Familienangehörigen. Das Liebesbekenntnis, ja das Aussprechen der sexuellen Anziehung, die er verspürt, ist aber eine Überraschung. Weder Erlkönigs Töchter in der Vorlage, noch zum Beispiel die Meernixe in »Der Fischer« reden so.

Das »Ich liebe dich« stellt die Klimax der in den Reden des Erlkönigs auffälligen Dominanz des I-Vokals dar (liebes Kind – Spiele spiel‘ ich mit dir – wiegen […] und singen dich – liebe dich). Das »bist du nicht willig« ist demgegenüber schon wieder leicht abgeschwächt (kurzes I). Interessant auch, dass der Vokal in der Antwort des Kindes nicht vorkommt: Stattdessen bleibt es bei dem A-Vokal der »Gewalt«, mit der die Rede des Erlkönigs endete.

Wieder wechselt die Art der Wahrnehmung, von der der Sohn berichtet: Jetzt ist es der Tastsinn. Die Folge ist somit: Sehen – Hören – Sehen – Fühlen. Wie sollte der Vater den tätlichen Angriff auf seinen Sohn, der vor ihm und von ihm gehalten auf dem Pferd sitzt, nicht bemerken, nicht abwehren können? Für die Frage nach der Art der Wirklichkeit des Erlkönigs ist die Strophe entscheidend. Es scheint, als ob der Erlkönig, selbst wenn er gegenüber dem Jungen handgreiflich wird, für den Vater nicht wahrzunehmen sei. Eine natürliche Erklärung bietet er diesmal nicht an – was könnte es auch sein? Ein Ast, der ihnen im Weg hing und sie gestreift hat?

Die Ohnmacht des Vaters jedenfalls wird dadurch auf die Spitze getrieben, dass der Sohn ihn im Augenblick des Angriffes vergeblich um Hilfe anruft. Die Feststellung des Jungen, ihm sei »ein Leids« angetan worden, ist dann eigenartig abstrakt: So als habe der Erlkönig ihn wirklich nur einmal berührt, und so mit dem Leiden infiziert, das ihn rasch töten wird.

In der Vorlage ist die Stelle: »Und willt, Herr Oluf, nicht tanzen mit mir, | Soll Seuch und Krankheit folgen dir. || Sie tät einen Schlag ihm auf sein Herz. | Noch nimmer fühlt er solchen Schmerz. || Sie hob ihn bleichend auf sein Pferd. | Reit heim nun zu deinem Fräulein wert.«

Dort also ist klar, dass es sich bei der Tötung des widerspenstigen Verführungsopfers um Rache handelt. Im »Erlkönig« deutet die Drohung eher auf ein gewaltsames Durchsetzen der zentralen Forderung des Erlkönigs – eine Entführung also. Da in den umliegenden Balladen auch diejenigen, die der Verführung erliegen, in das Reich des Verführers überwechseln, indem sie sterben, wäre daher denkbar, dass die Tötung des Knaben ihn in das naturmagische Reich des Erlkönigs gewaltsam überführt.

Zur Metrik:
»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt; xXxX | xXxxXxxX
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.« - xXxxXx | xXxxX
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an! xXxxXx | xXxxX
Erlkönig hat mir ein Leids getan! - XxxXx | xXxX

Der erste Vers dieser Strophe ist der einzige Vers der Ballade mit fünf Hebungen. Dies Sprengen des sonst gültigen Maßes kann im Sinne des affektiven Ausbruchs des Erlkönigs verstanden werden (er verliert die Geduld, er rückt mit seinem wahren Beweggrund heraus), oder auch im Sinne der angedrohten Gewalttat. Insgesamt dominieren die forteilenden Doppelsenkungen, gerahmt von den beiden jambischen Halbversen »Ich liebe dich« und »ein Leids getan«. Der auftaktlose Einsatz mit »Erlkönig« ist aus dem Mund des Sohnes schon bekannt.

Veröffentlicht am 12. August 2024. Zuletzt aktualisiert am 12. August 2024.