Das Majorat

Inhaltsangabe

E. T. A. Hoffmanns Erzählung »Das Majorat« erschien im Jahr 1817 im zweiten Teil seines Erzählzyklus »Nachtstücke«. Sie schildert die dramatische Familiengeschichte dreier Generationen eines alten Adelsgeschlechtes. Ein unheimlicher Geisterspuk, charakteristisch für Hoffmanns »Nachtstücke«, spielt dabei eine zentrale Rolle und ist eng mit den familiären Konflikten verbunden. Der Text gliedert sich inhaltlich in zwei große Abschnitte, ohne dass diese äußerlich als solche gekennzeichnet sind. Von Inhalt und Umfang her reicht die Erzählung an einen Kurzroman heran und umfasst einen Zeitraum von gut vierzig Jahren (ca. 1760 bis 1800). Ort der Handlung ist ein Rittergut an der Ostsee, wohl an der Kurischen Nehrung.


Erster Teil

Die Erzählung beginnt mit der Beschreibung des düsteren Rittergutes »R..sitten« an der Ostsee. Ebenso wie seine Vorfahren meidet der Schlossherr Baron Roderich von R. den bedrückenden Ort. Er lebt in Kurland; nur einmal im Jahr zur Jagdzeit hält er sich mit Gästen auf dem Schloss auf. Roderich nutzt diese Zeit auch, um mit seinem betagten Justitiar V. rechtliche Dinge zu ordnen. V. genießt das volle Vertrauen Roderichs.

Der Ich-Erzähler Theodor wird von seinem Großonkel V. eingeladen ihn nach R..sitten zu begleiten. Der genannte Zeitpunkt ist das Jahr »179_« – man darf aufgrund des späteren Verlaufs der Geschichte annehmen, dass es sich etwa um 1799 handelt. Die beiden werden in einem dunklen Rittersaal einquartiert. In der Nacht hört Theodor gespenstisches Schlurfen im Saal, Geräusche wie Seufzen und Stöhnen, dann das Anspannen eines Pferdes. Sein Onkel nimmt Theodors Erlebnis ernst. Sie beschließen möglichen Ereignissen der folgenden Nacht mutig entgegenzutreten. Als der Spuk erneut beginnt, steht V. auf und ruft einem imaginären Gespenst die Worte zu: »Daniel, Daniel! Was machst du hier zu dieser Stunde!« Damit beendet er das unheimliche Geschehen, über das er offenbar mehr weiß, als er seinem Neffen erzählt.

Am nächsten Tag treffen Baron Roderich und seine Frau Seraphine auf dem Schloss ein. Theodor verfällt in eine jugendliche Schwärmerei für die schöne Baronin und spielt ihr auf dem Klavier vor. Amüsiert und zunehmend besorgt beobachtet V., wie sich sein Neffe in die Leidenschaft für Seraphine hineinsteigert. Er warnt ihn vor den möglichen verheerenden Folgen. Um sich abzulenken nimmt Theodor an der Jagd teil. Im Wald tötet er einen angreifenden Wolf, was ihm die Anerkennung des ruppigen Barons einbringt. Kurz darauf wird die Baronin krank. Roderich bittet Theodor, Musik zu spielen, die sich positiv auf Seraphines angespannte Nerven auswirke. Doch dazu kommt es nicht: Auf Wunsch des Onkels reisen sie ab.

Nach der Rückkehr erkrankt V. schwer. Kurz vor seinem Tod erzählt er seinem Neffen in Rückblenden die Geschichte der Barone von R. und damit die Hintergründe des Spuks.


Zweiter Teil

An dieser Stelle beginnt der zweite Teil der Erzählung, die eigentliche Geschichte des Majorats: Im Jahr 1760 stirbt der alte Baron Roderich von R., der das Rittergut als Stammsitz für seine Nachfahren eingerichtet und hier selbst gelebt hatte. Indem er das Schloss R..sitten zum Majorat machte – was bedeutet, dass der jeweils älteste der Nachfahren den gesamten Besitz erbt und hier mit seiner Familie leben darf – , wollte er sicherstellen, dass die Familie nicht auseinanderfällt, sondern ihre Macht im Laufe der Zeit vergrößert. Dieser Stammherr, Roderich I., wird als verschlossener Sonderling beschrieben. Er kommt ums Leben, als der Turm, in dem er seine Studien zur Astronomie oder Astrologie betreibt, einstürzt.

Sofort nach seinem Tod reist sein ältester Sohn Wolfgang an. Er lehnt die Übernahme des Majorats ab und erhebt bittere Vorwürfe gegen seinen verstorbenen Vater und dessen Vorkehrungen. Auch gegen den Diener Daniel erhebt er Anklage und behauptet, dieser habe seinen Vater bei seinen Entscheidungen unterstützt und so zu seinem Verderben beigetragen. Wolfgang will das Schloss aufgeben und Daniel und die anderen Bediensteten entlassen, ihnen aber einen finanziellen Ausgleich zur Verfügung stellen. Zum Beweis wirft er Daniel Geld vor die Füße, das dieser jedoch nicht annimmt.

Wolfgangs Verhalten ändert sich, als er von Roderichs Justitiar V. erfährt, dass Roderich Geld versteckt habe und Daniel das Versteck wahrscheinlich kenne. Daniel gibt V. die Information, dass im Schlafkabinett des Verstorbenen und im Schutt des eingestürzten Turmes Geld zu finden sei. Das Geld im Schlafkabinett wird gefunden, zusammen mit dem schriftlichen Wunsch Roderichs, es für den Ausbau des Schlossturms zum Leuchtturm zu verwenden. Wolfgang träumt von weiteren Reichtümern auf dem Grund des eingestürzten Turms; er will im Schloss bleiben, es renovieren und seine Familie nachholen. Auch Daniel darf jetzt weiterhin hier leben.

Unheil kündigt sich an, als Wolfgangs leichtlebiger jüngerer Bruder Hubert auftaucht. Er hat Schulden und verlangt Geld von Wolfgang. Eines Abends beobachtet V., wie Hubert im Hof eine laute Unterredung mit Daniel führt. V. hat die düstere Vorahnung, dass die beiden etwas gegen Wolfgang planen – tatsächlich erfährt er am anderen Morgen von Wolfgangs Tod. Der Majoratsherr hat in der Nacht die Tür zum eingestürzten Turm geöffnet und ist in die Tiefe gefallen. Das Erbe geht nun auf Hubert über, der jedoch nicht im Majorat leben will und das Schloss verlässt. V. hält ihn für den Mörder seines Bruders; andere vermuten einen Unfall.

Viele Jahre später, nach Huberts Tod, fällt das Erbe an seinen Sohn Hubert II., der im Schloss auftaucht und sich in anmaßender Weise als dessen Eigentümer aufführt. Bei der Testamentseröffnung erscheint ein fremder junger Mann. Es ist Wolfgangs Sohn Roderich II., der der heimlichen Ehe Wolfgangs mit der nicht standesgemäßen Julie von St. Val entstammt. Roderich II. ist also der rechtmäßige Schlosserbe. Schäumend vor Wut läuft Hubert II. aus dem Saal und versucht später das Testament anzufechten.

V. beobachtet den alten Diener Daniel beim Schlafwandeln. Noch immer hat er den Verdacht, dass Wolfgang vor Jahren einem Verbrechen zum Opfer fiel, in das Daniel verwickelt war. Er versucht Daniel zu einem Geständnis zu bringen und schließlich überlässt dieser ihm Unterlagen, die Aufschluss über die Vergangenheit geben.

Von jeher waren Hubert I. und Wolfgang wegen des Majorats zerstritten gewesen. Hubert war erbittert über die Ungerechtigkeit, die dem Erstgeborenen das gesamte Erbe zuspricht. Gemeinsam mit dem von Wolfgang gedemütigten Daniel hatte er den Anschlag auf Wolfgang geplant, obwohl er von dessen heimlicher Ehe und dem Sohn Roderich II. wusste. Daniel hatte Wolfgang nachts in die Tiefe gestoßen. Wolfgangs letzte, verwunderte Worte waren: »Daniel, Daniel! Was machst du hier zu dieser Stunde!« – jene Worte, mit denen V. Jahrzehnte später den nächtlichen Spuk bannen sollte. Nach Wolfgangs Tod wurde Hubert von Reue erfasst, verließ das Schloss und unterstützte Roderich II. finanziell aus der Ferne.

Hubert II. hört auf, das Testament anzufechten, als er von der Beteiligung seines Vaters an dem Mord erfährt. Er tritt den Militärdienst an und fällt später im Krieg. Seine Mutter und seine Schwester Seraphine, die er nach R..sitten mitgebracht hatte, sind jedoch noch dort, als Roderich sein Erbe antritt. Seraphine und Roderich verlieben sich ineinander und heiraten. Doch auch sie werden vom Unglück heimgesucht: Wenige Tage, nachdem V. und sein Neffe Theodor R..sitten verlassen haben, stürzt die Baronin tödlich bei einer rasenden Schlittenfahrt, gejagt von Geistererscheinungen. Hier endet die Erzählung des Onkels.

Der kurze letzte Abschnitt spielt einige Jahre nach V.s Tod. Theodor gelangt durch Kriegswirren in die Nähe von R..sitten und erinnert sich an seine Erlebnisse als junger Mann und an die Erzählung seines verstorbenen Onkels. Er erfährt, dass das Majorat seit Roderichs Tod dem Staat gehört und findet nur noch eine verfallene Ruine vor. Aus einem Teil der Steine hat man einen neuen Leuchtturm gebaut. Ein alter Bauer erzählt Theodor, dass man bei Vollmond noch immer Klagelaute aus der Schlossruine hören könne.


Interpretationsansätze

Zeitgeschichtliche Einordnung

Das dargestellte Familiendrama spielt sich unmittelbar vor und nach der französischen Revolution ab, einer Zeit, die für einen gewaltigen gesellschaftlichen Umbruch steht.

Praxis des Majorats steht für überkommene Strukturen

Am Beispiel einer komplexen Erbschaftsgeschichte, in die mehrere Generationen eines Adelsgeschlechtes verstrickt sind, zeigt E. T. A. Hoffmann, dass die alten Strukturen nicht mehr tragen. Die Praxis des Majorats, auch als Ältestenrecht bekannt, sollte verhindern, dass der Besitz einer Familie zersplittert wird und so ihren Machterhalt und die Bedeutung ihres Namens für die Zukunft sichern. Die Ungerechtigkeit, die damit einhergeht und dafür sorgt, dass die jüngeren Geschwister wenig oder gar nichts erben, passte jedoch immer weniger in die Zeit. Wie die Erzählung des alten Justitiars V. zeigt, entwickelt sich für das Adelsgeschlecht von R. im Lauf der Jahrzehnte alles genau entgegen den ursprünglichen Absichten des Ahnherrn Roderich I. Statt die Familie und ihren Besitz zu festigen, zerstört das Majorat den Zusammenhalt und führt letztlich in den Untergang. Am Ende bleibt nur noch eine Ruine und ein aus ihren Steinen erbauter Leuchtturm, Sinnbild einer besseren und weltoffeneren Zukunft.

Verhalten der Adligen ist von Schwäche geprägt

Die die Erzählung voller typischer Elemente der Schauerromantik ist, ist sie keine genretypische »Gruselgeschichte«. Während die Geistererscheinungen eher für eine Atmosphäre des Unheimlichen sorgen, als die reale Handlung voranzutreiben, sind es die Abgründe des menschlichen Wesens, die für die Katastrophen verantwortlich sind: Gier, Neid, Eifersucht und Hass bestimmen die Handlungen der Erben.

Der bürgerliche Justitiar V. vertritt die neue Gesellschaftsordnung

Dem unmoralischen Verhalten der Adeligen wird die weise Haltung des bürgerlichen Justitiars V. gegenübergestellt, der bereits auf eine neue Gesellschaftsordnung verweist. Vernunft, Geduld und Verständnis für menschliche Schwächen kennzeichnen seine Person und sein Handeln. So versucht er, seinem Neffen auf sehr geschickte Art und Weise die Unmöglichkeit seiner Liebe zur Baronin klarzumachen. Nicht mit Drohungen und Verboten, sondern mit Ironie und Witz führt er Theodor sein unsinniges Verhalten vor Augen.

In der engen Beziehung zwischen Theodor und seinem Großonkel V. scheint eine Alternative zur adeligen Erbfolge auf: die freiwillig gewählte Verantwortung für einen entfernten Verwandten, eine Bindung, die auf Vertrauen und Verständnis basiert. V. zeichnet sich nicht nur durch seine überlegte und überlegene Wesensart aus, sondern auch durch seine bürgerlichen Erziehungsmethoden. Er setzt auf das Gespräch und das Geschichtenerzählen und führt Theodor so sanft auf den richtigen Weg. Nicht zufällig sind es auch die beiden einzigen bürgerlichen Figuren in der Geschichte, die der Geistererscheinung mutig entgegentreten – möglicherweise eine Allegorie auf das »Gespenst« des Adels und die bürgerliche Revolution.