Der goldne Topf

Inhaltsangabe

Bis heute gilt die Novelle »Der goldne Topf« von E. T. A. Hoffmann als eines der bedeutendsten Werke des Vertreters der Romantik. Die Erstveröffentlichung ist auf das Jahr 1814 datiert; fünf Jahre später wurde das »Märchen aus der neuen Zeit« durch den Autor überarbeitet. Es spielt zur Zeit seiner Entstehung, also im frühen 19. Jahrhundert, in Dresden. Zu den Besonderheiten der Märchen-Novelle gehört die Gliederung in 12 sogenannte »Vigilien« (Vigil = Nachtwache bzw. Nachtgebet).

Vigil Eins

Vor dem Schwarzen Tor in Dresden stolpert der Student Anselmus über die Waren einer alten Marktfrau. Obwohl er ihr den Schaden von seinem knappen Geld ersetzt, ruft sie ihm einen Fluch hinterher: Er werde bald in ein Kristall fallen. Unter einem Holunderbaum am Elbufer sinniert Anselmus über das neuerliche Unglück und sein Leben, das von Missgeschicken geprägt ist. Plötzlich hört er über sich in der Baumkrone die verführerischen Stimmen von drei Schlangen. Er verliebt sich in die blauen Augen eines der Tiere. In der Dämmerung verschwinden die Schlangen in Richtung Fluss. Anselmus umarmt den Baum und fleht die Schlangen an zurückzukommen.

Vigil Zwei

Anselmus trifft seinen Freund, Konrektor Paulmann. Mit ihm, seinen Töchtern sowie Registrator Heerbrand fährt er über die Elbe. Plötzliche Lichtreflexe im Wasser hält Anselmus für die drei Schlangen. Wie besessen will er sich aus der Gondel ins Wasser stürzen, was der Bootsmann verhindert. Am anderen Elbufer ist er zu Gast in Paulmanns Haus. Heerbrand bietet ihm eine Stelle als Kopierer alter Schriften bei dem wunderlichen Archivar Lindhorst an. Erfreut nimmt Anselmus an. Als er am nächsten Tag vor Lindhorsts Haus steht, erkennt er im Türklopfer das Gesicht der Marktfrau. Die Klingelschnur verwandelt sich in eine Riesenschlange, die ihn würgen will. Anselmus fällt in Ohnmacht und erwacht später in seinem Bett. Paulmann ist bei ihm.

Vigil Drei

Anselmus erfährt, dass sich die alte Marktfrau während seiner Ohnmacht um ihn gekümmert habe. Heerbrand arrangiert ein neuerliches Treffen zwischen Anselmus und Lindhorst in einem Kaffeehaus. Dort verkündet Lindhorst, der Nachfahre einer königlichen Feuerlilie und eines Jünglings namens Phosphorus zu sein. Beim Tod seines Vaters vor knapp 400 Jahren habe er sich zudem mit seinem Bruder zerstritten. Der habe sich den Drachen angeschlossen und bewache einen Karfunkelstein. Niemand in der Kaffeehaus-Runde schenkt ihm Glauben, nur Anselmus ist merkwürdig berührt. Heerbrand überredet den Archivar, Anselmus vom nächsten Tag an mit Kopierarbeiten zu betrauen.

Vigil Vier

Seit der Begegnung mit Lindhorst im Kaffeehaus fühlt Anselmus sich der Wirklichkeit entrückt. Unter dem Holunderbusch verzehrt er sich nach der blauäugigen Schlage und hofft, sie wiederzusehen. Die Arbeit bei Lindhorst hat er nicht angetreten. Eines Abends trifft der Archivar ihn unter dem Baum an. Anselmus erzählt ihm von seinen Erlebnissen. Lindhorst erklärt daraufhin, der Vater der Schlangen zu sein; die blauäugige heiße Serpentina. Wenn Anselmus bei ihm arbeite, werde er sie häufig sehen. Um den Zauber der Marktfrau zu brechen, gibt Lindhorst dem Studenten eine mysteriöse Flüssigkeit.

Vigil Fünf

Unterdessen hat sich die junge Veronika Paulmann in Anselmus verliebt, denn Heerbrand sagt ihm eine Karriere als Hofrat voraus. Sie träumt von einer Zukunft als Frau Hofrätin. Um Klarheit über die Zukunft zu erhalten, sucht sie eine Wahrsagerin auf. Diese kann verschiedene Gestalt annehmen, eine davon ist die der Marktfrau, eine andere die von Veronikas früherer Kinderfrau. Letztere behauptet, Anselmus sei dem Zauber ihres Widersachers Lindhorst verfallen und werde die goldgrüne Schlange heiraten. Auf Veronikas Flehen hin bietet die Alte ihre Hilfe an. Gemeinsam wollen sie Anselmus dem Einfluss Lindhorsts entziehen.

Vigil Sechs

Dank der geheimen Essenz kommt Anselmus unbehelligt von der Alten an Lindhorsts Türklopfer vorbei und will seine Arbeit bei dem Archivar aufnehmen. Ein Spuk scheint über dessen Haus zu liegen; Anselmus nimmt merkwürdige Dinge und Erscheinungen wahr. In einem goldenen Topf entdeckt er Traumbilder und Spiegelungen, die ihn verzücken. Dieser Topf soll Serpentinas Mitgift sein, verrät Lindhorst. Anselmus‘ Aufgabe besteht in der Abschrift fremdsprachiger Texte. Anselmus arbeitet wie im Rausch; ein Liebesbann scheint ihn zu beflügeln. Lindhorst ist zufrieden und rät ihm, Serpentina die Treue zu halten.

Vigil Sieben

Um Anselmus zu gewinnen, begibt sich Veronika vertrauensvoll in die Hände ihrer vermeintlichen Kinderfrau. Die Alte inszeniert ein gespenstisches, nächtliches Hexenritual. Veronika fällt in Ohnmacht und kommt erst in ihrem eigenen Bett wieder zu sich. Bei sich trägt sie jetzt eine Art Medaillon, einen Metallspiegel, in dem sie Anselmus sehen und mit ihm reden kann.

Vigil Acht

Anselmus hat sich bei der Arbeit bewährt. Deshalb unterzieht Lindhorst ihn einer letzten Prüfung: der Abschrift eines unersetzlich kostbaren Schriftstücks. Während der Arbeit erscheint Serpentina. Sie offenbart Anselmus, ihr Vater sei ein verzauberter Salamander. Der Geisterfürst Phosphorus habe ihn zur Strafe für ein Unrecht in ein Leben als einfacher Mensch verbannt. Erlöst werden könne er nur, wenn jede seiner drei Schlangen-Töchter einen Mann heirate, der offen ist für die Existenz einer Welt jenseits des Sicht- und Fassbaren.

Vigil Neun

Anselmus ist zu Gast bei Konrektor Paulmann. In Veronikas Metallspiegel erkennt Anselmus den Zauber als Ausgeburt seiner Fantasie. Er ist erleichtert und sehr verliebt in Veronika. Unter Alkoholeinfluss kehren die inneren Dämonen jedoch zurück. Anselmus fühlt sich hin- und hergerissen zwischen Realität und der Welt des Phantastischen. Deshalb ist er bei der Arbeit unkonzentriert; er ruiniert das ihm anvertraute Schriftstück. Sofort erscheinen Geister, um ihn zu bestrafen. Nach einer Ohnmacht findet sich Anselmus fest eingeschlossen in einer Kristallflasche wieder.

Vigil Zehn

Gefangen in der Flasche leidet Anselmus große Qualen. In Gestalt einer Kaffeekanne weist die Alte ihn darauf hin, dass ihr Fluch sich erfüllt habe. Der verwirrte Anselmus will sich jedoch nicht von ihr befreien lassen. Er fühlt sich schuldig, weil er sich von Serpentina abgewendet hat. Unterdessen hat die Alte den goldnen Topf gestohlen und will fliehen. Anselmus hört Serpentina stöhnen und will das Kristall sprengen, um sie zu retten. Es kommt zu einem erbitterten Kampf zwischen der Hexe und Lindhorst, den Lindhorst für sich entscheidet. Die Alte wird vernichtet. Anselmus wird aus der Flasche befreit und schließt seine Geliebte in die Arme.

Vigil Elf

Anselmus ist seit längerer Zeit verschwunden. Da Konrektor Paulmann ihm einen Pakt mit dem Teufel unterstellt, ist er erleichtert. Inzwischen ist Heerbrand zum Hofrat ernannt worden und hält um Veronikas Hand an. Glücklich darüber, dass ihre Träume, Frau Hofrätin zu werden, sich erfüllen, schwört sie der Welt des Phantastischen ab und willigt in die Hochzeit ein.

Vigil Zwölf

Lindhorst ermöglicht dem Erzähler des Märchens eine Vision von Anselmus: Dieser lebt – glücklich vereint mit Serpentina – auf einem Rittergut im Zauberreich Atlantis. Als der Erzähler Anselmus‘ Freuden mit seinem eigenen armseligen Leben vergleicht, tröstet ihn Lindhorst: Jeder Mensch habe Zugang zum Geheimnis der Natur, in der sich alle Wesen im Einklang befänden.


E. T. A. Hoffmann hat in dem Klassiker »Der goldne Topf« althergebrachte und klassische Märchen-Elemente mit antikem Mystizismus verwoben. Dazu nutzt der Schriftsteller der Romantik oft eine vergleichende Bildsprache oder Gleichnisse (beispielsweise Feuerlilie = leidenschaftliche Frau). Auch religiöse Motive finden sich in der Novelle wieder (drei Schlangen = Dreifaltigkeit). Viele unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten bieten sich an. Der Leser wird zudem durch Dialoge in die Handlung eingebunden und befindet sich so mit den Geschehnissen auf Augenhöhe.