Das Entstehungsjahr der Kurzgeschichte ist 1947, das Todesjahr des Dichters. Sie wurde nach dem Theaterstück »Draußen vor der Tür« und vor dem Aufbruch nach Basel im September niedergeschrieben (vgl. Rühmkorf 133). Die Erstveröffentlichung erfolgte am 1. August 1948 in der Zeitschrift »Für Dich« (vgl. Burgess 140); das war eine achtseitige illustrierte Frauenzeitschrift, die in der sowjetischen Besatzungszone in einer wöchentlichen Auflage von 300.000 Exemplaren von 1946 bis 1950 erschien und dann in die Frauenillustrierte »Die Frau von heute« integriert wurde. Die erste Buchpublikation gab es erst 1961 in der Nachlasspublikation »Die traurigen Geranien und andere Geschichten aus dem Nachlaß« unter der Herausgabe von Peter Rühmkorf.
Wolfgang Borchert ist für die Literatur unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Naziherrschaft eine zentrale Figur, und sein früher Tod hat verhindert, dass er über diese Rolle hinaus Profil gewinnen konnte.
Er stand im Schnittpunkt mehrseitiger Identifikationen. Den Älteren war er respektabel, eine bewegende Symbolfigur der deutschen Katastrophe, durch seinen frühen Tod einer Typologie des tragisch unvollendet-vollendeten deutschen Jünglings anzuschließen. Den Jüngeren ein Bruder, einer wie sie, der aussprach, was sie fühlten, sein Tod ein für sie miterlittener Stellvertretertod: Keiner war so sehr wie Wolfgang Borchert Stimme einer dezimierten Generation. […] Die Prosatexte aus seinen letzten beiden Lebensjahren 1946 und 1947 sind individuell und stilbildend. (Vgl. Geschichte der deutschen Literatur 56)
Wenn viele seiner Werke, und vor allem sein Theaterstück »Draußen vor der Tür« unmittelbar mit der Kriegs- und Nachkriegsthematik verbunden sind, gibt es unter den Prosatexten auch einige, die nur sehr vermittelt auf die historisch drängende Situation zu beziehen sind. Stefan H. Kaszynski unterscheidet in seiner Arbeit »Typologie und Deutung der Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert« Kriegs-, Heimkehrer- und Antikriegsgeschichten sowie andere Erzählungen und Prosaskizzen (vgl. Kaszynski 33). Unter den »anderen Kurzgeschichten« wiederum sondert er die Gefängnisgeschichten von den Kindheits- und Milieugeschichten. »Die Kirschen« gehören offensichtlich in diese letzte Kategorie. Kaszynski sieht in der Kurzerzählung eine Überprüfung des Verhältnisses Borcherts zu seinem Vater. »Die Gestalt des Vaters wird immer mit besonderer Liebenswürdigkeit gezeichnet, sein Erscheinen erfüllt die Geschichten mit einer seltsamen Melancholie, die zum Nachdenken anregt.« (Kaszynski 146)
Einen zeitgeschichtlichen Anschluss gibt es in »Die Kirschen« aber doch: Thema ist auch, wie die materielle Not die Intimbeziehungen der Kleinfamilie auf die Probe stellt. Offenbar gibt es in der Wohnung von »Die Kirschen« keinen Kühlschrank. Die Ressourcenlage scheint so angespannt zu sein, dass der Junge fürchtet, die familiäre Ordnung der Ressourcenverteilung könne vom hungrigen Vater missachtet werden.