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Die Kirschen

Absatz 12–15 [Das Gespräch II, die Auflösung]

Zusammenfassung

Seine blutende Hand thematisiert der Vater erst, als er den Blick des Jungen auf die Hand bemerkt. Er beschwichtigt ihn wegen der Verletzung und erklärt sie damit, dass er beim Spülen einer Tasse ausgerutscht sei – der Tasse, die sie, die Mutter, besonders gerne mochte und in die er die Kirschen hatte umfüllen wollen, weil sich im Bett aus dem Glas so schlecht trinken lasse. Ob es um seine Kirschen gehe, fragt der Junge, und der Vater versichert, er werde sie gleich bringen, sie stünden noch vor dem Fenster.

Analyse

Nicht, was er sagt, sondern erst der Blick des Kranken auf die blutende Hand lenkt den Vater auf das für den Sohn dringende Thema. Dabei ist nicht davon auszugehen, dass der Junge vorher nicht bereits auf die Hand geblickt hatte. Insofern scheint die Bedeutung des Satzes: »Der Kranke sah auf die Hand«, von dem Wortlaut und seiner Bedeutung leicht abzuweichen. Neu wird nicht die Fokussierung der Hand sein, sondern, dass der Blick als solcher vom Vater bemerkt und wie ein Gesprächsbeitrag oder eine Handlung gewertet wird. Zwei Dinge, die nahegelegen hätten, tut der Junge nicht: Er bemüht sich nicht, dem Vater zu helfen und er entlastet ihn nicht von der Aufgabe, ihn ins Bett zu bringen, indem er selbst den Rückweg in sein Zimmer antritt. Stattdessen bleibt sein Blick auf die Hand gerichtet.

Auch das versteht der Vater indes falsch: Er glaubt, der Junge sei von der Verletzung schockiert und deshalb untätig. Erst über den Umweg der Erklärung der Verletzung kommt er endlich auf die Kirschen zu sprechen.

Dabei zeigt sich, dass auch er innerlich mit einer symbolischen Verletzung beschäftigt ist: Er hatte, um die Kirschen dem Sohn zu servieren, eine Lieblingstasse der Mutter gewählt, und diese ist ihm nun, weil er »ausgerutscht« sei, zu Bruch gegangen. »Hoffentlich schimpft sie nicht«, sagt er. Ein schlechtes Gewissen hat der Vater also wirklich, aber gegen die Mutter, nicht gegen den Sohn. In Wirklichkeit hatte er in beider Sinne gehandelt, denn er wollte die Tasse »kalt ausspülen«, damit die Kirschen kalt blieben, damit ihr Genuss nicht geschmälert würde.

Wie die Reden und Gedanken des Jungen sind auch seine Reden von Wiederholungen durchzogen. Allgemein wechselt er zwischen der Aufforderung an den Jungen, ins Bett zu gehen, und der Beschreibung und Erklärung seiner Situation. Besonders seine längste Replik (Absatz 13) ist ähnlich strukturiert wie die längste (gedankliche) Rede des Jungen (Absatz 3). So wie der Junge rechtfertigend den Grund für sein Privileg wiederholt (»Und ich hab das Fieber«), so wiederholt der Vater rechtfertigend, weshalb er die Tasse hatte benutzen wollen. Er beschreibt den eingetretenen Verlust der Tasse mit einem mit »Jetzt« beginnenden Satz (»Jetzt hat er das Glas hingeschmissen.« – »Jetzt hab ich sie kaputt gemacht) und wiederholt, warum es gerade diesen Verlust nicht hätte geben dürfen (»Sie hat sie doch extra vors Fenster gestellt für das Fieber« – »Sie mochte gerade diese Tasse so gern«).

Erst in den Absätzen 15 und 16 kommt es das erste Mal zu einer gelingenden, verbalen Kommunikation. Der Sohn fragt: »Die Kirschen […], meine Kirschen?« und der Vater nimmt darauf unmittelbar (also grammatisch) Bezug: »Die bring ich dir gleich, […].« Und erst am Ende dieser letzten Replik des Vaters wird die Unberührtheit der Kirschen am Fenster evident: »Sie stehen noch vorm Fenster, damit sie schön kalt sind.«

Veröffentlicht am 7. Januar 2025. Zuletzt aktualisiert am 7. Januar 2025.