Die Kirschen
Absatz 2–3 [Der Junge unbemerkt in der Tür]
Zusammenfassung
Der Junge steht auf und gelangt, indem er sich dicht an der Wand fortbewegt, zur Tür. Dort sieht er den Vater auf dem Boden sitzen, die Hand voll von einer Flüssigkeit, die er für Kirschsaft hält. Der Junge wiederholt in Gedanken die anklagende Gegenüberstellung von dem Zweck der Kirschen und ihrem vermeintlichen Verzehr durch den Vater.
Analyse
Zur akustischen tritt nun die visuelle Wahrnehmung hinzu. Der Junge begibt sich aus dem schützenden Bett, um die Situation im Nebenraum in Augenschein nehmen zu können – nicht, um den Vater mit seinen Vorwürfen zu konfrontieren. Ist er dafür zu schwach? Er kann sich offenbar nur mit Mühe fortbewegen – nur indem er dicht an der Wand läuft; und in der Tür stehend hält er sich an der Türklinke fest. Nur das verrät dem Vater seine Anwesenheit.
Die Abfolge von kurzer Erzählerrede und längerer Gedankenwiedergabe – eben in einem Absatz komprimiert – verteilt sich nun bei ähnlichen Proportionen auf zwei Absätze (3 Zeilen gegen 9 Zeilen). Wieder enthält die Erzählerrrede neben neutralen Angaben eine falsche Angabe, die nur anhand der internen Fokalisierung auf den Jungen zu erklären ist: »Er hatte die ganze Hand voll Kirschsaft.« Wieder und jetzt verstärkt fällt auf, wie voreingenommen der Junge seine Wahrnehmungen deutet. »Alles voll Kirschen« – dieser Satz kann keiner echten Wahrnehmung entsprechen, das heißt der Junge sieht in Wirklichkeit keine Kirschen, er sieht nur das Blut an der väterlichen Hand, aber er schließt von dem vermeintlichen Saft darauf, dass alles »voll Kirschen« sein müsse. Er fragt sich nicht, weshalb sein Vater auf dem Boden sitzt, und nicht, weshalb ihm beim Kirschenessen der ganze Kirschsaft über die Hand gelaufen ist – warum er ihn etwa nicht aus dem Glas getrunken hat.
Der dritte Absatz entwickelt das motivische Material der Gedanken im ersten Absatz weiter. Wiederholt werden, unten fett, wieder Beschreibungen der gegenwärtigen Situation (das Privileg wurde verletzt), der Grund für das verletzte Privileg (das Fieber, unten kursiv) und die Evokation des nun ihm vorenthaltenen, von der Mutter ihm zugedacht gewesenen Genusses (unten unterstrichen):
Alles voll Kirschen, dachte der Kranke, alles voll Kirschen. Dabei sollte ich sie essen. Ich hab doch das Fieber. Er hat die ganze Hand voll Kirschsaft. Die waren sicher schön kalt. Sie hat sie doch extra vors Fenster gestellt für das Fieber. Und er isst mir die ganzen Kirschen auf. Jetzt sitzt er auf der Erde und hat die ganze Hand davon voll. Und ich hab das Fieber. Und er hat den kalten Kirschsaft auf der Hand. Den schönen kalten Kirschsaft. Er war bestimmt ganz kalt. Er stand doch extra vorm Fenster. Für das Fieber.