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Die Kirschen

Absatz 4–11 [Das Gespräch I, das Missverständnis]

Zusammenfassung

Der Vater bemerkt den Sohn, weil die Türklinke, an der sich der Junge festhält, quietscht. Er zeigt sich erschrocken darüber, dass er aus dem Bett gestiegen ist. Der Junge äußert seine Anklage wegen der Kirschen, ohne dass ihn der Vater versteht. Diesem gelingt es nicht, wiederaufzustehen, und erklärt diese Unfähigkeit mit dem Schrecken: Er sei hingefallen. Doch müsse der Junge schnell wieder ins Bett.

Analyse

Die Aufklärung über den Irrtum, dem der Junge unterliegt, wird nun über eine weite Strecke (vom Umfang her die Hälfte der Kurzgeschichte) hinausgezögert. Vater und Sohn reden aneinander vorbei. Das liegt an der Fixierung beider auf ihre jeweilige Situation. Der Junge hat weiterhin nur die Kirschen im Sinn, der Vater aber sieht, wenn er seinen Sohn sieht, hauptsächlich die Gefahr, der er sich dadurch aussetzt, dass er das wärmende Bett verlässt. »Junge, du mußt doch zu Bett«, ist mithin das erste, was er sagt, und nicht: »Junge, was ist los?«

Wenn der Vater die Notwendigkeit sieht, den Jungen zurück ins Bett zu bringen, wird er zugleich auf die eigene Unfähigkeit verwiesen, genau dies jetzt zu tun, denn nach dem Schnitt und dem Sturz kann er erst einmal nicht aufstehen. Er ist selbst hilflos und hilfebedürftig, der Sohn ihm in gewisser Weise überlegen (»Der Vater sah ihn hilflos von unten an.«).

Die Reden des Jungen versteht er nicht – die meiste Zeit flüstert er –, und wenn er sie akustisch versteht, kann er sie offenbar nicht einordnen. In Absatz 8 spricht der Junge das einzige Mal laut, und in der Tat könnten die rhetorischen, anklagenden Fragen, die er dort stellt, leicht missverstanden werden: »Waren sie kalt? fragte er laut. Ja? Sie waren doch sicher schön kalt, wie? Sie hat sie doch extra vors Fenster gestellt, damit sie ganz kalt sind. Damit sie ganz kalt sind.«

Das motivische Material der Gedanken des Jungen wird in dem Dialog etwas ausgedünnt und zugleich intensiviert. Die Beschreibung der Situation beschränkt sich auf den elliptischen Satz »Alles voll Kirschen« in drei Variationen (»Alles Kirschen«, »Alles meine Kirschen«) und die Rechtfertigung des Privilegs (das Fieber) kommt gar nicht mehr vor. Intensiviert wird aber das oben blau markierte Motiv von der Kälte des Kirschsaftes und seiner eigentlichen Bestimmung. Gerade diese Zuspitzung ermöglicht das Missverständnis.

Veröffentlicht am 7. Januar 2025. Zuletzt aktualisiert am 7. Januar 2025.