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Der gute Mensch von Sezuan

Figuren

Figurenkonstellation

Der gute Mensch von Sezuan – Figurenkonstellation
  • Shen Te

    Es wird schon früh gezeigt, dass Shen Te nicht in der Lage ist, Menschen etwas abzuschlagen. Offensichtlich ist das aber nicht nur ein Nachteil, denn die Tatsache, dass sie Wang gegenüber nicht nein sagen konnte, als dieser sie bat, die Götter aufzunehmen, hat immerhin dazu geführt, dass sie sich den Tabakladen kaufen konnte.

    Als sie jedoch ihren Laden eröffnen will, versorgt sie weiterhin die Bedürftigen des Viertels. Auch – und sogar häufig – die, die sich ihr gegenüber einmal schlecht verhalten haben. In einer Publikumsansprache in Szene 1 erläutert sie ihr Verhalten in Versen: »Sie sind ohne Obdach. / Sie sind ohne Freunde. / Sie brauchen jemand. / Wie könnte man da nein sagen?« (20). Shen Te ist fest vom Guten in ihren Mitmenschen überzeugt. Das zeigt sich auch im folgenden, schnellen Wechselgespräch: »MANN: Ich wette, er hatte noch Geld in der Tasche. / SHEN TE: Er sagte doch, daß er nichts hat. / DER NEFFE: Woher wissen Sie, daß er Sie nicht angelogen hat? / SHEN TE aufgebracht: Woher weiß ich, daß er mich angelogen hat!« (21)

    An diesem Dialog wird deutlich, wie sehr Shen Tes Menschenbild von dem ihres sozialen Umfelds absticht. Während ihr Umfeld im Mitmenschen eher das Schlechte zu erwarten scheint, geht sie vom Guten aus. Genau das stellt sich im Laufe des Stückes aber zunehmend als Problem heraus.

    Sie empfindet sich als von den Bedürftigen geradezu belagert: »Aber um mich sitzen die Verletzlichen, die Greisin mit dem kranken Mann, die Armen, die am Morgen vor der Tür auf den Reis warten, und ein unbekannter Mann aus Peking, der um seine Stelle besorgt ist« (90). Shen Te fühlt sich den Bedürftigen gegenüber verpflichtet.

    Das geht sogar soweit, dass sie sich vor allem aus Mitleid in Sun verliebt: »Wenn ich sein schlaues Lachen sah, / bekam ich Furcht, aber / Wenn ich seine löchrigen Schuhe sah, liebte ich ihn sehr« (98).

    Doch die Liebe aus Mitleid kann auch in Aggression gegenüber äußeren Einflüssen kippen. So entschließt sie sich in der Szene, in der offenbar wird, dass Sun für 500 Silberdollar eine Stellung als Flieger bekommen könnte, bewusst dazu, in die Verkleidung von Shui Ta zu schlüpfen, um ihm dieses Geld zu verschaffen. Sie entscheidet sich also für den Weg der Aggression.

    Noch deutlicher erklärt sie dies freilich in der Szene, in der ihr klar wird, dass sie Mutter wird: »So werde ich / Wenigstens das meine verteidigen und müßte ich / Zum Tiger werden. Ja, von Stund an / Da ich das gesehen habe, will ich mich scheiden / Von allen und nicht ruhen / Bis ich meinen Sohn gerettet habe, wenigstens ihn!« (104). Die Aggression, die sie als Shui Ta ausübt, liegt also in ihr. Ihr eine gespaltene Persönlichkeit zu attestieren, führt an der Realität des Stückes vorbei.

  • Shui Ta

    Shui Ta erscheint zunächst als Negation Shen Tes. Er verkörpert all das, wofür sie nicht steht. Allerdings ist die Realität des Stückes nicht so einfach. Shui Ta ist ein fiktiver Charakter »zweiter Ordnung« (Knopf 2001, S. 430). Er baut auf Shen Te auf und negiert sie nicht einfach nur. Natürlich ist Brecht als marxistischer Literat in der Dialektik geschult. Dialektisch ist das in einem höheren Begriff aufgehobene nicht vernichtet, es ist – mindestens virtuell – noch enthalten.

    Das bedeutet hier: Shen Te ist die Grundlage von Shui Ta und in diesem Sinne in diesem immer noch enthalten. Shui Ta ist nicht die Vernichtung Shen Tes, sondern vielmehr Shen Te in anderer Richtung. Die Anlagen steuert Shen Te bei, die also wirklich kein »Engel der Vorstädte« ist. Es ist auch kaum anzunehmen, dass Brecht mit der Figur der Shen Te ein Identifizierungsangebot machen will.

    Einfühlung versteht Brecht als eine Form religiöser Ideologie (Brecht 1967, S. 241–242). Für Brecht ist religiöse Ideologie kein notwendiger Bestandteil moderner Gesellschaften. Im Gegenteil: Religion ist für ihn das Relikt einer überkommenen Zeit. Einfühlung und Religion sind Kategorien des Bürgerlichen Individualismus. Die Zuschauer des epischen Theaters sollen sich nicht einfühlen, sie sollen sagen: »So darf man es nicht machen« oder »Das muß aufhören« (Brecht 1967, S. 265).

    In diesem Sinne ist die Doppelfigur Shui Ta/Shen Te zu verstehen. Keine der beiden Seiten ist nachahmenswert. Zwar bricht in Shen Te immer wieder in lyrischem Gewand eine Sprache heraus, die sich durchaus mit Überzeugungen Brechts decken kann. Das ist aber nicht das entscheidende Faktum. Entscheidend ist, dass Shen Te und Shui Ta Reaktionen auf gesellschaftliche Zustände darstellen, die von einzelnen gar nicht geändert werden können. Mit anderen Worten: Sie sind beide abschreckende Beispiele, anhand derer die Zuschauer lernen sollen, die Welt zu ändern.

  • Wang

    Wang ist die Figur, die das Stück eröffnet. Er stellt sich dem Publikum direkt vor. Das hat ihn in einigen Inszenierungen zu einer Art »Conferencier« (Jeske 2003, S. 194) werden lassen. So etwa in der 1952er-Inszenierung in Frankfurt am Main, in der Wang nicht nur den Prolog, sondern auch den Epilog hielt (Jeske 2003, S. 194).

    Tatsächlich ist Wang eine herausgehobene Person. Er ist die einzige Person, die regelmäßig mit den Göttern interagiert – wenn auch meist im Traum, sodass sich nicht entscheiden lässt, ob diese Interaktionen faktisch stattfinden. Tatsächlich scheinen diese Interaktionen aber einen Einfluss auf das Verhalten der Götter zu haben.

    Wang erscheint als sehr bemühter Mensch. Er stellt sich mit folgenden Worten vor: »Ich bin Wasserverkäufer hier in der Hauptstadt von Sezuan. Mein Geschäft ist mühselig. Wenn es wenig Wasser gibt, muß ich weit danach laufen. Und gibt es viel, bin ich ohne Verdienst« (7). Dieses Problem des Kapitalismus zeigt sich auch in dem von ihm gesungenen »Lied des Wasserverkäufers im Regen«. Dort heißt es, die Natur beklagend, »Ja, jetzt säuft ihr Kräuter / Auf dem Rücken mit Behagen / Aus dem großen Wolkeneuter / Ohne nach dem Preis zu fragen« (50–51).

    Hier zeigt sich, dass Wang der kapitalistischen Kommodifizierung von Naturgütern vollständig unterworfen ist – was nicht verwundert, schließlich macht er sein Geld mit dem Handel eines Naturgutes. Die natürliche Ressource Wasser wird von ihm mit einem Preis versehen, der sich seiner Kontrolle entzieht.

    Allerdings versucht Wang durchaus Einfluss auf den Preis zu nehmen: Er greift zum Betrug. Dies ist bereits in der Exposition – dem Vorspiel in diesem Fall – erkennbar. Der dritte Gott glaubt zunächst noch, in Wang den ersehnten guten Menschen getroffen zu haben: »Der Wasserverkäufer selber ist ein solcher Mensch, wenn mich nicht alles täuscht« (10). Doch der zweite Gott hat genauer hingesehen: »Es täuscht ihn alles. Als der Wassermensch uns aus seinem Maßbecher zu trinken gab, sah ich was. Dies ist der Becher« (10). Der erste Gott ruft aus: »Ein Betrüger!« (10). Auch Wang ist also nicht der ersehnte gute Mensch.

  • Sun

    Schon der erste Auftritt Suns zeigt ihn als negativen Charakter. Den beiden Prostituierten im Stadtpark ruft er hinterher: »Aasgeier!« (45). Und zum Publikum gewendet fährt er fort: »Selbst an diesem abgelegenen Platz dischen sie unermüdlich nach Opfern, selbst im Gebüsch, selbst bei Regen suchen sie verzweifelt nach Käufern« (45). Anstatt die Not der Sexarbeiterinnen zu sehen, begreift er sich als ihr »Opfer«.

    Auch Shen Te gegenüber ist er alles andere als sympathisch. Sie als Prostituierte lesend, sagt er zu ihr: »Schwester, laß ab, es hilft dir nichts. Mit mir ist kein Geschäft zu machen. Du bist mir auch zu häßlich. Krumme Beine« (45).

    Besonders unangenehm aber wird er, wenn er sich mit Shui Ta in männlicher Gesellschaft wähnt. »Was gewisse Leute von ihren weiblichen Verwandten und der Wirkung vernünftigen Zuredens denken, hat mich immer gewundert. Haben Sie schon einmal von der Macht der Liebe oder dem Kitzel des Fleisches gehört? Sie wollen an ihre Vernunft appellieren? Sie hat keine Vernunft!« (72).

    Sun ist nicht nur misogyn, er ist auch arrogant. Er fragt Shen Te, ob sie schon mal einen Flieger gesehen habe. Als sie dies bejaht, sagt er: »Nein, du hast keine gesehen. Vielleicht ein paar windige Dummköpfe mit Lederhelmen, Burschen ohne Gehör für Motore und ohne Gefühl für eine Maschine« (46). In seinem eigenen Verständnis ist er der größte Flieger, der jemals gelebt hat.

    Tatsächlich erscheint er eher wie ein Kleinkrimineller, der möglichst seinen Vorteil aus seinem Umfeld zu ziehen versucht. Unklar bleibt etwa, ob er gegenüber Shen Te wirklich die beiden Zugtickets aus der Tasche zieht oder nur irgendwelche Zettel, die sie beruhigen sollen (88).

    Sonderlich erfolgreich ist er nicht. Doch sein narzisstisches Selbstbild bleibt bestehen, jeglicher Kränkung zum Trotz: »Ich soll mich auf die Straße stellen und Tabak verramschen an die Zementarbeiter, ich, Yang Sun, der Flieger! Lieber bringe ich die 200 in einer Nacht durch, lieber schmeiße ich sie in den Fluß!« (87). Tatsächlich ist (fast) es genau das, was er später tun wird: Er bringt das Geld in immerhin »zwei Tagen« durch (111).

    Als er angeblich zur Bewährung bei Shui Ta angestellt wird, erweist er sich als hervorragender Vertrauter der Geschäftsführung. So erweist er sich nicht nur als sexistischer Narzisst, sondern auch als Opportunist.

    Gleichwohl verweist auch er auf einen gesellschaftlichen Missstand. Die Gesellschaft leistet sich eine umständliche Ausbildung, deren Resultat – der Pilot – gar nicht gebraucht wird. Und auch seine Mutter, die ihm »immer eingeschärft [hat], daß er jede bekommen kann« (84), dürfte ihr Teil zu seiner deformierten Persönlichkeit beigetragen haben.

  • Das Ehepaar

    Das Ehepaar wird nicht mit Namen genannt, was einerseits in expressionistischer Tradition steht, andererseits aber auch einen naheliegenden Grund haben kann: Die beiden alten Leute erscheinen neben Shen Te als die einzigen Personen in der Stadt, die nicht von Korruption und Habgier befallen sind.

    Das lässt sich wie folgt verstehen: Sie sind Repräsentanten einer im Untergang befindlichen Welt – sie sind die einzigen, die als alt bezeichnet werden, kennen also womöglich noch eine Zeit vor dem entfesselten Kapitalismus, der die Menschen voneinander trennt.

    Shen Te fühlt sich den beiden gegenüber verpflichtet, womöglich auch, weil sie – neben Wang – die einzigen sind, die wirklich unvoreingenommen freundlich zu ihr sind. Gleichzeitig verweisen die beiden alten Leute auf das Motiv von Philemon und Baucis.

    Philemon und Baucis sind Personen aus den Metamorphosen des Ovid. Die Sage geht folgendermaßen: Zeus und Hermes kommen verkleidet auf die Erde, um nachzuschauen, ob die Menschen tugendhaft sind. An tausend Türen klopfen sie, doch überall werden sie abgewiesen. Erst an der Tür des alten Ehepaars Philemon und Baucis werden sie eingelassen.

    Philemon und Baucis sind arm, teilen aber alles mit den Göttern. Erst als der Wein wie durch Zauberei nicht zur Neige geht, ahnen die alten Leute, mit wem sie es zu tun haben. Zur Ehrerbietung wollen sie die einzige Gans schlachten, die sie haben. Das weisen die Götter zurück, versprechen aber, sie zu retten, während sie ihre hartherzigen Nachbarn ihrer gerechten Strafe zuführen wollten.

    Mit den Göttern gehen die beiden alten Leute auf eine nahe Anhöhe. Oben angekommen und sich umwendend, sehen sie alle Häuser, mit Ausnahme ihres eigenen, von einer Flut verschlungen. Im Laufe des Stücks wird immer wieder mit Bezugnahmen auf dieses (teil-)apokalyptische Szenario gespielt.

  • Die Götter

    Die Götter wurden immer wieder als mögliche Kritik an der heiligen Dreifaltigkeit ins Spiel gebracht. Freilich könnte die Dreizahl ein Hinweis auf die Trinität sein (Jeske 2003, S. 206)., wobei unklar bleibt, wer Gottvater, wer Christus und wer der heilige Geist sein könnte. Eine Untersuchung in diese Richtung könnte spannende Ergebnisse zeitigen.

    Anklänge an die berühmten drei Affen, die nichts sehen, nichts hören und nichts sagen, könnten ebenfalls attestiert werden. Diese stammen angeblich aus dem Umkreis der konfuzianischen Philosophie und bedeuten – wenigstens im japanischen Kontext – ein weises oder vornehmes Hinwegsehen über missliche Zustände.

    Im europäischen Kontext stehen sie hingegen eher für eine Haltung des Nicht-wahrhaben-Wollens. Die Götter in »Der gute Mensch von Sezuan« scheinen tatsächlich eher diese europäische, kritische Lesart zu unterstützen.

    Doch sie haben durchaus ihre Gründe für defensives Verhalten, denn auch wenn sie Götter sind, scheinen sie doch tatsächlich verletzlich zu sein. Als sie sich in einen Streit schlichtend einmischen wollen, erhält einer von ihnen ein blaues Auge (94).

    Überhaupt scheinen sie nicht sehr mächtig zu sein, nicht nur müssen sie offenbar Rechenschaft gegenüber einer höheren Stelle leisten (16), sie können an den Zuständen auf der Welt auch nicht wirklich etwas ändern (55). Demiurgen sind es nicht. Doch auch als Strafende treten sie nicht auf, auch wenn die Menschen ihnen Unglücksfälle zuschreiben (55).

  • Frau Shin

    Der erste Auftritt von Frau Shin findet sich bereits in der ersten Szene. Sie ist diejenige, die Shen Te ihren Laden verkauft hat. Nun aber beschwert sie sich genau darüber: »Zuerst rauben Sie mir und meinen Kindern das Heim und dann heißt es eine Bude und ein Elendsviertel« (19). Frau Shin ist ebenfalls – wie eigentlich alle Figuren des Stückes – deutlich überzeichnet. Sie erscheint als grundsätzlich missgünstige, nur auf ihren eigenen Vorteil bedachte Person.

    Frau Shin ist aber nicht nur eine negative Figur. Sie ist deutlich feinfühliger als die anderen Personen, ist eine genaue Beobachterin: »Es wird ein Skandal. Man kann es fühlen, man kann es riechen. Die Braut wartet auf die Hochzeit, aber der Bräutigam wartet auf den Herrn Vetter« (89). Während die anderen Hochzeitsgäste nichts von den Absichten Suns ahnen, durchschaut Frau Shin ihn.

    Sie ist auch diejenige, die als einzige nicht von der Travestie Shen Tes geblendet wird. Sie unterstützt die schwangere Shen Te, wenngleich klar ist, dass sie dafür auch entlohnt werden will.

  • Shu Fu

    Der Barbier Shu Fu tritt das erste Mal auf, als er Wang mit einer Brennschere misshandelt und ihn so schwer an der Hand verletzt, dass dieser sie nicht mehr benutzen kann. Wenig später wendet er sich direkt ans Publikum (58). Es ist bezeichnend, dass Shen Te ihm erst in dem Moment auffällt, in dem sie selbst verliebt ist. Es hat den Anschein, als würde ihn erst der Umstand, dass Shen Te in einer Beziehung ist, dazu bringen, Shen Te als begehrenswert wahrzunehmen.

    Doch Shu Fu ist auch eine widersprüchliche Person. Shen Te gegenüber ist er selbstlos – Wang und anderen Menschen gegenüber aber zeigt er sich als unerbittlich und brutal.

    Gleichwohl könnte Shu Fu auch eine mehr oder weniger typische Figur des Kapitalismus repräsentieren: Der Magnat, der sein akkumuliertes Kapital in Stiftungen einem sozialen Mehrwert zuzuführen scheint. Die beiden Eigenschaften des brutalen Kapitalisten und des weichherzigen Philanthropen müssen sich nicht ausschließen. Ein Beispiel dafür ist die Personalunion zwischen Shen Te und Shui Ta.

    Shu Fu könnte so als Illustration dienen, dass der Mensch im Kapitalismus durchaus ambiguitätstolerant zu agieren habe, wenn er nicht Schaden nehmen wolle. Zu unterscheiden wäre hier zwischen Nah- und Fernbereich (vgl. Luhmann 1983, S. 13ff.): Im Nahbereich könne so der nette Shu Fu existieren, während im Fernbereich der gierige Kapitalist und Wasserträgermisshandler die Geschäfte führt.

    Gleichwohl liegt die Lesart näher, dass Shu Fu an Shen Te vor allem sexuell interessiert ist. Seine Unterstützung besteht ja darin, dass er menschenunwürdige Unterkünfte zur Verfügung stellt, die später auch noch als Fabrik gebraucht werden. Shu Fus Anerbieten ist daher vor allem dazu da, Shen Te zu überzeugen. Shu Fu ist also an sozialem Wandel nicht interessiert: Er ist kein Wohltäter und damit auch keine ambige Figur.

  • Schreiner Lin To

    Der Schreiner Lin To ist eine eher nebensächliche Figur, deren dramaturgischer Sinn vornehmlich darin besteht, die Hauptpersonen zu Reaktionen zu zwingen. Lin To tritt erstmals auf, als Shen Te den Laden gerade eingerichtet hat. Er verlangt die Bezahlung für Regale, die von ihm gefertigt worden sind.

    Man erfährt, dass Lin To insgesamt vier Kinder hat. Diese vier Kinder werden von Shui Ta als Druckmittel benutzt, Lin Tos Rechnungsbetrag um vier Fünftel zu drücken. Damit wird Shui Ta/Shen Te schuldig an Lin To, denn später erfährt man, dass er seine Werkstatt verloren hat. Sicher ist nicht allein die Rechnung Shen Tes daran schuld. Sie hat aber mit daran gearbeitet, Lin To arbeitslos zu machen.

    In der Folge verfällt Lin To dem Trinken, während seine Kinder alleine durch die Stadt streifen und nach Nahrung suchen. Shui Ta nimmt Lin To in seiner Firma auf, wo er in der Tabakfabrik arbeitet. Auch hier fungiert Lin To vor allem als Dialogpartner und weniger als Individuum. Er ist ein flacher Charakter ohne eigentliche Entwicklung.

  • Die achtköpfige Familie

    Die achtköpfige Familie wird allein aufgrund dieser Achtköpfigkeit mit dem mythischen Wesen Hydra in Verbindung zu bringen sein. Tatsächlich fungieren sie als eine Art Monster, das Shen Te sämtliche Reserven wegisst. Doch obwohl sie eine Gefahr für den Fortbestand des Ladens sind, kommt auch die Rettung von ihrer Seite. Schließlich sind sie es, die Shen Te dazu bringen, die Existenz des Vetters Shui Ta zu behaupten.

    Sie tun dies allerdings nicht aus selbstlosen Motiven, sondern vielmehr, um andere Konkurrenten um Shen Tes Güter abzuhalten bzw. um weiterhin als Nutznießende auftreten zu können. Die Familie tritt gerade in den früheren Szenen als habgierige Gruppe auf. Später relativiert sich dieser Eindruck unter der harten Behandlung, die sie durch Shui Ta zu erleiden haben.

    Die Mitglieder der Familie sind kaum als distinkte Charaktere zu erkennen und tragen stereotype Züge, so etwa der Großvater, der zwar immer sehr nett, gleichzeitig aber auch ein wenig verwirrt erscheint. So sind die Mitglieder durchaus auch als komische Figuren zu charakterisieren.

  • Frau Mi Tzü

    Frau Mi Tzü ist die Besitzerin des Hauses, in dem Shen Te ihren Tabakladen eröffnet. Sie ist eine kompromisslose Unternehmerin, die versucht, aus allen Situationen den größtmöglichen Vorteil zu schlagen.

    Ihre Funktion in der Handlung ist es, Shen Te in eine wirtschaftliche Notlage zu bringen. Gleich nachdem Shen Te durch die Götter eine finanzielle Unterstützung erhalten und ihren kleinen Tabakladen eröffnet hat, taucht Frau Mi Tzü auf und fordert die Miete ein. Aufgrund der beruflichen Vorgeschichte Shen Tes – sie hat als Prostituierte gearbeitet – verlangt Frau Mi Tzü die Miete im Voraus. Dass dies wirklich aus moralischen Erwägungen geschieht, wie sie Shui Ta gegenüber behauptet, darf bezweifelt werden. In erster Linie scheint es für sie eine Möglichkeit zu sein, an Geld zu kommen.
    Frau Mi Tzü ist eine klassische Vertreterin der Bourgeoisie – sie besitzt Kapital und Immobilien, während andere ums Überleben kämpfen. Ihre Forderung nach Miete setzt Shen Te unter Druck, was dazu führt, dass Shen Te sich in die Rolle von Shui Ta flüchtet, um härtere Geschäftspraktiken anzuwenden. Dadurch wird verdeutlicht, dass sich wirtschaftliche Härte oft als Notwendigkeit darstellt – selbst für jemanden, der eigentlich gut sein will. Shen Te muss also in Frau Mi Tzü ein Vorbild finden, um selbst bestehen zu können. Bezeichnenderweise verstehen sich Frau Mi Tzü und Shui Ta recht gut.

Veröffentlicht am 18. Februar 2025. Zuletzt aktualisiert am 18. Februar 2025.