Erste Arbeiten fallen bereits in die Berliner Zeit Brechts vor der Machtergreifung. Dennoch ist der Hauptteil des Stückes zwischen 1938 und 1940 im Exil entstanden. Bertolt Brecht hatte das nationalsozialistische Deutschland bereits nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933, einen Monat nach der Machtergreifung, verlassen. Schon zuvor war der Dramatiker den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge gewesen. Aufführungen Brechts wurden als Bühne des Kulturkampfes benutzt und gestört. So etwa eine Aufführung der »Maßnahme« Anfang 1933 oder bereits 1930 die Uraufführung der Oper »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny«.
Doch auch im Exil fand Brecht nur bedingt Ruhe. Sein Weg führte ihn zunächst nach Prag, dann nach Wien und schließlich nach Dänemark. Dort blieb er fünf Jahre, verließ es aber wieder – bevor die Wehrmacht es 1940 besetzte. Auch in Schweden und Finnland blieb Brecht nicht lange.
Später ließ er sich in Los Angeles nieder, wo er jedoch ebenfalls nicht glücklich wurde. Vor allem war es um Aufführungsmöglichkeiten nicht so gut bestellt wie erhofft. Deshalb dauerte es auch bis 1943, dass »Der gute Mensch von Sezuan« zur Aufführung gebracht werden konnte.
Obwohl das Stück also im erzwungenen Exil und zu einem großen Teil während des Krieges entstand, spielt der Krieg keine große Rolle in dem Stück. Obwohl es in China spielt, finden sich auch keine Hinweise auf den Chinesisch-Japanischen Krieg, der ja bereits seit 1937 tobte und insbesondere für die chinesische Bevölkerung katastrophale Auswirkungen hatte.
»Der gute Mensch von Sezuan« ist kein dokumentarisches Stück, es ist aber auch kein historisches Stück. Die gezeigte Gesellschaft ist der Zeit eher enthoben. Das Stück ist ein Parabelstück und darf sich womöglich in einer Tradition mit Lessings »Nathan der Weise« sehen, auch wenn die offensichtlichen Parallelen eher geringfügig ausfallen mögen. »Der gute Mensch von Sezuan« könnte als Antithese zum »Nathan« verstanden werden. Während bei Lessing die Welt gezeigt wird, wie sie sein soll, zeigt Brecht die Welt, wie sie ist.
Freilich bedienen sich beide Stücke in keiner Weise eines naturalistischen Inventars. Und während Lessing die entstehende Identität des Fremden zeigt, zeigt Brecht die zunehmende Entfremdung aus der Identität. »Der gute Mensch« von Sezuan darf aber definitiv als eines der großen Exilstücke Brechts gelten. Neben diesem Stück entstanden »Das Leben des Galilei« und »Mutter Courage und ihre Kinder«.
Diese Stücke unterscheiden sich von denen, die noch in Deutschland verfasst wurden, genauso wie von den wenigen späteren Stücken. Sie bilden eine Art Einheit innerhalb des Brecht’schen Werkes. Die Exilstücke sind epische Theaterstücke, haben aber gleichzeitig deutlich Teil an der Tradition des Theaters und verlieren ein wenig an experimentellem Pathos.