Uneindeutige Gattungszugehörigkeit
Eine spannende Frage ist, ob es sich bei »Der gute Mensch von Sezuan« eigentlich um eine Komödie oder eine Tragödie handelt. Das Stück geht allem Anschein nach nicht gut aus, und doch ist es nicht tragisch in dem Sinne, in dem das Bürgerliche Trauerspiel tragisch ist.
Knopf schreibt: »Komödie ist das Stück [...] aufgrund seiner Spielanlage, nach der die gesamte Handlung als Spiel im Spiel [...] abläuft und von irrealen Traumszenen unterbrochen wird, in denen die Götter auch insofern als komische Figuren erscheinen, als ihr Selbstverständnis (und scheinbare Macht) immer mehr mit Realitäten kollidiert, die sie nicht wahrhaben wollen. Ihre zunehmende Verlumpung und Ramponierung macht sie zu Witzfiguren ihres hohen Anspruchs« (Knopf 2001, 434).
Der Text kann sich sogar auf Marx berufen, wo es um die Einschätzung als Komödie geht: »Die letzte Phase einer weltgeschichtlichen Gestalt ist die Komödie. Die Götter Griechenlands, die schon einmal tragisch zu Tode gekommen verwundet waren im gefesselten Prometheus des Äschylos, mußten noch einmal komisch sterben in den Gesprächen Lucians. Warum dieser Gang der Geschichte? Damit die Menschheit heiter von ihrer Vergangenheit scheide« (Marx 1970, S. 382).
In diesem Sinne sind die Brecht’schen Götter also als Relikte alter Götter zu verstehen und die Komödie als Abgesang auf das theologische Zeitalter. Das passt durchaus zu Brecht, der die Religiosität als Atavismus bezeichnet hatte (Brecht 1967, S. 241–242).
Menschenbild und Handlungskonsequenzen
Eine andere Interpretation beschäftigt sich mit der Frage, welche positiven Lehren aus dem Stück gezogen werden könnten. Fest steht, dass hinter dem Stück ein Menschenbild steht, das durch eine gewisse Affirmation geprägt ist. Shen Te versteht den Menschen grundsätzlich als gut und will ihn auch von anderen so verstanden wissen. Zweifel, die an der Güte des Menschen aufkommen, will sie – wie die Götter auch – aber nicht eigentlich hören.
Es stellt sich die Frage, ob Shen Te wirklich ein geeignetes Beispiel ist, an dem sich zu orientieren wäre. Die Antwort darauf kann allerdings ziemlich knapp ausfallen: Nein. Shen Te ist genauso wie alle anderen in einer Welt gefangen, die auf restloser Verwertung des Mitmenschen besteht und deswegen eine Konkurrenzsituation aller gegen alle schafft.
Quintessenz des Stückes ist also, dass es gar keine guten Menschen geben kann, wenn alles auf den Kannibalismus des Kapitalismus abgestellt ist. »Es gibt kein richtiges Leben im Falschen« (Adorno 1980, S. 43), schrieb Adorno ungefähr zur gleichen Zeit. Es ließe sich dafür argumentieren, dass »Der gute Mensch von Sezuan« als Ausformulierung der Adorno’schen Sentenz fungieren kann.
Shen Te ist also keinesfalls als Vorbild zu verstehen. Sie, genauso wie alle anderen Figuren des Stückes, sind abschreckende Beispiele und Anlass zur Reflektion. Die Zuschauer sind aufgerufen, sich selbst einen Reim auf das Stück zu machen. Und dieser muss nicht im Nachdenken bestehen, sondern könnte vielmehr darin bestehen, aktiv für menschenwürdige Zustände zu kämpfen.