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Der gute Mensch von Sezuan

Sprache und Stil

»Der gute Mensch von Sezuan« bedient sich eines breiten sprachlichen Registers. Zwischen pathetischen und  lyrischen Passagen finden sich immer wieder Passagen, in denen Stichomythien für ein hohes Gesprächstempo sorgen. Die Sprache ist dabei nicht naturalistisch gehalten. Gleichzeitig ist sie nur in den lyrischen Einlagen von einem gehobenen Ton.

Es gibt keine Dialekte, wie sie etwa bei Zuckmayer oder Hauptmann vorkommen und dort eine wichtige Funktion übernehmen. Es wäre Brecht ohne weiteres möglich gewesen, Dialekt zu verwenden; dass er dies beherrscht, hatte er in anderen Stücken ja durchaus bewiesen. Hier aber war es ihm wichtig, »die Gefahr der Chinoiserie« (nach Knopf 2001, S. 419) zu umgehen.

In »Der gute Mensch von Sezuan« geht es nicht darum, einen naturalistischen oder authentischen Eindruck eines historischen oder zeitgenössischen Chinas zu gewinnen. Dass China als Schauplatz gewählt wurde, soll eher die Allgemeinheit des Dargestellten zeigen. In einer Vorbemerkung heißt es: »Die Provinz Sezuan der Parabel, die für alle Orte stand, an denen Menschen von Menschen ausgebeutet werden, gehört heute nicht mehr zu diesen Orten« (6). 

Ob der zweite Teil dieses Satzes wahr ist, sei dahingestellt, wichtiger ist aber ohnehin der erste Teil: Sezuan steht für alle Orte, an denen Menschen Menschen ausbeuten. Deshalb wäre ein Dialekt fehlleitend, er würde die Exemplarität verhindern.

Die Sprache der Songs und Gedichte hingegen sticht gegenüber der unmarkierten und prägnanten Sprache der Sprechszenen ab. Hier herrschen Pathos und Emotion vor. Dadurch bleibt die Handlung immer in einer gewissen Schwebe. Die lockeren Einschübe gliedern das Stück und reflektieren die Handlung im Sinne des Verfremdungseffektes.

Der Theaterkritiker – und Brecht-Parteilgänger – Herbert Ihering schrieb anlässlich der ersten Aufführung in der DDR 1956 in Rostock: »Die einfache dichterische Parabel wirkt durch das Wort. Es heißt aber, vom Wort abzulenken, wenn man die Bühne rechts, links und hinten mit politischen Zeitungsausschnitten umstellt. [...] ›Der gute Mensch von Sezuan‹ ist sprachlich ein Meisterwerk. Warum also gerade hier dem Worte mißtrauen« (nach Jeske 2003, 197). Das Stück könne allein durch seine Sprache wirken, die zwischen Prägnanz und Poesie spannungshaltend zu oszillieren vermag.

Veröffentlicht am 19. Februar 2025. Zuletzt aktualisiert am 19. Februar 2025.