- Inhaltsangabe
- Zusammenfassung und Analyse
- Vorspiel: Eine Straße in der Hauptstadt von Sezuan (7)
- Szene 1: Ein kleiner Tabakladen (18)
- Zwischenspiel: Unter einer Brücke (30)
- Szene 2: Der Tabakladen (32)
- Szene 3: Abend im Stadtpark (44)
- Zwischenspiel: Wangs Nachtlager in einem Kanalrohr (53)
- Szene 4: Platz vor Shen Te’s Tabakladen (56)
- Zwischenspiel vor dem Vorhang (65)
- Szene 5: Der Tabakladen (67)
- Zwischenspiel vor dem Vorhang (81)
- Szene 6: Nebenzimmer eines billigen Restaurants in der Vorstadt (83)
- Zwischenspiel: Wangs Nachtlager (93)
- Szene 7: Hof hinter Shen Te’s Tabakladen (96)
- Zwischenspiel: Wangs Nachtlager (109)
- Szene 8: Shui Ta’s Tabakfabrik (111)
- Szene 9: Shen Te’s Tabakladen (118)
- Zwischenspiel: Wangs Nachtlager (130)
- Szene 10: Gerichtslokal (132)
- Epilog
- Figuren
- Zitate und Textstellen
- Historischer Hintergrund und Epoche
- Aufbau des Werkes
- Sprache und Stil
- Interpretation
- Rezeption und Kritik
- Prüfungsfragen
- Glossar
- Quellenangaben
Der gute Mensch von Sezuan
Szene 10: Gerichtslokal (132)
Zusammenfassung
Die Gerichtsverhandlung steht kurz vor der Eröffnung. Einige Menschen, darunter der ehemalige Schreiner und einige der Bedürftigen, sprechen über Shui Ta und darüber, dass keine Gerechtigkeit zu erwarten sei, da Shui Ta sich mit den Mächtigen des Viertels gut verstehe. So habe Frau Mi Tzü den Richter durch eine Gans bestochen.
Doch als der Richter eintreten soll, sind es die Götter – nur als Richter verkleidet. Wang erkennt sie. Und auch Shui Ta – oder Shen Te – erkennt die Götter. Diese eröffnen die Verhandlung.
Zunächst wird der Polizist befragt, der aussagt, Shui Ta sei ein gesetzestreuer Mann. Danach treten Shu Fu und Mi Tzü auf, die ebenfalls für Shui Ta aussagen. Danach aber treten die anderen Leute des Viertels auf, die gegen ihn aussagen. Nach und nach wird deutlich, wie lang die Kette an Verfehlungen ist, die Shui Ta sich hat zuschulden kommen lassen.
Schließlich sagt niemand mehr für ihn aus, selbst Mi Tzü und Shu Fu wenden sich ab. Sun aber gibt zu bedenken, dass Shui Ta zwar ein brutaler Mensch sei, dafür aber kein Mörder. Er habe ein Schluchzen vernommen, das er als Shen Tes erkannt habe. Daher wisse er, dass Shen Te lebe.
Shui Ta/Shen Te bittet die Götter schließlich darum, ein Geständnis ablegen zu dürfen; der Saal müsse allerdings geräumt werden. Es geschieht so und – allein geblieben mit den Göttern – legt Shen Te die Maske Shui Tas ab und gibt sich als die zu erkennen, die sie ist. Die Götter sind schockiert.
In einem Monolog, der die Zustände der Welt anprangert, gesteht Shen Te. Die Gesetze der Götter seien zu groß für sie gewesen. Doch die Götter reagieren nicht, wie Shen Te gedacht hatte. Sie freuen sich, Shen Te gefunden zu haben. Sie sei der einzige gute Mensch, den sie gefunden hätten, erklären sie. Die Einwände Shen Tes, dass sie ja auch der schlechte Shui Ta sei, ignorieren sie.
Tatsächlich weigern sich die Götter, Shen Te zu verurteilen. Nach eigenem Bekenntnis, weil sie dann eingestehen müssten, dass ihre Gebote von niemandem befolgt werden können. Schließlich erlauben sie Shen Te sogar, immer wieder einmal als Shui Ta aufzutreten, wenn es nötig sei. Lächelnd, winkend und Shen Tes Hilferufe ignorierend, verschwinden die Götter auf einer rosa Wolke.
Analyse
Auch die Gerichtsverhandlung ist ein wichtiger dramatischer Topos – zu denken sei etwa an Heinrich von Kleists »Der zerbrochene Krug«. Hier werden die Götter von Shui Ta schnell erkannt, womit eigentlich schon zu Anfang der Szene der Ton gesetzt ist.
Auffällig ist, dass sich der Polizist hier – ein metadramatischer Zug – als Souffleur gegenüber den Richtern betätigt. Er kommentiert die jeweiligen Zeugen, wobei er sie gemäß sozialer Kriterien kategorisiert und als glaubwürdig respektive unglaubwürdig bezeichnet. Die Götter lassen sich von diesen Einflüsterungsversuchen indes nicht verwirren und bleiben konsequent.
In dieser Szene erklärt Shui Ta/Shen Te auch, warum die Travestie nötig war. Wang, als Zeuge, wirft Shui Ta vor, er habe Shen Tes soziales Engagement behindert, wo immer es ihm möglich gewesen sei. Shen Tes Laden sei, so Wang, »eine kleine Quelle des Guten gewesen« (137). Darauf entgegnet Shui Ta, er habe so handeln müssen, da »sonst die Quelle versiegt wäre« (137). Shui Ta behauptet, er sei der einzige Freund Shen Tes gewesen (138).
Eine weitere Stichomythie führt schließlich zur Eskalation: Shui Ta bricht zusammen und will sich gegenüber den Göttern erklären. Er bzw. sie tut dies wieder in Form einer lyrischen Erklärung: »Euer einstiger Befehl / Gut zu sein und doch zu leben / Zerriß mich wie ein Blitz in zwei Hälften« (139). Dies wurde in der früheren Forschung vermehrt als Hinweis auf die gespaltene Persönlichkeit Shen Tes gelesen (Knopf 2001, S. 428–429).
Die Verteidigungsrede Shen Tes weisen die Götter »mit allen Zeichen des Entsetzens« zurück (140): »Sprich nicht weiter, Unglückliche« (140). Dass sie die Schlechtigkeit Shui Tas habe nutzen müssen, um den moralischen Imperativen der weltfremden Götter zu genügen, wollen diese nicht hören. Vielmehr ignorieren sie den Inhalt der Rechtfertigung und insistieren darauf, in Shen Te den guten Menschen, »von dem alle nur Gutes berichtet haben« (140), erkannt zu haben.
Der zweite Gott indes gibt leisem Zweifel Raum, wird jedoch vom ersten überstimmt. Er habe, sagt er, nur eines in Shen Tes Widerworten wahrgenommen: »Verwirrtes, sehr Verwirrtes« (140). Sie ignorieren die Hilferufe Shen Tes und entschweben. Die Götter zeigen damit, dass sie sehr wohl um den übertriebenen Anspruch ihrer eigenen Maßgaben wissen. Unter den von ihnen zumindest tolerierten Umständen kann kein Mensch gut bleiben. Ihre Ignoranz gegenüber dem Geständnis Shen Tes verdeutlicht, dass sie sich davor fürchten, ihre Ansprüche wirklich durchsetzen müssen. Sie wissen, dass sich dies nicht praktizieren lässt.
Ihr letzter Gesang fordert die Menschen auf, sie in ihrer Kontemplation nicht zu stören. Shen Te dürfe ruhig den Shui Ta hin und wieder nutzen, solange sie insgesamt eher gut bleibe. Sie stellen für sich fest, dass die Suche nach einem guten Menschen »nun vorbei« sei
(142). Jetzt sei für sie nichts mehr zu tun und ihnen bleibe nur noch »[h]eimzugehn in unser Nichts« (142).