- Inhaltsangabe
- Zusammenfassung und Analyse
- Vorspiel: Eine Straße in der Hauptstadt von Sezuan (7)
- Szene 1: Ein kleiner Tabakladen (18)
- Zwischenspiel: Unter einer Brücke (30)
- Szene 2: Der Tabakladen (32)
- Szene 3: Abend im Stadtpark (44)
- Zwischenspiel: Wangs Nachtlager in einem Kanalrohr (53)
- Szene 4: Platz vor Shen Te’s Tabakladen (56)
- Zwischenspiel vor dem Vorhang (65)
- Szene 5: Der Tabakladen (67)
- Zwischenspiel vor dem Vorhang (81)
- Szene 6: Nebenzimmer eines billigen Restaurants in der Vorstadt (83)
- Zwischenspiel: Wangs Nachtlager (93)
- Szene 7: Hof hinter Shen Te’s Tabakladen (96)
- Zwischenspiel: Wangs Nachtlager (109)
- Szene 8: Shui Ta’s Tabakfabrik (111)
- Szene 9: Shen Te’s Tabakladen (118)
- Zwischenspiel: Wangs Nachtlager (130)
- Szene 10: Gerichtslokal (132)
- Epilog
- Figuren
- Zitate und Textstellen
- Historischer Hintergrund und Epoche
- Aufbau des Werkes
- Sprache und Stil
- Interpretation
- Rezeption und Kritik
- Prüfungsfragen
- Glossar
- Quellenangaben
Der gute Mensch von Sezuan
Szene 2: Der Tabakladen (32)
Zusammenfassung
Am nächsten Tag ist Shen Te nicht da, als die Bedürftigen aufwachen und Reis verlangen. Es klopft an der Tür: Es ist Shui Ta, der angebliche Vetter. Die Leute, denen Shen Te Unterschlupf gewährt hat, zeigen sich anfangs darüber verwundert, dass es diesen Vetter wirklich gibt – schließlich haben einige Shen Te erst am Vortag vorgeschlagen, sich einen Vetter als Notlösung auszudenken.
Shui Ta fordert die Leute auf, das Geschäft zu verlassen. Sie ignorieren ihn und schicken ein Kind zum Bäcker, damit es ihnen etwas zum Frühstück stehlen soll. Shui Ta ergreift die Gelegenheit und lockt einen Polizisten in den Tabakladen. Als der Junge mit den gestohlenen Backwaren in das Geschäft kommt, wird der Diebstahl offenbar. Die Bedürftigen wird Shui Ta so los. Gleichzeitig macht er sich bei der Polizei beliebt, wie ihm vom Beamten bestätigt wird.
Auch der Schreiner ist zurückgekommen und formuliert seine Forderungen. Er verlangt 100 Silberdollar. Shui Ta kann ihn jedoch erheblich herunterhandeln und bringt ihn schließlich dazu, in zwanzig Silberdollar einzuwilligen.
Kurze Zeit später kommt die Hausbesitzerin Frau Mi Tzü wieder, um mit dem angeblichen Vetter bekannt zu werden. Frau Mi Tzü hat Erkundigungen über Shen Te eingeholt und weiß inzwischen, dass Shen Te zuvor als Prostituierte gearbeitet hat. Shui Ta erkennt darin eine Verhandlungstaktik und fordert sie auf, die Kosten für die Miete und die Zahlungsmodalitäten zu nennen. Frau Mi Tzü fordert 200 Silberdollar halbjährlich im Voraus. Shui Ta versucht, den Preis herunterzuhandeln, doch Frau Mi Tzü bleibt bei ihrer Forderung.
Später kommt der Polizist wieder. Er bedankt sich bei Shui Ta, der/die ihm erzählt, dass er Probleme dabei hat, die Miete für Frau Mi Tzü zusammen zu bekommen. Deswegen verfällt der Polizist auf die Idee, eine Hochzeitsannonce für Shen Te aufzusetzen.
Analyse
Dass weibliche Figuren männliche Rollen spielen, ist zur Zeit des Stückes bereits Tradition. Hier könnte zum Beispiel auf William Shakespeares »Der Kaufmann von Venedig« verwiesen werden. In »Der gute Mensch von Sezuan« ist dieses Thema aber durchaus prominenter und zentraler als im Stück Shakespeares. Für die Rezipienten ist es auch noch nicht unbedingt zu durchschauen, dass Shen Te und Shui Ta tatsächlich ein und dieselbe Person sind.
Die Demaskierung Shui Tas findet eigentlich erst im »Zwischenspiel vor dem Vorhang« (65) statt. Bis dahin könnten die Rezipienten mit dem Personal im Glauben sein, dass es sich bei Shen Te und Shui Ta um distinkte Personen handelt. Wirklich realistisch ist solch ein impliziter Zuschauer aber nicht. Erstens werden Shen Te und Shui Ta auch im Personenverzeichnis als identisch aufgeführt. Zweitens sind die Rezipienten Zeugen der Namensgebung Shui Tas. Drittens passt es in die Theorie des epischen Theaters, wenn ein klassischer Topos des Theaters so dargestellt wird, dass das Publikum nicht mimetisch darauf hereinfällt, sondern vielmehr diegetisch hinter die Kulissen der Travestie schauen kann.
Der Kerngedanke des Stückes ist schon relativ schnell deutlich: Ein guter Mensch zu sein, gelingt unter den herrschenden Zuständen nicht. Derweil ist das Stück nur bedingt darauf angelegt, Betroffenheit zu wecken. Die Figuren sind durchaus überzeichnet, die entsprechenden Sprüche markig und überzogen.
So sagt Shui Ta: »Es ist wahr, meine Kusine hat den unverzeihlichen Fehler begangen, Unglücklichen Obdach zu gewähren. Aber sie kann sich bessern, ich werde sorgen, daß sie sich bessert« (39). Einem unglücklichen Menschen Obdach zu gewähren, erscheint zunächst als gute Tat. Gleichwohl präsentiert das Stück seine unglücklichen Menschen auch als ziemlich undankbare Menschen. Sie nutzen Shen Te aus, sodass es durchaus als Fehler betrachtet werden kann, ihnen gute Taten zu erweisen.
Gleichwohl ist die Aussage, Shen Te werde gebessert, indem sie vor allem weniger gute Taten vollbringt, ironisch zu verstehen. Die Ironie ist aber gleichzeitig, durch die vorangegangene Passage, subvertiert. Was hier genau ironisch ist und was nicht, ist nicht einfach zu entscheiden.
Die Personen sind eindeutig überzeichnet. Sie sind nicht naturalistisch, was sie der Identifizierung gegenüber öffnen würde. Vielmehr sind sie groteske und darin durchaus auch humorvoll-satirische Figuren, die wirklich starke Affekte überhaupt gar nicht erst aufkommen lassen. In diesem Sinne typisch für Brecht ist, dass dadurch »ein realistisch-psychologisches Verstehen der Handlung von vornherein verhindert und stattdessen das gesellschaftlich Exemplarische der einzelnen Vorgänge hervorgehoben« wird (Streim 2009, S. 113).