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Der gute Mensch von Sezuan

Szene 6: Nebenzimmer eines billigen Restaurants in der Vorstadt (83)

Zusammenfassung

Die Hochzeitsgesellschaft hat sich in einem billigen Restaurant eingefunden. Sun bespricht sich mit seiner Mutter: Shen Te habe ihm gesagt, sie könne den Laden nicht verkaufen, weil er nicht schuldenfrei sei. Frau Yang, die Mutter Suns, erklärt, dass Sun sie unter diesen Umständen nicht heiraten könne. Sun wiederum erklärt, Shen Te sei dickköpfig. Geschäftliche Angelegenheiten wolle er lieber mit Shui Ta regeln, weswegen er nach diesem geschickt habe.

Außerdem wähnt Sun sich Shui Ta gegenüber im Vorteil. Falls Shui Ta nämlich nicht handele, wie von Sun gewünscht, würde Sun die 200 Silberdollar, die er bereits bekommen hat, einfach nicht herausgeben, sodass die Gläubiger Shui Ta verfolgen würden. Sun ist überzeugt, dass der Laden in jedem Falle nicht mehr zu halten ist.

Derweil ist Shen Te glücklich darüber, wie Sun auf ihre Weigerung, den Laden zu verkaufen, reagiert hat. Sie weiß nicht, dass er nach Shui Ta verlangt hat. Seine Mutter unterhält die Gäste, versucht die eigentliche Hochzeitszeremonie hinauszuzögern und hält dabei Ausschau nach Shui Ta, der aber – natürlich – nicht kommt.

Sun versucht ebenfalls, die Hochzeitszeremonie aufzuhalten, er will vor der amtlichen Vermählung mit Shui Ta sprechen. Derweil ahnen erste Gäste, dass etwas nicht stimmt. Der Bonze, der als staatlicher Beamter die Zeremonie durchzuführen hat, erklärt, dass er nicht länger warten könne. Er müsse noch zu anderen Terminen. Weil Frau Yang Shen Te in ihrer Ungeduld fragt, wo ihr Vetter bleibe, kommt heraus, dass Sun und seine Mutter ausschließlich auf Shui Ta warten. Shen Te durchschaut die Absicht dahinter: Es geht den Yangs um das Geld für die Stellung.

Shen Te erklärt, dass ihr Cousin nicht kommen könne, sie verrät allerdings nicht, warum. Sun akzeptiert das nicht, er erklärt, noch länger auf Shui Ta warten zu wollen. Shen Te wiederum erklärt, dass sie ihm das Geld nicht geben könne, weil sie es den Teppichhändlern schulde.

Schlussendlich kommt es nicht zur Ehe, da der Bonze tatsächlich die Gesellschaft verlässt. Kurz danach gehen auch die Gäste. Als Shen Te gehen möchte, nötigt Sun sie zu bleiben. Übrig bleiben die Wangs und Shen Te.

Analyse

Die Hochzeit als komödiantisches Schauspiel ist im Oeuvre Brechts keine Neuerung. Notorisch ist sein Einakter »Die Kleinbürgerhochzeit« von 1919. Auch in »Die Dreigroschenoper« oder in »Trommeln in der Nacht« kommen Hochzeitsgesellschaften vor. In der Regel eskalieren diese Situationen.

Die in »Der gute Mensch von Sezuan« gezeigte Hochzeit läuft nicht gar so stark aus dem Ruder wie das Vorkommnis in »Die Kleinbürgerhochzeit«, von einer erfolgreichen Eheschließung kann allerdings auch keine Rede sein.

Komödiantische Elemente finden sich aber durchaus in der Szene. Etwa das Examen, das Sun mit Shen Te durchführt (85). Ob dabei allerdings auch eine spezifisch komische Funktion des Spiels im Spiel aufkommt, sei dahingestellt. Das dramatische Personal jedenfalls lacht. Für reale Zuschauer mag es derweil eher bei der Bloßstellung des unangenehmen Charakters Suns verbleiben, was sich freilich auch als eine Art Komik verstehen ließe.

Entlarvend und aufgrund seines stichomythischen Charakters komisch, ist der Abschnitt, in der der Kellner die Begleichung der Rechnung verlangt. Frau Yang verweist darauf, dass man sie doch kennen müsse in dem Lokal, worauf der Kellner genau diese Kenntnis ihrer Person als Begründung des Bestehens auf unverzüglicher Begleichung anführt (90).

Die gescheiterte Hochzeit zeigt dabei auch an, wie unehrlich es Sun bzw. Familie Yang mit Shen Te meint. Shen Te ist für Yang Sun nur Mittel zum Zweck. Darin zeigt sich, dass Sun eigentlich eine Vernunftehe eingeht, während Shen Tes Absicht auf eine Liebesheirat gerichtet ist. Unter den herrschenden gesellschaftlichen Umständen gibt es keine Solidarität, könnte eine Aussage dieser Struktur sein. Für Liebe ist kein Platz in dieser Welt.

Wie stark Sun sich innerhalb gesellschaftlicher Konventionen stehend erleben kann, zeigt sich an dem Vorwurf, den er Shen Te macht: »Die Hochzeit ist doch nur ein wenig verschoben, [...] weil die Braut nicht weiß, was Liebe ist« (91). In einem bestimmten Sinne hat Sun sogar Recht, denn die Vorstellung von Liebe, die Shen Te verficht, ist tatsächlich nicht die gesellschaftlich praktikable Form von Liebe. Shen Te weiß in diesem Sinne wirklich nicht, was Liebe unter den Bedingungen des fortgeschrittenen Kapitalismus ist: ein Geschäft.

Shui Ta hingegen, der die Vernunftehe mit Shu Fu präferiert, ist hier geschäftstüchtiger. Genau das ahnt auch Sun, weswegen er auf Shui Ta baut und hofft, dieser würde in seinem Sinne handeln. Er vergisst allerdings, dass er aus Sicht Shui Tas kein präferierter Hochzeitskandidat ist, da er mittellos ist.

Veröffentlicht am 18. Februar 2025. Zuletzt aktualisiert am 18. Februar 2025.