- Inhaltsangabe
- Zusammenfassung und Analyse
- Vorspiel: Eine Straße in der Hauptstadt von Sezuan (7)
- Szene 1: Ein kleiner Tabakladen (18)
- Zwischenspiel: Unter einer Brücke (30)
- Szene 2: Der Tabakladen (32)
- Szene 3: Abend im Stadtpark (44)
- Zwischenspiel: Wangs Nachtlager in einem Kanalrohr (53)
- Szene 4: Platz vor Shen Te’s Tabakladen (56)
- Zwischenspiel vor dem Vorhang (65)
- Szene 5: Der Tabakladen (67)
- Zwischenspiel vor dem Vorhang (81)
- Szene 6: Nebenzimmer eines billigen Restaurants in der Vorstadt (83)
- Zwischenspiel: Wangs Nachtlager (93)
- Szene 7: Hof hinter Shen Te’s Tabakladen (96)
- Zwischenspiel: Wangs Nachtlager (109)
- Szene 8: Shui Ta’s Tabakfabrik (111)
- Szene 9: Shen Te’s Tabakladen (118)
- Zwischenspiel: Wangs Nachtlager (130)
- Szene 10: Gerichtslokal (132)
- Epilog
- Figuren
- Zitate und Textstellen
- Historischer Hintergrund und Epoche
- Aufbau des Werkes
- Sprache und Stil
- Interpretation
- Rezeption und Kritik
- Prüfungsfragen
- Glossar
- Quellenangaben
Der gute Mensch von Sezuan
Szene 7: Hof hinter Shen Te’s Tabakladen (96)
Zusammenfassung
Shen Te und Frau Shin hängen Wäsche im Hof hinter dem Tabakladen auf. Dabei fällt Frau Shin auf, dass die Hose von Shui Ta gewaschen wurde. Das kommt ihr verdächtig vor, namentlich, weil Shen Te beteuert hat, Shui Ta werde nicht wiederkommen.
Plötzlich tritt Herr Shu Fu auf. Er hält einen emotional gefärbten Monolog und bietet Shen Te einen Blankoscheck an, damit sie die Miete bezahlen und ihre Schulden begleichen kann. Er wolle nichts dafür, keine Gegenleistung. Er geht ab.
Frau Shin rät Shen Te, die Gelegenheit zu nutzen und eine hohe Summe auf den Blankoscheck zu schreiben: 1000 Silberdollar. Frau Shin geht davon aus, dass Shu Fu nur aus einer vorübergehenden Laune gehandelt habe und sich bald wieder umentscheiden würde. Shen Te weigert sich jedoch, Shu Fu auszunutzen.
Plötzlich wird ihr schwindelig, woraufhin Frau Shin direkt erkennt, dass sie schwanger sein muss. Und tatsächlich: Von Frau Shin aufmerksam gemacht, erkennt Shen Te, dass sie tatsächlich schwanger ist. Shen Te malt sich aus, wie sie ihrem Sohn die Welt erklärt. Sie freut sich über das Kind.
Wang kommt hinzu, bei ihm ist ein Kind. Wang erzählt, es handele sich um den Sohn von Lin To, dem Schreiner. Dieser habe vor kurzer Zeit seine Werkstatt verloren und trinke seitdem nur noch, während seine Kinder hungern müssten. Shen Te nimmt den Jungen. Er könne in den Baracken des Barbiers Shu Fu leben, die dieser den Armen zur Verfügung stellt. Shu Fu weiß um die karitativen Ambitionen Shen Tes und gibt vor, sie in diesen zu unterstützen – wahrscheinlich, um sie zur Heirat zu bewegen.
Eine Frau kommt zu Shen Te und bittet sie, bei ihr Tabak unterstellen zu können. Dieser Tabak ist Diebesgut, den die Leute so in Sicherheit bringen wollen. Gleichzeitig sieht sie den Sohn von Lin To im Mülleimer nach Nahrung fischen. Schockiert davon hat sie einen Sinneswandel und entschließt sich dazu, dass Shui Ta doch noch einmal auftreten muss – im Interesse des von ihr erwarteten Kindes. Sie geht sich umziehen.
Dann tritt sie wieder als Shui Ta auf und verjagt die Bedürftigen. Gleichzeitig nimmt sie/er auch den gestohlenen Tabak an sich. Den Blankoscheck füllt sie nicht nur mit 1000, sondern gleich mit 10.000 Silberdollar aus, übertrifft also den Vorschlag von Frau Shin noch um das Zehnfache. Derweil hat Frau Shin einen Verdacht. Die Hose Shui Tas ist verschwunden. Sie ahnt, dass Shen Te und Shui Ta identisch sind.
Analyse
Gemäß klassischer Dramentheorie – soweit sie auf »Der gute Mensch von Sezuan« anwendbar ist – findet sich in dieser Szene der Wendepunkt. Die Hochzeit, die als Fluchtpunkt der steigenden Handlung verstanden werden könnte, ist gescheitert und angesichts des im Mülleimer fischenden Kindes entscheidet sich Shen Te dazu, nun konsequent als Shui Ta aufzutreten.
Gleichzeitig findet sich in dieser Szene eine Anagnorisis – oder wenigstens der Anfang einer solchen. Frau Shin beginnt nämlich zu durchschauen, dass Shen Te und Shui Ta ein und dieselbe Person sind. Von diesen Momenten wird die Szene eingerahmt: Am Anfang steht Frau Shins Verwunderung über die Anwesenheit der Hose Shui Tas, am Ende steht ihre Verwunderung über die Abwesenheit der nämlichen Hose. Nicht gezeigt wird in der Folge, wie sie sich Shen Te als Mitwisserin zu erkennen gibt.
Sie ist jedenfalls auch die einzige Person, die um die Schwangerschaft Shen Tes weiß – auch diese Erkenntnis hat sie in der siebten Szene. Dementsprechend ließe sich auch das als Anagnorisis verstehen.
Zu dieser Schwangerschaft ist zu bemerken, dass Shen Te sich angesichts dieser Erkenntnis zu verändern scheint. Zunächst ist sie glücklich, ein Kind zu erwarten. Es entfaltet sich ein weiteres Spiel im Spiel, in dem sie ihrem imaginierten Kind – von dem sie sicher ist, dass es ein Sohn ist – verschiedene Gegenstände der Welt erklärt und es zum gemeinsamen Obstdiebstahl ermuntert (99). Dieses Spiel im Spiel mit dem noch nicht geborenen Kind kannte Brecht übrigens aus der von ihm bearbeiteten Übersetzung von Tretjakows »Ich will ein Kind haben« (Jeske 2003, S. 211).
Später in der Szene hat sie jedoch ein traumatisches Erlebnis: Sie sieht einen der Söhne Lin Tos im Mülleimer nach Essen suchen. Dieses Erlebnis erscheint geradezu traumatisch. Sie verändert sich nochmals: Von der guten, niemandem etwas versagenden Shen Te scheint nicht mehr viel übrig zu sein.
Als sie als Shui Ta zurückkommt, erweist sie sich als noch härter als zuvor. Das wird etwa daran deutlich, dass sie die von Frau Shin vorgeschlagene Geldsumme auf dem Blankoscheck um 1000 Prozent überschreitet. Die simplen Zahlenverhältnisse fungieren hier als klare Aussage: Frau Shin ist als habgierig und selbstsüchtig bekannt, wenn Shui Ta diese übertrifft, dann zeigt sich hier das wahre Ausmaß der geschäftlichen Härte Shui Tas.