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Der gute Mensch von Sezuan

Szene 8: Shui Ta’s Tabakfabrik (111)

Zusammenfassung

In den Baracken des Shu Fu hat Shui Ta inzwischen eine Tabakfabrik eingerichtet, in der die Bedürftigen für ihn/sie zu arbeiten haben. Auch Sun arbeitet dort, wie Frau Yang zu Beginn der Szene berichtet. Sie habe Herrn Shui Ta mit ihrem Sohn aufgesucht. Shui Ta hatte Sun zuvor wegen Betrugs angezeigt, da er die 200 Silberdollar niemals zurückgegeben habe. Frau Yang habe nun vorgeschlagen, dass Sun seine Schuld abarbeitet. Shui Ta habe sich darauf eingelassen.

Frau Yang erzählt weiter, während das von ihr Erzählte auf der Bühne gespielt wird. Sun und Lin To hätten Tabakballen tragen müssen, doch Lin To sei zu erschöpft gewesen, sodass Sun ihm einen Ballen abgenommen habe. Dann sei Shui Ta dazugekommen und habe Lin To angewiesen, so viele Ballen zu tragen wie Sun.

Durch solches Verhalten habe sich ihr Sohn schließlich hochgearbeitet, erzählt Frau Yang. Shui Ta sei aufgefallen, dass Sun sich als besonders engagierter Arbeiter produziert habe. Einmal von Shui Ta angesprochen, habe Sun die Gunst der Stunde genutzt und sich als intelligenter Mensch präsentiert. In der Folge sei er Vertrauter der Leitung geworden, eine Art Aufseher. Er treibe seine Kollegen zur Arbeit an, selbst wenn sie ihn deswegen anfeindeten.

Analyse

Diese Szene ist vor allem deswegen interessant, weil sie auf gänzlich andere Art als die anderen präsentiert wird. Hier erzählt Frau Yang die Geschehnisse, die im Hintergrund von den anderen Schauspielern dargestellt werden. Es ließe sich also sagen, dass es sich bei dieser Szene geradezu um ein Paradebeispiel epischen Theaters handele.

Spannend ist auch »Das Lied vom achten Elefanten«, das die Situation Suns in den Diensten Shui Tas illustriert. In dem Lied, das die Kollegen Suns singen, geht es um einen gezähmten Elefanten, den titelgebenden achten Elefanten, der die anderen bewacht.

Das Lied ist eines der bekannteren Lieder Bertolt Brechts, was sich nicht zuletzt der Vertonung Paul Dessaus verdankt. »Es ist angeregt durch Rudyard Kipling« (Jeske 2003, S. 211) und dessen »Dschungelbuch«. Denn: »Darin ist von dem Elefanten Kala Nag die Rede, der als Leittier der Arbeitselefanten-Herde als einziger seine Stoßzähne behalten darf« (Jeske 2003, S. 211).

In einem Brief schreibt Brecht später an Horst Gnekow, dass die Tabakarbeiter das Lied zwar »als Spottlied auf den Aufseher singen« (nach Jeske 2003, S. 212), tatsächlich aber benutze der Aufseher den Rhythmus des Liedes, weil er so die Arbeiter »zur schnelleren Arbeit anpeitscht« (nach Jeske 2003, S. 212). Die Protestform dient also nicht wirklich dem Protest, sondern vielmehr den Mächtigen. Ähnlich wie sozialkritische Äußerungen der Kulturindustrie immer noch Teil des Verstrickungszusammenhanges sind: Ihre Kritik ist nur Affirmation, die sich tarnt.

Gleichzeitig verrät sich hier Brechts Auffassung von Katharsis: Katharsis als Reinigung der Affekte produziert Zufriedenheit und Triebabfuhr. Genau darauf kommt es dem Theater nach Brechts Auffassung aber nicht an. Vielmehr müsse es darum gehen, die Welt als veränderlich zu begreifen (Brecht 1967, S. 245).

Der bloße Spott über den Opportunisten befreit niemanden von dessen Joch. Im Gegenteil: »tragisch« (nach Jeske 2003, 212) daran sei, dass die Unterworfenen so noch subtiler ausgebeutet werden können. Die Szene, die durch die epische Vermittlerin Frau Yang noch distanziert dargestellt wird, soll die Zuschauer zum Nachdenken über gesellschaftliche Mechanismen von Machtausübung und Machtdelegation anregen.

Veröffentlicht am 18. Februar 2025. Zuletzt aktualisiert am 18. Februar 2025.