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Der gute Mensch von Sezuan

Vorspiel: Eine Straße in der Hauptstadt von Sezuan (7)

Zusammenfassung

Es ist Abend in der Hauptstadt von Sezuan. Wang, der Wasserverkäufer, tritt auf und stellt sich vor. Von Anfang an wird die Region als arm charakterisiert, und selbst die Götter seien beunruhigt, da sie so viele Klagen erreichen würden. Deswegen wollen drei Götter die Stadt besuchen und nachschauen, warum die Zustände so sind, wie sie sind. Wang hat davon gehört und erwartet sie.

Als sie ankommen und Wang sie ehrerbietig begrüßt hat, berichten sie von ihrem Vorhaben. Sie verlangen, dass Wang ihnen eine Übernachtungsmöglichkeit organisiert. Wang macht sich auf den Weg und versucht es, doch an allen Türen wird er abgewiesen. Gegenüber den Göttern spielt Wang das zwar herunter, doch in anderen Provinzen haben die Götter diese Erfahrung ebenfalls gemacht. Insbesondere der zweite Gott zeigt sich desillusioniert: Es gebe keine Gottesfürchtigen mehr, behauptet er. Man erfährt, dass die Götter einem Beschluss Folge leisten müssen, nach dem die Welt nur dann bestehen bleiben dürfe, sobald es einen guten Menschen gebe.

Nach weiteren erfolglosen Versuchen, den Göttern eine Unterkunft zu verschaffen, verfällt er auf Shen Te. Shen Te arbeitet als Prostituierte – was Wang vor den Göttern verheimlichen will. Genau deswegen überredet er Shen Te, einen von ihr erwarteten Freier wegzuschicken. Auch wenn sie dadurch finanzielle Einbußen hinnehmen muss, stimmt Shen Te zu, die Götter aufzunehmen.

Doch Wang und sie verpassen sich, sodass Wang davon ausgeht, dass sie sich doch nicht an die Abmachung hält. Weil Wang außerdem weiß, dass die Götter seinen manipulierten Messbecher entdeckt haben, fasst er den Entschluss, sich fernab der Stadt zu verstecken, damit er den Göttern nicht mehr unter die Augen treten muss. Er schämt sich.

Doch Shen Te steht zu ihrer Zusage und lädt die Götter ein, einzutreten. Sie gehen in ihre Wohnung. Es wird Nacht.

Am nächsten Morgen bedanken sich die Götter bei Shen Te. Sie solle auch den Wasserverkäufer grüßen. Nun seien sie beruhigt, da es offenbar sei, dass es noch gute Menschen gäbe. Shen Te weist das Kompliment zurück, sie sei nicht gut und außerdem sei es auch unmöglich gut zu sein, wenn alles so teuer sei. Daraufhin beraten sich die Götter darüber, ob sie ihr etwas Geld geben könnten. Sie ringen sich schließlich dazu durch, indem sie ihre Gabe als Bezahlung deklarieren. Anschließend verlassen die Götter Shen Te.

Analyse

Dass die Götter kein Almosen geben dürfen, dafür aber in der Lage sind, etwas zu bezahlen, zeigt, dass sie ökonomischen Gesetzen unterworfen sind. Außerdem wird klar, dass sie rechenschaftspflichtig sind: »Wir können ihr nichts geben. Das könnten wir oben nicht verantworten« (16). Es muss also eine Hierarchie unter den Göttern geben, wenngleich nicht klar wird, welcher Gott oder welche Götter über den drei Göttern stehen, die Sezuan besuchen.

Wang hingegen wird als pflichteifriger Mensch gezeigt. Er ist schon lange überzeugt, dass die Götter zu Besuch kommen und scheint keinerlei Zweifel daran zu haben, dass auch alle anderen Bewohner der Stadt begeistert darauf warten, ihnen ein Obdach zu gewähren. Die sich mehrenden Absagen aber lassen ihn allmählich desillusioniert werden: Selbst von Shen Te erwartet er am Ende nichts mehr.

Die Idee, dass die Götter inkognito auf der Erde wandeln, ist ein klassischer Topos etwa aus der griechischen Mythologie. Dort tun sie es allerdings häufig, um junge Frauen oder Männer zu ver- oder entführen. Gleichwohl gibt es die Sage von Philemon und Baucis, einem alten Ehepaar, das Zeus und Hermes beherbergt. Zeus und sein Sohn Hermes waren auf die Erde gekommen, um die Güte der Menschen zu erproben. Diese Sage ist Brecht mit großer Sicherheit bekannt gewesen.

Dass weltliche Herrscher inkognito ihr Volk belauschen wollen, ist seit Harun al Raschid bekannt. Hier werden also mehrere Motive verbunden. Dabei entsteht durchaus ein satirischer Effekt. Tatsächlich wirkt das Setting klischeehaft, was allerdings durch die spezifisch Brecht’sche Form der Überzeichnung wiederum gebrochen wird. Es ist ein Klischee mit doppeltem Boden, ein ironisches Klischee – und damit kein richtiges Klischee mehr.

Tatsächlich wird ein komödiantischer Ton auch schon vorher gesetzt. Der Expositionsmonolog Wangs spielt bereits mit Ambivalenzen: »Aber in unserer Provinz herrscht überhaupt große Armut. Es heißt allgemein, daß uns nur noch die Götter helfen können« (7). Dass nur noch die Götter helfen können, heißt eigentlich, dass niemand mehr helfen kann, dass jede Hilfe zu spät kommt. Diese Phrase steht in gewissem Gegensatz zum Sprichwort »Hilf dir selbst, so hilft dir Gott«.

Freilich ist »Der gute Mensch von Sezuan« nicht als christliches Stück zu verstehen. Götter werden gemäß der Doktrin des dialektischen Materialismus als Emanationen des ideologischen Überbaus wahrgenommen – und genau das ist den Rezipienten natürlich klar, sodass allein das Auftreten der Götter als Götter eine satirische Konnotation aufweist.

Dass die Götter darüber hinaus auch nicht sonderlich konsequent sind, erhellt schon aus der Tatsache, dass sie am Ende des Vorspiels Shen Te ein nicht unerhebliches Geldgeschenk machen: »Um ihr Unternehmen nicht von vornherein scheitern zu lassen, machen die Götter Shen Te ein Geldgeschenk und unterlaufen damit bereits – durch ihren göttlichen Eingriff – ihre selbstgesetzten Voraussetzungen« (Knopf 2001, S. 420). Einen authentischen guten Menschen können sie so gar nicht antreffen.

Veröffentlicht am 18. Februar 2025. Zuletzt aktualisiert am 18. Februar 2025.