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Schuld und Sühne

1. Teil: Kapitel III & IV (40–72)

Zusammenfassung

Raskolnikow erwacht in seiner Kammer, die äußerst klein und von minderer Ausstattung ist. Geweckt wird er von Nastassja, der Angestellten seiner Vermieterin. Es entspinnt sich ein Gespräch, in dem Nastassja Raskolnikow erzählt, dass die Vermieterin, Praskowja Pawlowna, ihn anzeigen wolle, weil er seine Miete nicht zahle und sich weigere auszuziehen. Nastassja bringt ihm auch einen Brief seiner Mutter.

In dem Brief rechtfertigt sich die Mutter für ihr langes Schweigen; es habe wichtige Angelegenheiten gegeben. Die Schwester Raskolnikows, Dunja, habe eine Stellung als Dienstmädchen bei der ortsansässigen, vermögenden Familie Swidrigajlow angenommen. Herr Swidrigajlow habe sich in Dunja verliebt und sie bedrängt, mit ihm in wilder Ehe zu leben und die Familie zu verlassen. Frau Swidrigajlow habe die entsprechende Unterredung aber belauscht und Dunja vor der ortsansässigen Gesellschaft diskreditiert. Diese Angelegenheit sei aber gut ausgegangen, Dunjas Ruf sei wiederhergestellt, der Schuldige klar benannt: Herr Swidrigajlow.

Jetzt sei Dunja verlobt mit einem Herrn Luschin, der nach Petersburg komme, um Raskolnikow kennenzulernen. Auch die Mutter und Dunja würden Raskolnikow nach drei Jahren Trennung wiedersehen. Herr Luschin wird durch die Mutter indirekt charakterisiert: Er scheint eher dominant und teilweise grob. Ihr Brief nimmt sehr bald einen beschwörenden Ton an, sie fürchtet, Raskolnikow, den sie nur Rodja nennt, könnte seinen Glauben verloren haben.

Raskolnikow reagiert hochemotional auf den Brief, bricht in Tränen aus. Doch seine Miene verändert sich, ein rätselhaftes Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus. Plötzlich verlässt er fluchtartig die Wohnung.

X

Raskolnikow hat schon während der Lektüre des Briefes den Entschluss gefasst, die Hochzeit seiner Schwester mit Luschin zu verhindern. Aus dem Brief hat Raskolnikow ein äußerst negatives Urteil von Luschin bekommen. Allerdings ist nicht ganz klar, was er Herrn Luschin konkret unterstellt. Raskolnikows Zorn erstreckt sich aber auch auf Mutter und Schwester.

Allerdings lässt Raskolnikow auch Vertrauen in die Stärke von Dunjas Charakter erkennen. Er glaubt nicht, dass sie sich einem Ehemann gegenüber verleugnen könnte. Tatsächlich glaubt Raskolnikow, dass Mutter und Schwester diese Ehe nur anvisieren, um ihn finanziell unterstützen zu können. Es ist unklar, ob dies wirklich der Fall ist.

Raskolnikow parallelisiert seine Schwester mit Sonja Marmeladowa, von der er weiß, dass sie sich prostituiert. Raskolnikow versteht die Zweckehe als eine andere Form der Prostitution. Seine Schwester sei nicht besser oder schlechter als Sonja.

Plötzlich wird Raskolnikow von einem Gedanken überwältigt. Er reagiert heftig auf den Einfall, muss sich setzen. Auf dem Weg zu einer Parkbank sieht er eine junge Frau, die seine Aufmerksamkeit erregt. Sie ist etwa sechzehn Jahre alt und betrunken. Anscheinend ist sie eine Prostituierte, denn in der Nähe hält sich ein Freier auf, den Raskolnikow konfrontiert.

Raskolnikow greift den Mann an, wird aber von einem Polizisten zurückgehalten. Als Raskolnikow dem Polizisten die Sachlage schildert, erfasst ihn plötzlich das Gefühl, dass sein Vorhaben, das Mädchen zu beschützen, zwecklos ist. Raskolnikow bricht auf und will seinen Freund Rasumichin besuchen.

Analyse

Ein Großteil des dritten Kapitels besteht aus dem Brief der Mutter an Raskolnikow. Er wird direkt zitiert. Die Überleitung zum Zitat des Briefes ist sehr geschickt gestaltet. Der Brief wird zuerst von Nastassja erwähnt. Schon diese Passage besteht im Wesentlichen aus direkten Zitaten, der Roman gestaltet die Dialoge nahezu dramatisch, also in einer Form, wie sie auch im Schauspiel gestaltet werden würden.

Nach der Erwähnung des Briefes ist Raskolnikow darauf aus, Nastassja loszuwerden. Die Spannung steigt, weil Nastassja so hartnäckig ist. »Der Brief zitterte in seinen Händen; er wollte ihn nicht in ihrem Beisein öffnen: Er wollte mit dem Brief allein sein« (43). Anschließend wird der Brief von außen beschrieben: »Es war ein langer, dicker Brief, zwei Lot schwer; zwei große Bögen waren winzig klein und eng beschrieben« (ebd.).

Die Handschrift ist indes emotional besetzt, sie erinnert ihn daran, wie seine Mutter »ihn einst Lesen und Schreiben gelehrt hatte« (ebd.). Der Brief wiederum birgt eine eigene Geschichte, deren Bedeutung für die Haupthandlung sich erst später ergeben wird. Die Erzählung um Awdotja und Swidrigajlow ist eine Erzählung zweiter Ordnung, eine Erzählung in der Erzählung. Pulcherija wird zur homodiegetischen Erzählerin.

Dass ein Brief der Mutter direkt zitiert wird, dient auch der Exposition. Tatsächlich zeigt Dostojewskijs Roman durch die kurzen Spannungsbögen eine Tendenz zum Novellistischen und damit auch zum Dramatischen. Nicht nur die Dialoge sind quasi-dramatisch, auch die Ein- und Abgänge erinnern immer wieder an Theaterstücke.

Das vierte Kapitel korrespondiert im Übrigen mit dem dritten Kapitel. Ist es dort der Brief, der direkt zitiert wird, sind es hier die Gedanken Raskolnikows, die in direkter Rede wiedergegeben werden. Raskolnikow kommentiert und analysiert den Brief.

Veröffentlicht am 25. Juni 2025. Zuletzt aktualisiert am 25. Juni 2025.