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Schuld und Sühne

1. Teil: Kapitel V & VI (72–101)

Zusammenfassung

Auf dem Weg zu Rasumichin versinkt Raskolnikow ins Nachdenken. Er stellt sich die Tat, die er plant, vor. Doch er bezeichnet diesen Plan nicht direkt, deutet ihn selbst vor sich selbst nurmehr an. In einer Garküche trinkt er einen Wodka. Da er aber nicht daran gewöhnt ist, Alkohol zu trinken, wird er sehr müde und träumt von der Vergangenheit.

Raskolnikow erinnert sich an eine Begebenheit aus seiner Kindheit. Er hatte ein Pferd bemerkt, das von einem Kutscher dazu gezwungen werden sollte, einen Wagen zu ziehen: Das Pferd ist klein und eher schwach. Es versucht, seinem Kutscher zu gehorchen, schafft es allerdings nicht, den Wagen von der Stelle zu bewegen. Der Kutscher wird indessen immer wütender und beginnt schließlich, auf das Pferd einzuschlagen.

Viele Passanten sind dabei. Einige bestärken den Kutscher, andere sind entsetzt. Schließlich kommen Menschen aus der Menge hinzu und beginnen ihrerseits das Pferd zu schlagen, damit es sich in Bewegung setzt. Der Kutscher Mikolka prügelt immer weiter auf das Tier ein, bis er es schließlich totgeschlagen hat. Da erwacht Raskolnikow.

Der Traum hat Raskolnikow an seinen Plan erinnert. Erstmals schildert er den Plan auch vor sich selbst. Der Plan besteht in einer Gewalttat. Raskolnikow denkt an Blut, an eine Axt. Wieder gerät er in den Sog seiner eigenen Gedanken. Dass er seinen Plan ausführen wird, glaubt er in diesem Moment nicht mehr. Die Erinnerung an die Gewalt gegen das Pferd hat ihn tief erschüttert. Sein Plan erscheint ihm nun als fixe Idee und damit als Ausdruck von Krankheit. Er geht doch nicht zu Rasumichin.

Auf dem Heimweg kommt er am Heumarkt vorbei, wo die Pfandleiherin wohnt. Dabei sieht er ihre Schwester, die von zwei Kleinbürgern dazu gedrängt wird, sich gegen die Pfandleiherin durchzusetzen. Die beiden glauben, dass die Schwester von der Pfandleiherin ausgenutzt werden würde. Während des Gesprächs bekommt Raskolnikow mit, dass die Schwester, mit Namen Lisaweta Iwanowna, am darauffolgenden Tag zu einer bestimmten Uhrzeit nicht bei der Pfandleiherin sein wird.

Nun wird klar, auf wen sich die Pläne Raskolnikows beziehen: Es ist die Pfandleiherin, die er erschlagen will. Da er nun zufällig mitbekommen hat, dass sie am Folgetag allein sein wird, begreift er die Erfahrung als Wink des Schicksals. Seine zuvor aufgekommenen Zweifel hat er überwunden.

X

Raskolnikow erinnert sich, wie er erstmals auf Aljona Iwanowna, die Pfandleiherin, aufmerksam geworden ist. Er hörte ein Gespräch in einem Teehaus, das ein Student und ein junger Offizier miteinander geführt hatten. Darin ging es um die Pfandleiherin und ihren selbstsüchtigen Charakter:

Während des Gespräches kommen die beiden auch auf Lisaweta Iwanowna zu sprechen. Der Student erzählt von Lisaweta und wie unwürdig ihre große Schwester Aljona sie behandele. Raskolnikow erfährt dabei auch, dass Lisaweta immer wieder schwanger wird. Sie sei aufgrund ihres einfachen Charakters nicht in der Lage, zudringliche Männer abzuweisen.

Schließlich kommt das Gespräch an einen Punkt, an dem die beiden Männer hypothetisch darüber sprechen, Aljona Iwanowna umzubringen. Es würde dadurch kein Schaden entstehen, sagt der Offizier. Der Student wiederum sagt, dass es eine gute Tat wäre, Aljona totzuschlagen. Er selbst aber würde es nicht wagen. Dieses Gespräch versteht Raskolnikow als Ursprung seines Planes.

Raskolnikow kommt wieder nach Hause und legt sich schlafen. Allerdings ist er so angegriffen, dass er weit länger schläft, als er wollte. Er erwacht beinahe zu spät, um den Moment noch abzupassen, in dem Aljona Iwanowna allein ist. Überstürtzt macht sich Raskolnikow auf den Weg.

Auf dem Weg fühlt er sich getrieben. Er hat die Empfindung, nicht selbstständig denken und handeln zu können. Er macht sich Gedanken darüber, wie er seine Entdeckung nach der Tat verhindern könne. Doch zunächst bedarf er einer Waffe, er besitzt nicht einmal ein Beil. Er stiehlt dieses aus der Wohnung des Hausknechtes.

Nachdem er es geschafft hat, das Beil zu entwenden, gerät er in Hochstimmung. Lange hält diese aber nicht vor, sehr schnell schon geraten seine Gedanken wieder auf Abwege. Er vergleicht sich mit einem zum Tode Verurteilten, der zur Hinrichtung schreitet. Schließlich steht er vor der Tür Aljonas und klopft.

Analyse

Das Ende des sechsten Kapitels zeigt paradigmatisch, wie Dostojewskij in »Schuld und Sühne« mit offenen Enden umgeht. Gerade an der spannendsten Stelle bricht er ab. Dies ist der ursprünglichen Publikationsart geschuldet, schließlich erschien der Roman als Folgeroman in einer Zeitung. Die offenen Enden blieben also für die Lesenden eine gewisse Zeit unaufgelöst.

Zum Spannungsaufbau gehört auch, dass Raskolnikow erst auf Seite 81 den Plan soweit ausformuliert, dass die Lesenden genau wissen können, was er vorhat: »Mein Gott! [I]st es denn möglich, daß ich wirklich ein Beil nehmen, ihr den Schädel spalten werde … daß ich im klebrigen, warmen Blut ausrutschen, das Schloß aufbrechen, stehlen und zittern werde« (81).

Die Tat steht damit sogar recht detailliert vor den Augen der Lesenden, so auch, wenn er ergänzt, »daß ich mich verstecken werde, von oben bis unten mit Blut besudelt … mit dem Beil« (81). Zuvor hat er sich nur in Andeutungen ergangen.

Zwar konnte durch die bis dahin gegebenen Andeutungen durchaus darauf geschlossen werden, dass er eine Gewalttat an Aljona plant, indes findet sich erst auf Seite 81 die endgültige Bestätigung. Bezeichnenderweise in einem Moment, in dem er den Plan verwirft: »Ich werde es nicht aushalten« (81). Wenig später betet er sogar zu Gott und demonstriert damit, dass er, obwohl Raskolnik, den Glauben nicht ganz verloren hat.

Allerdings zeigt sich sehr schnell, dass Raskolnikows Glaube sehr schnell in Aberglauben umschlagen kann – dass Raskolnikow abergläubisch ist, wird bereits auf Seite 85 so vom Erzähler geäußert. Dass er von Lisawetas Verabredung erfährt, erscheint ihm geradezu als Schicksalswink.

Besonders interessant erscheint vor diesem Hintergrund eine Passage im sechsten Kapitel. Dort heißt es: »Der gestrige Tag aber, der so unerwartet angebrochen war und alles auf einen Schlag entschieden hatte« (95), womit gemeint ist, dass er von Lisawetas Verabredung erfahren hat, »übte eine fast mechanische Wirkung auf ihn aus: Als habe ihn jemand bei der Hand genommen und zöge ihn hinter sich her, unabwendbar, blindlings, mit übernatürlicher Kraft, keinen Widerspruch duldend« (95).

Raskolnikow ist seinem Vorhaben ausgeliefert. Er wirkt wie ferngesteuert: »Als wäre er mit einem Zipfel seiner Kleidung in das Rad einer Maschine geraten und würde nun langsam in sie hineingezogen« (95). Dieses Bild ist durch sein industrielles Bildfeld als genuin modernes aufzufassen. Eine Maschine, die sich vollständig von einem Steuernden emanzipiert hat, ist eine moderne Erfahrung.

Allerdings korrespondiert diese moderne Erfahrung mit Raskolnikows prämodernen Gedankenfiguren, die Schicksal konstatieren und handelnd reflektieren. Raskolnikows industrielle Horrorvision passt zu seiner Schicksalsgläubigkeit: Beide Erfahrungen postulieren die Unselbstständigkeit des Menschen. Raskolnikow macht auf dem Weg zu seinem Mord die Entfremdungserfahrung der Moderne paradigmatisch durch (vgl. Iorio 2012, S. 242–243).

Veröffentlicht am 25. Juni 2025. Zuletzt aktualisiert am 25. Juni 2025.