- Inhaltsangabe
- Zusammenfassung und Analyse
- 1. Teil: Kapitel I & II (9–40)
- 1. Teil: Kapitel III & IV (40–72)
- 1. Teil: Kapitel V & VI (72–101)
- 1. Teil: Kapitel VII (101–115)
- 2. Teil: Kapitel I & II (119–155)
- 2. Teil: Kapitel III & IV (155–187)
- 2. Teil: Kapitel V & VI (187–228)
- 2. Teil: Kapitel VII (228–251)
- 3. Teil: Kapitel I & II (255–288)
- 3. Teil: Kapitel III & IV (288–321)
- 3. Teil: Kapitel V & VI (321–361)
- 4. Teil: Kapitel I & II (365–398)
- 4. Teil: Kapitel III & IV (398–430)
- 4. Teil: Kapitel V & VI (430–466)
- 5. Teil: Kapitel I & II (469–508)
- 5. Teil: Kapitel III & IV (508–549)
- 5. Teil: Kapitel V (550–567)
- 6. Teil: Kapitel I & II (571–602)
- 6. Teil: Kapitel III & IV (602–629)
- 6. Teil: Kapitel V & VI (629–666)
- 6. Teil: Kapitel VII & VIII (666–691)
- Epilog: Kapitel I & II (695–716)
- Figuren
- Zitate und Textstellen
- Historischer Hintergrund und Epoche
- Aufbau des Werkes
- Sprache und Stil
- Interpretation
- Rezeption und Kritik
- Prüfungsfragen
- Glossar
- Quellenangaben
Schuld und Sühne
2. Teil: Kapitel VII (228–251)
Zusammenfassung
Auf der Straße trifft Raskolnikow auf einen Menschenauflauf. Es gab einen Unfall mit einer Kutsche. Ein Mann wurde überfahren, der Kutscher beteuert indessen, dass er ihm einfach vor den Wagen gelaufen sei, ihn, den Kutscher, träfe keine Schuld. Raskolnikow beugt sich über den schwer verletzten Mann und erkennt ihn: Es ist Marmeladow.
Aufgeregt macht Raskolnikow die Polizisten darauf aufmerksam und erwirkt, dass Marmeladow nach Hause gebracht wird – das Haus Kosel, in dem Marmeladow mit seiner Familie wohnt, ist nur wenige Meter entfernt. Raskolnikow bezahlt einen der Polizisten und gemeinsam bringen sie Marmeladow nach Hause.
Dort ist Katerina Iwanowna Marmeladowa gerade dabei, sich gegenüber den Kindern über ihren Mann zu beschweren. Er habe sie zugrunde gerichtet, meint sie. Als die Männer mit Marmeladow eintreten, erschrecken die Kinder. Katerina Iwanowna aber bleibt gefasst und untersucht den bewusstlosen Marmeladow. Gleichzeitig schickt sie ihre Tochter aus, um Sonja zu holen.
Marmeladow erwacht, verlangt aber nur noch nach einem Priester. Auch Katerina erkennt, dass es keine Rettung mehr für ihn gibt. Die Verletzungen sind zu schwer. Schließlich kommt der Arzt hinzu, kann aber auch nur noch feststellen, dass Marmeladow im Sterben liegt. Der Priester kommt hinzu und nimmt Marmeladow die letzte Beichte ab. Trauernd versammelt sich die Familie um ihn.
Da tritt Sonja auf, die in der Kleidung einer Prostituierten erscheint. Kurz erlangt Marmeladow noch einmal das Bewusstsein und ist schockiert, seine Tochter in dieser Aufmachung zu sehen. Er bittet sie um Vergebung, sie umarmt ihn und er stirbt.
Raskolnikow verspricht Katerina Iwanowna, die Familie zu unterstützen. Er gibt ihr zwanzig Rubel von dem Geld, das seine Mutter ihm geschickt hat, und kündigt an, wiederzukommen. Auf dem Weg hinaus hat Raskolnikow ein eigenartiges Gefühl: Er fühlt sich lebendiger als zuvor.
Er entscheidet sich dazu, nun doch Rasumichin zu besuchen. Er will aber nicht am Fest teilnehmen, sondern nur kurz mit ihm sprechen. Rasumichins Zorn ist vollständig verflogen und er verlässt seine Gäste, um Rodion Raskolnikow nach Hause zu begleiten. Dort sehen die beiden, dass Licht in Raskolnikows Kammer ist. Als sie eintreten, erkennt Raskolnikow seine Schwester Dunja und seine Mutter Pulcherija.
Analyse
In diesem Kapitel erblickt Raskolnikow Sonja zum ersten Mal. Er hat natürlich schon von ihr gehört und weiß, dass sie als Sexarbeiterin arbeitet. In dieser Szene tritt sie in ihrer Arbeitskluft auf– ein weiteres Beispiel dafür, welchen hohen Stellenwert die Kleidung in »Schuld und Sühne« hat. Sonja sticht dabei in ihrer Aufmachung krass von ihrem Umfeld ab, obwohl sie gleichzeitig sehr wohl in diesen Kontext passt. Sonja ist, wie Raskolnikow, eine Grenzgängerin.
»Aus der Menge trat still und schüchtern ein junges Mädchen hervor, und ihr plötzliches Auftauchen in diesem Raum, inmitten von bitterster Armut, Lumpen, Tod und Verzweiflung wirkte seltsam.« (239) Doch gleichzeitig passt sie hinein: »Auch sie trug kaum etwas Besseres als Lumpen; alles war von der billigsten Sorte, aber von jener Auffälligkeit, die sich nach Geschmack und Regeln einer eigenen Welt richtet und ihren Zweck grell und schamlos betont« (239). Gleichzeitig sticht sie ab.
Bemerkenswert ist auch eine weitere Stelle. Auf Seite 243 heißt es: »Diese Empfindung könnte mit der Empfindung eines zu Tode Verurteilten verglichen werden, dem im letzten Augenblick und unerwartet die Begnadigung verkündet wird« (243). Diese sehr spezifische Empfindung nennt Dostojewskij auch an anderer Stelle – wie sie überhaupt für ihn von Bedeutung ist, da er selbst diese Empfindung kennt (Guski 2018, 103).
Als junger Mann, mit 28 Jahren, wird der überzeugte Sozialist Dostojewskij zum Tode verurteilt. Das Urteil soll am 23. April 1849 vollstreckt werden. Dostojewskij wird zur Hinrichtung geführt, im letzten Moment aber wird verkündet, dass die Delinquent*innen begnadigt seien. Dostojewskij wurde also Opfer einer Scheinhinrichtung und hat möglicherweise ein Trauma erlitten. Wenn er aber nun Raskolnikow mit dieser sehr spezifischen – und sehr persönlichen – Empfindung ausstattet, stellt sich die Frage, inwieweit »Schuld und Sühne« ein autobiographischer Roman ist. Sind Raskolnikow und Dostojewskij sich ähnlich?
Tatsächlich sind sie es eher nicht, die autobiographischen Verweise beschränken sich auf Zufälliges. Doch auch die Erzählerfigur tritt an keiner Stelle konturiert hervor, sodass auch kein impliziter Autor greifbar ist. Genau das führt aber zu einer gesteigerten Unmittelbarkeit der Erzählung. Intradiegetisch sind schon so viele Sachverhalte unklar, auch weil sie vom wahnsinnigen Raskolnikow gesehen werden. Dass die Erzählerfigur eher schwach ist, lässt den Plot hervortreten und fügt somit der beschriebenen intradiegetischen Ambivalenz eben keine weitere Quelle von Ambivalenz hinzu. Der Fiktionszusammenhang bleibt trotz metapoetischer Kommentare stets gewahrt.