- Inhaltsangabe
- Zusammenfassung und Analyse
- 1. Teil: Kapitel I & II (9–40)
- 1. Teil: Kapitel III & IV (40–72)
- 1. Teil: Kapitel V & VI (72–101)
- 1. Teil: Kapitel VII (101–115)
- 2. Teil: Kapitel I & II (119–155)
- 2. Teil: Kapitel III & IV (155–187)
- 2. Teil: Kapitel V & VI (187–228)
- 2. Teil: Kapitel VII (228–251)
- 3. Teil: Kapitel I & II (255–288)
- 3. Teil: Kapitel III & IV (288–321)
- 3. Teil: Kapitel V & VI (321–361)
- 4. Teil: Kapitel I & II (365–398)
- 4. Teil: Kapitel III & IV (398–430)
- 4. Teil: Kapitel V & VI (430–466)
- 5. Teil: Kapitel I & II (469–508)
- 5. Teil: Kapitel III & IV (508–549)
- 5. Teil: Kapitel V (550–567)
- 6. Teil: Kapitel I & II (571–602)
- 6. Teil: Kapitel III & IV (602–629)
- 6. Teil: Kapitel V & VI (629–666)
- 6. Teil: Kapitel VII & VIII (666–691)
- Epilog: Kapitel I & II (695–716)
- Figuren
- Zitate und Textstellen
- Historischer Hintergrund und Epoche
- Aufbau des Werkes
- Sprache und Stil
- Interpretation
- Rezeption und Kritik
- Prüfungsfragen
- Glossar
- Quellenangaben
Schuld und Sühne
3. Teil: Kapitel I & II (255–288)
Zusammenfassung
Gegenüber Schwester und Mutter ist Raskolnikow eigenartig reserviert. Er möchte sie dazu bringen, am nächsten Morgen wiederzukommen. Insbesondere Rodions Mutter ist besorgt, sie und Dunja haben bereits durch Nastassja von dem Streit zwischen Raskolnikow und Luschin gehört. Dunja konfrontiert ihren Bruder mit dem Streit und Raskolnikow erklärt, er glaube, Awdotja/Dunja wolle Luschin nur aus Opferbereitschaft heiraten. Er fordert von ihr, dass sie die Verlobung auflöst.
Rasumichin vermittelt – leicht betrunken – und meint, dass Raskolnikow sich nur beruhigen müsse. Doch auch auf ihn habe Luschin einen schlechten Eindruck gemacht. Schließlich gehen die beiden Frauen und Rasumichin ins Treppenhaus, damit sie dort beratschlagen können, was zu tun ist. Rasumichin macht einen sehr guten Eindruck auf die beiden Frauen. Er bietet ihnen an, sie in ihr Hotel zu begleiten und sogleich wieder zu Raskolnikow zurückzukehren, um nach ihm zu sehen. Anschließend wolle er, versichert er, zu den beiden gehen und ihnen Bericht erstatten. Er bietet außerdem an, Sossimow zu holen, damit dieser den Damen ebenfalls Bericht erstatten und anschließend in der Nähe Raskolnikows nächtigen könne.
Auf dem Weg zum Hotel unterhalten sich die drei. Rasumichin zeigt starke Sympathien für Awdotja. Ihre Ansichten ähneln sich. Betrunken wie er ist, äußert sich Rasumichin abfällig über Awdotjas Verlobten Luschin, ein Schuft sei dieser. Insbesondere, dass er die beiden Frauen in einem so schlechten Hotel untergebracht hat, empfindet und bezeichnet Rasumichin als skandalös. In solch einem Hotel könne man doch seine Braut nicht unterbringen, ruft er aus. Er verlässt die beiden.
Zwanzig Minuten später ist er zurück: Rodion schlafe, er gehe nun zu Sossimow. Eine Stunde später ist er mit Sossimow zurück. Der erstattet einen Bericht, der die beiden Frauen zu beruhigen scheint. Sossimow und Rasumichin gehen wieder zu Raskolnikow und geraten unterdessen in Streit, da sich Sossimow despektierlich über Awdotja äußert. Doch sie beruhigen sich und Rasumichin bietet Sossimow die Wirtin Raskolnikows als Geliebte an.
X
Am nächsten Morgen wacht Rasumichin auf und ist heillos verliebt in Awdotja. Allerdings glaubt er nicht, dass sein Wunsch jemals in Erfüllung gehen könne. Er schämt sich für sein betrunkenes Verhalten am vergangenen Abend. Vor allem, dass er Luschin beschimpft hat, grämt ihn nun. Es sei respektlos, vor der Verlobten solche Reden zu führen.
Auch Sossimow hat, nach Rasumichins Plan, bei Raskolnikow übernachtet. Die beiden besprechen sich, Sossimow erklärt, dass Raskolnikow aufgrund seiner psychischen Konstitution besonders heftig auf den Mord an Aljona und Lisaweta reagiert habe. Er habe eine fixe Idee diesbezüglich entwickelt.
Anschließend geht Rasumichin mit schlechtem Gewissen zu den beiden Frauen. Diese aber begrüßen ihn überschwänglich und hegen keinerlei Groll. Sie fragen ihn über Rodja/Raskolnikow aus. Dabei kommen sie schnell auf eine Episode in Raskolnikows Leben zu sprechen, die nicht sehr lang zurückliegt. Er war mit der Tochter seiner Wirtin verlobt, doch die Tochter starb plötzlich. Pulcherija Alexandrowna gesteht, dass sie sich den Tod des Mädchens gewünscht habe.
Rasumichin entschuldigt sich für seine Tirade zu Lasten Luschins. In Reaktion darauf holt Raskolnikows Mutter, Pulcherija, ein Schreiben hervor, das mit Pjotr Petrowitsch Luschin unterschrieben und an die beiden Damen adressiert ist. Rasumichin liest den Brief.
In dem Brief schildert Luschin die vortägige Zusammenkunft mit Raskolnikow und fordert von Pulcherija, dass sie sich ihm, Luschin, gegenüber erkläre. Er werde die beiden besuchen, aber nur, wenn Rodion Raskolnikow nicht anwesend ist. Awdotja plädiert dafür, Luschin und Raskolnikow unbedingt aufeinandertreffen zu lassen. Unter Gesprächen gehen die drei zu Raskolnikow.
Analyse
Bereits zu Beginn, beim ersten Wiedersehen nach drei Jahren, erkennt Pulcherija Alexandrowna, dass ihr Sohn wahnsinnig ist (257). Tatsächlich scheinen Intuitionen in der Familie Raskolnikow durchaus treffend zu sein, auch an späterer Stelle erfahren die Familienmitglieder vieles schon durch Blicke. Es lässt sich also davon ausgehen, dass in der Familie Raskolnikow allgemein ein hohes Maß an Vertrautheit und auch emotionaler Kompetenz vorliegt.
Vor diesem Hintergrund wird im hier behandelten Kapitel der Grundstein für Rasumichins neue Stellung in der Familie Raskolnikow gelegt. Auch er errät Gedanken von Familienmitgliedern: »›In seiner Verfassung?...‹ ›Aha, ich verstehe, Sie denken: in seiner Verfassung?‹ unterbrach Rasumichin ihre Gedanken, die er erraten hatte« (261). Auch Rasumichin ist ein sprechender Name, »rasum« bedeutet »Vernunft«. Er ist also, dass zeigt das Verb »erraten«, ein intelligenter Mann. Erraten verweist auf Wahrscheinlichkeit und damit auf Berechnung. Wäre Rasumichin ein reiner Gefühlsmensch, stünde dort eher das Verb »erfühlen« in Bezug auf Pulcherijas Gedanken.
Gleichzeitig erweist sich Rasumichin in diesem Kapitel auch als veritabler Philosoph. War er zuvor in Bezug auf intellektuelle Debatten meistens durch die Position ausgezeichnet, alle sprächen nur nach, was sie andernorts aufgeschnappt hätten, entfaltet er nun gegenüber Pulcherija und Awdotja seine eigene Position.
Er halte es mit dem Phantasieren. Seiner Auffassung nach entstünde jeder menschliche Fortschritt durch das Phantasieren. Interessant ist, dass er damit eine Position vertritt, die der Ideologie Raskolnikows entgegengesetzt ist. Raskolnikow fordert die Handlung, die am Ende der Reflexion steht. Rasumichin hingegen sieht Handlungen der Phantasie, von denen nur ein Bruchteil überhaupt Reflexionen zur Folge hat: »Wir haben uns noch nie zu einer Wahrheit durchgerungen, ohne vorher mindestens vierzehnmal zu phantasieren, vielleicht sogar hundertvierzehnmal« (262).
Tatsächlich sei das Phantasieren das definierende Kriterium des Menschen: »Ich phantasiere, also bin ich ein Mensch« (262). Gleichzeitig wird damit natürlich auch Descartes’ »Ich denke, also bin ich« (Descartes 1971) zitiert. Die griffige Formel des modernen Subjekt-Verständnisses wendet Rasumichin, dessen Name Vernunft bedeutet – ein weiterer Verweis auf den Rationalisten Descartes –, ins Romantische.
Phantasieren sei wenigstens ein individueller Akt, das Reproduzieren von Wahrheiten hingegen nur ein Nachreden. Er bevorzuge das Individuelle gegenüber dem Wahren. Rasumichin formuliert hier durchaus eine Gegenposition zum Rationalismus und Positivismus. Den meisten Menschen mangele es an Individualität, beklagt er.