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Schuld und Sühne

4. Teil: Kapitel III & IV (398–430)

Zusammenfassung

Luschin hadert mit dem Ausgang des Gespräches, er hatte sich Hoffnungen gemacht, von allen als Wohltäter gefeiert zu werden. Awdotja wünscht er sich weiterhin zur Frau und glaubt immer noch, dass sich das irgendwie ergeben werde. Derweil zeigt er sich besorgt über die Ankunft von Arkadi Swidrigajlow. Man erfährt, dass Luschin nicht näher bezeichnete Pläne hegt.

Awdotja, Pulcherija, Raskolnikow und Rasumichin indessen besprechen die eben erlebte Szene. Bald verbessert sich ihre Stimmung sogar, Rasumichin versucht die beiden Frauen davon zu überzeugen, ganz nach Petersburg überzusiedeln. Dabei verrät er auch, dass er plane, einen Verlag zu gründen. Durch seine Arbeit als Übersetzer hat er bereits Erfahrungen im Verlagsgeschäft und meint, bereits ein erfolgreiches Geschäftsmodell entwickelt zu haben.

Mitten im Gespräch steht Raskolnikow auf und möchte gehen. Er sagt, er müsse einer dringenden Erledigung nachgehen. Im Abgehen sagt er den Frauen, dass er sich zunächst von ihnen trennen wolle. Es sei besser, keinen Kontakt zu haben. Das überrascht alle Anwesenden. Raskolnikow verlässt das Hotel, Rasumichin folgt ihm, wird aber von Raskolnikow zurückgeschickt. Rasumichin nimmt sich der beiden Frauen an.

X

Raskolnikow geht zu Sonja. Wie bisher ist Sonja Raskolnikow gegenüber gehemmt. Raskolnikow übernimmt die Führung im Gespräch und fragt sie geradezu aus. Es hat den Anschein, als wolle er sie über ihre Lage aufklären. Katerina Iwanowa werde bald sterben und dann sei sie für ihre Geschwister verantwortlich. Alle Verantwortung laste nur auf ihr. Sonja entgegnet, dass Gott das nicht zulassen werde. Als sie diese Überzeugung später wiederholt, antwortet Raskolnikow, dass es vielleicht keinen Gott gebe.

Doch Sonjas Glauben ist unerschütterlich. Sie bricht in Tränen aus und beklagt, dass Raskolnikow verwirrt sei. Das hat einen Stimmungsumschwung bei Raskolnikow zur Folge. Er kniet vor ihr nieder und will dies als Referenz gegenüber allem menschlichen Leid verstanden wissen.

Schließlich fällt sein Blick auf eine Bibel, woraufhin er Sonja darum bittet, ihm die Geschichte von Lazarus vorzulesen. Nach anfänglichen Hemmungen tut Sonja es und liest das elfte Kapitel des Johannes-Evangeliums vor, in dem Jesus den toten Lazarus zum Leben erweckt.

Die Lektüre sorgt für eine zwischenzeitliche Beruhigung. Die beiden sitzen still im Kerzenlicht. Nach einigen Minuten beginnt Raskolnikow wieder das Gespräch. Er habe seine Mutter und Schwester verlassen. Er ergeht sich in einer Tirade über den fatalen Zustand der Welt und fragt Sonja schließlich, ob sie wisse, wer Aljona und Lisaweta umgebracht habe. Er werde es ihr bereits am folgenden Tag sagen. Darauf verlässt Raskolnikow Sonjas Zimmer.

Man erfährt allerdings, dass im Nachbarraum ein neuer Mieter sitzt: Swidrigajlow. Er hat das Gespräch gehört und entschließt sich, am folgenden Abend, wenn Raskolnikow das Geheimnis um den Mord lüften werde, wieder zu lauschen.

Analyse

Schon früh in diesem Abschnitt zeigt sich eine auf das Schriftbild bezogene Besonderheit. Der Szenenwechsel zwischen der intern fokalisierten Wiedergabe der Gedanken Luschins und der Szene um die Familie Raskolnikow und Rasumichin wird von fast drei Zeilen aneinandergereihter Punkte gebildet (401). Die Punkte vertreten dabei eine schriftlich nicht näher bezeichnete Handlung.

Der letzte Satz vor den Punkten lautet: »Kurz, es gab für ihn noch allerlei zu tun« (401). Die Punkte vertreten dabei genau diese anstehende Handlung, das, was er noch zu tun hat. Gleichzeitig fungieren die Punkte als Hilfsmittel, um Spannung zu erzeugen. Was Luschin tatsächlich plant, bleibt völlig unklar. Aber im Sinne der Spannungserzeugung sollte es an dieser Stelle auch gar nicht genannt werden. Es wird eine Erwartungshaltung erzeugt. Die Punkte haben dabei den Vorteil, überhaupt nichts zu verraten, Unsicherheit wird verstärkt, Spannung dadurch aufgebaut.

Spannung wird aber auch durch die Konfrontation zwischen Raskolnikow und Rasumichin erzeugt. Auf der Straße bleiben die beiden stehen. Raskolnikow redet auf Rasumichin regelrecht ein: »Ein für allemal: Du sollst mich nie etwas fragen. Ich kann dir nichts antworten … Du sollst nicht mehr zu mir kommen. Ich werde vielleicht hierherkommen … Laß mich, sie aber … sollst du nie verlassen! Verstehst du mich?« (408).

Die Phrase »Du sollst mich nie etwas fragen« (408) erinnert kaum zufällig an Lohengrins »Nie sollst du mich befragen«. Im Opernprätext ermahnt Lohengrin Elsa, dass sie nicht nach seiner Herkunft forschen solle. Als es Elsa aber doch tut, muss Lohengrin gehen. Die Parallele zu Raskolnikow ist darin zu sehen, dass auch dieser, ist seine Tat einmal bekannt, wegziehen müssen wird: nach Sibirien. In gewisser Weise kann Raskolnikow hier als Lohengrin’sche Figur verstanden werden, wenngleich er weit davon entfernt ist, ein Gralsritter zu sein.

Wagners Oper hatte 1850 ihre Uraufführung und war ein paneuropäisches Ereignis. Die Oper war ungemein erfolgreich. Gleichwohl war Dostojewskij kein Bewunderer Wagners, vielmehr betrachtete er dessen Werke als Schund. Allerdings ist es dennoch nahezu ausgeschlossen, dass Dostojewskij die Oper Lohengrin nicht gekannt haben könnte. Der intertextuelle Verweis könnte durchaus als ironische Zutat verstanden werden und damit als Merkmal des polyphonen Romans gelten (Bachtin 1985, 9).

Das zweite der beiden Kapitel ist signifikant religiös aufgeladen. So etwa die Szene, in der Raskolnikow vor Sonja niederkniet. Er rechtfertigt sich anschließend: »Nicht vor dir habe ich gekniet, vor allem menschlichen Leid habe ich gekniet« (418). Er sagt dies sogar dezidiert »entrückt« (418). Martin Luther hat die Mutter Maria als dadurch gekennzeichnet verstanden, dass sie weniger sich selbst, als vielmehr das ganze menschliche Leid oder vielmehr alle Leidenden repräsentiert. In diesem Sinne rückt Sonja semantisch an die Mutter Maria heran.

Wie unorthodox die sich zwischen Sonja und Raskolnikow entfaltende Religiosität ist, zeigt sich auch an der Auswahl biblischer Literatur. Dass Raskolnikow von Sonja ausgerechnet die Episode über Lazarus hören möchte, ist natürlich signifikativ. Raskolnikow identifiziert sich mit dieser Episode, fraglich aber bleibt, mit wem genau sich Raskolnikow identifiziert.

Lazarus jedenfalls ist der Bruder von Maria und Martha von Betanien. Bei Maria handelt es sich aber nicht um die Mutter von Jesus, diskutiert wird jedoch, ob Maria von Betanien mit Maria Magdalena identisch ist. Lazarus ist krank, Jesus wird postalisch bestellt. Doch als er ankommt, ist Lazarus bereits seiner Krankheit erlegen, was Jesus weiß. Von Anfang an ist die Totenerweckung also von Jesus geplant (Joh 11,1–16).

Als Jesus in Betanien ankommt, ist Lazarus bereits seit vier Tagen tot. Jesus sagt die auch bei Dostojewskij zitierten Sätze: »Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt« (Joh 11, 25). Bei Dostojewskij ist der erste Satz sogar kursiv gedruckt und dadurch eigens hervorgehoben (424). Tatsächlich gelingt es Jesus, Lazarus wieder zum Leben zu erwecken (Joh 11, 41–44).

Die Geschichte um Lazarus ist eines der eher rätselhaften Geschehnisse im neuen Testament. Jesus betätigt sich hier letzten Endes als Totenbeschwörer, was sich von den anderen berichteten Wundern Jesu unterscheidet. Lazarus‘ Erweckung ist sicher das beeindruckendste Wunder, das Jesus gewirkt haben soll. Doch es bleibt die Frage, mit wem sich Raskolnikow identifiziert: Ist er eher der aufgeweckte, wieder unter den Lebenden wandelnde Lazarus oder ist er der Heiland, der den Toten auferstehen lässt?

Veröffentlicht am 25. Juni 2025. Zuletzt aktualisiert am 25. Juni 2025.