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Schuld und Sühne

6. Teil: Kapitel I & II (571–602)

Zusammenfassung

Die Ereignisse der letzten Tage haben Raskolnikow zutiefst erschöpft. Er fällt in ein mehrtägiges Delirium. Er wird von Sorgen geplagt. Obwohl schon zwei oder drei Tage vergangen sind, hat er Swidrigajlow noch nicht aufgesucht. Undeutlich erinnert er sich an die vergangenen Tage: Er war bei Sonja, traf dort auf Swidrigajlow. Dieser sagt ihm, er solle sich entspannen. Der Mensch brauche Luft, wie er betont.

Raskolnikow verliert sich im Wahn. Er hat das Gefühl, ständig in Begleitung zu sein. Er spürt die Anwesenheit eines Anderen, vor allem wenn er allein ist. Er vertreibt sich die Zeit in Schenken, wird aber wieder von Panikattacken erfasst. Nach drei Tagen erwacht er schließlich aus diesem Zustand. Rasumichin ist zu Besuch.

Rasumichin erklärt ihm, dass er sich selbst davon überzeugen wolle, ob Raskolnikow schließlich wahnsinnig geworden sei. Er erzählt von Pulcherija und Awdotja, woraufhin Raskolnikow ihm erzählt, dass Awdotja ihn besucht hat, wovon Rasumichin nichts wusste. Er verrät Raskolnikow, dass Awdotja einen Brief erhalten habe und sich seitdem anders benehme. Er wisse aber nicht, von wem der Brief stamme. Er erzählt Raskolnikow noch, dass der vermeintliche Mörder gefasst ist: Nikolaj. Überzeugt, Raskolnikow sei in Wahrheit ein politischer Aktivist, macht sich Rasumichin auf den Weg.

Raskolnikow bleibt zurück und denkt nach. Schließlich will er seine Kammer verlassen, da aber tritt ihm Porfirij entgegen. Sie setzen sich.

X

Porfirij setzt sich und kündigt an, sich mit Raskolnikow aussprechen zu wollen. Anscheinend ist Porfirij doch von Raskolnikows Unschuld überzeugt. Er sagt, dass er sich entschuldigen wolle und rechtfertigt sein Verhalten. Er entfaltet den ganzen Fall vor Raskolnikow, schildert aus seiner Sicht, wie er überhaupt auf Raskolnikow aufmerksam geworden ist. Viele Umstände hätten dazu beigetragen: Raskolnikows Ohnmacht auf der Polizeistation, sein Auftritt am Tatort und seine doppeldeutigen Reden gegenüber Samjotow und Swidrigajlow.

Daraufhin lässt sich Porfirij über den vermeintlichen Täter Nikolaj aus: Nikolaj sei eine Art Künstlernatur, ein Schwärmer und Mitglied einer Sekte. Er sei außerdem ein Raskolnik, also jemand, der die orthodoxe Kirche nicht anerkenne. Solche, so Porfirij, würden in Freuden Leid auf sich nehmen. Und bei manchen äußere sich das darin, dass sie sich bestimmter Verbrechen bezichtigten. Er, Porfirij, sei überzeugt von Nikolajs Unschuld.

Und überhaupt gehe es nicht um Nikolaj. Von Raskolnikow aufgefordert, zu sagen, wer denn dann der Mörder sei, antwortet Porfirij aufrichtig: Raskolnikow sei es. Er sei gekommen, sich auszusprechen, fügt er hinzu. Raskolnikow leugnet, aber Porfirij ist aufrichtig überzeugt. Doch er schlägt ihm eine Abmachung vor.

Ihn jetzt einzusperren, sei unvorteilhaft. Es gebe einen vermeintlichen Schuldigen, wenn Raskolnikow leugne, könnten sich Probleme ergeben. Er habe keine Beweise, auch wenn er wisse, was geschehen sei. Raskolnikow solle also gestehen. Im Moment sei die Gelegenheit günstig. Würde er jetzt gestehen, obwohl es einen Geständigen gebe, dann beweise er damit Aufrichtigkeit. Außerdem wolle er, Porfirij, dafür sorgen, dass Raskolnikows Tat als Akt geistiger Umnachtung gewertet werden würde. Er verspricht, sich als ermittelnder Staatsanwalt für ihn einzusetzen.

Porfirij versichert, dass er Raskolnikow aufrichtig schätze, und sagt, dass der Mensch Luft brauche, womit er Swidrigajlow zitiert. Anschließend kündigt er an, dass er Raskolnikow in wenigen Tagen verhaften werde. Sein Angebot sei also zeitlich begrenzt. Porfirij geht ab, Raskolnikow folgt wenig später.

Analyse

Die Ankündigung Swidrigajlows, dass er wisse, was Raskolnikow getan hat, stürzt diesen wieder in eine schwierige Situation. Pünktlich zu Beginn des sechsten Teils fällt er erneut in einen manischen, größtenteils erratischen Zustand: »Ein Nebel schien sich plötzlich auf ihn niederzusenken und ihn in eine unentrinnbare und schwer lastende Einsamkeit zu hüllen« (571).

Deutlich wird so erneut die kognitive Unzuverlässigkeit Raskolnikows unterstrichen: »Er war fest davon überzeugt, daß er sich damals oftmals getäuscht haben mußte, zum Beispiel über Zeitpunkt und Dauer bestimmter Ereignisse« (571). Er rekonstruiert, auch mithilfe von »Mitteilungen, die er von Außenstehenden bezog« (ebd.), die Vergangenheit. Diese Schwäche der Quellen Raskolnikows – schließlich handelt es sich um das Zeugnis von Außenstehenden, die gar nicht wissen können, was sich zugetragen hat – teilt sich auch der Erzählung selbst mit.

Überhaupt erscheint Raskolnikow selbst in ruhigen Momenten deutlich psychisch angegriffen: »Manchmal verließ er die Stadt und wanderte über eine Landstraße, einmal erreichte er sogar ein Wäldchen, aber je einsamer der Ort war, desto deutlicher spürte er jemandes unmittelbare und bedrohliche Gegenwart, weniger beängstigend, vielmehr außerordentlich störend, so daß er möglichst schnell in die Stadt zurückkehrte« (574).

Diese störende, bedrohliche Gegenwart eines Dritten weist auf Raskolnikows schlechte psychische Konstitution. Da sich die zentrale Erzählinstanz über weite Strecken mit einer Bewertung des Gedachten und Gesprochenen zurückhält, tendiert die Geistesverfassung Raskolnikows dazu, auch andere zitierte Gedanken Raskolnikows zweifelhaft werden zu lassen. Vielleicht ahnt Porfirij ja doch nichts? Vielleicht gibt es noch ein Happyend für Raskolnikow, auch wenn diese Möglichkeit, die ja nur durch die Schilderung des Wahns plausibilisiert werden konnte, durch das Faktum Wahn sehr viel unwahrscheinlicher wird.

Es ist also eine paradoxe Situation: Raskolnikows Anfälligkeit erweckt den Anschein einer Hoffnung, die sie gleichzeitig radikal negiert. Raskolnikow ist damit als dilemmatische Figur zu verstehen. Gleichwohl scheint es auch an anderer Stelle Raum für Hoffnung zu geben. So wird Raskolnikow von Rasumichin darüber unterrichtet, dass die Staatsanwaltschaft den Täter zu haben scheint. Es sei eben jener Nikolaj, der sich geständig gezeigt hatte.

Durch Rasumichins Nennung dieser Wendung des Falles erscheint es zunächst wahrscheinlicher, dass der Fall tatsächlich nicht weiterverfolgt wird. Ein Täter steht ja zur Verfügung, weitere Ermittlungen erscheinen nicht notwendig. Rasumichin stellt diskursiv die Unschuld Raskolnikows her, zumindest insoweit Unschuld hier nur als Abwesenheit eines Urteilsspruches zu verstehen ist. Raskolnikow erscheint auf der Ebene des Diskurses als unschuldig, auf der existenziellen Ebene aber hilft diese diskursive Technik nicht weiter.

Und weil es sich nur um eine diskursive Unschuld handelt, wird diese direkt im folgenden Kapitel wieder unterminiert. Porfirij tritt auf. Auch dieses Gespräch ist von der Doppeldeutigkeit gekennzeichnet, die die Beziehung zwischen Porfirij und Raskolnikow insgesamt auszeichnet. Realtiv schnell wird das Gespräch aber deutlicher – Raskolnikows Befürchtungen haben sich als wahr erwiesen: Porfirij weiß tatsächlich über den Mord Bescheid.

Veröffentlicht am 25. Juni 2025. Zuletzt aktualisiert am 25. Juni 2025.