Der Knabe im Moor
Strophe 4
Zusammenfassung
Der Knabe rennt weiter, als würde er gejagt. Der Boden, auf dem er läuft, erzeugt fortlaufend Geräusche, die er mit der Melodie eines Geigenmann-Gespenstes mit Namen »Knauf« identifiziert: Der hätte auf einer Hochzeit den »Hochzeitheller« gestohlen.
Analyse
Die Formel für die Aufteilung der Strophe ist nun gefunden. Wie in der vorangegangenen Strophe gibt es in Vers 6 und 7 die anaphorische Identifikation der Spukgestalt. Darauf folgt im Abschlussvers ein Relativsatz, der die Spukgestalt näher bestimmt.
Damit findet keine Entsprechung mehr, was in der zweiten Strophe auf dieselbe Konstellation (dort aber ohne Wiederholung der Identifikation) noch gefolgt war: die abermalige Umdeutung und der ›Ausbruch‹ desselben Phänomens (»es bricht wie ein irres Rind!«) und die Reaktion des Knaben (»Hinducket das Knäblein zage.«).
Die erste Strophenhälfte setzt sich hingegen aus den Beschreibungsmustern, die in der ersten Strophe des Gedichts gefunden wurden, und einer Charakterisierung der Bewegung des Jungen zusammen. Gewissermaßen am stabilsten, schwergängigsten sind dabei die Verse mit zwei Substantiven (»Und die Ranke häkelt am Strauche« – »Hohl über die Fläche sauset der Wind« – »Vom Ufer starret Gestumpf hervor«).
Um die Dynamik weiter zu steigern, modifiziert die Dichterin in der vierten Strophe nun auch die erste Strophenhälfte: Sie verzichtet ganz auf Verse mit zwei Substantiven und stellt die Bewegung des Knaben durch die Wiederholungen des als Interjektion gebrauchten Adverbs »voran« an den Strophenbeginn (in der dritten Strophe kam sie erst im dritten Vers vor).
Die Anapher setzt sich sogar noch, zwar auf den Anlaut beschränkt, im dritten Vers fort (»Voran, voran | Voran | Vor«) und steht damit der in ähnlicher Weise im dritten Glied modifizierten Anapher der drei Schlussverse (»Das ist | Das ist | Der«) in gleichem Umfang gegenüber. Die Beschreibung begrenzt sich nun auf das von dem Knaben im Sinne des Aberglaubens umgedeutete Phänomen, das sich im unmittelbaren Nahbereich befindet. Es gibt also keine Landschaftsteile mehr, die die Vorstellung vom Moor als Gesamtheit strukturierten (wie Ufer, Hag und Röhricht).
Zum dritten Mal erfolgt die Identifikation des Moorgespenstes über das Gehör. Zur Figur des »Fiedler Knauf« noch einmal Bodo Plachta:
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Geldstücke, sog. Braut- oder Hochzeitstaler, wurden traditionell als Geschenk zum Eheverlöbnis überreicht. Sie hatten die Funktion eines Treuepfands für die künftigen Eheleute und besiegelten eine erfolgreiche Werbung: »die jungen Leute wechseln ›die Treue‹, nämlich ein Paar alter Schaumünzen, und der Handel ist geschlossen«, heißt es in den ›Westphälischen Schilderungen‹. Auch sollten diese Münzen vor Armut schützen, solange sie im Besitz der Brautleute verblieben. Kriminalität aus sozialer Not fällt immer mit einem Werteverlust und mit einer Abkoppelung von traditionellen Bindungen zusammen. Daß im Gedicht ein Musikant während der Hochzeitsfeier gerade ein solches Treuesymbol entwendet, läßt sich zwar mit der allgemeinen Kleinkriminalität der Zeit erläutern, zeigt aber wiederum, daß Diebstahl als Symptom sozialer Not sich über allgemein anerkannte Normen hinwegsetzte, ja hinwegsetzen mußte. (Plachta 215)