Skip to main content

Die Judenbuche

Aufbau des Werkes

»Die Judenbuche« ist in drei Teile untergliedert. Der mit einigem Abstand umfangreichste Abschnitt ist der erste. In diesem Abschnitt wird zunächst die Vorgeschichte Friedrich Mergels geschildert. Das mit Leseransprachen arbeitende Widmungsgedicht setzt dabei den Ton. Es solle ohne Vorurteil geschildert werden, was zu einem historischen Zeitpunkt in Deutschland der Fall gewesen sei. An das Gedicht schließen sich eher allgemeine Betrachtungen an.

Der erste Abschnitt deckt einen Zeitraum ab, der von der ersten Ehe Hermann Mergels bis zum Mord am Förster Brandes reicht. Es handelt sich um einen Zeitraum von ungefähr 20 Jahren.

Bezeichnend ist, dass sich auch innerhalb des Abschnittes direkte Leseransprachen finden. Zentral dabei erscheint folgende Stelle. Beklagt wird, dass der Mord an Brandes nicht aufgeklärt werden konnte: »Es würde in einer erdichteten Geschichte unrecht sein, die Neugier des Lesers so zu täuschen. Aber dies alles hat sich wirklich so zugetragen; ich kann nichts davon- oder dazutun« (104).

Diese Beteuerungen erweisen sich als tückisch. Bei »Die Judenbuche« handelt es sich nicht um eine bloße – historische – Dokumentation, sondern um ein fiktionales Werk. Dementsprechend wurde es auch früh als Novelle wahrgenommen und als solche publiziert. Doch handelt es sich bei dem Text überhaupt um eine Novelle?

Es ließe sich dafür plädieren. Eine unerhörte Begebenheit etwa liegt im Mord an Aaron vor. Auch die relative Kürze des Textes spräche für eine solche Lesart. Auch das Storm’sche Novellenverständnis ließe sich in Anschlag bringen, denn »Die Judenbuche« folgt tragischen Mechanismen.

Die ersten Absätze fungieren dabei als Exposition. Der Tod Hermann Mergels ließe sich als erregendes Moment verstehen, das die Handlung in Gang bringt. Als großer Wendepunkt erscheint der Mord am Förster Brandes.

Im zweiten Abschnitt findet sich der Höhepunkt der Handlung, hier drängt sich alles innerhalb weniger Seiten. Es erscheint evident, dass Friedrich Aaron erschlagen habe. Ein retardierendes Moment findet sich im Geständnis des Lumpenmoises. Friedrich erscheint nicht mehr als Täter – und doch ist die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten. Friedrich erhängt sich in der Buche – zumindest, so man dem Gutsherrn von S. glauben darf – und es wird sogar eine Anagnorisis nachgeliefert, indem der Gutsherr den Leichnam anhand einer Narbe als Friedrich Mergel wiedererkennt.

Schlussendlich ließe sich die Inschrift des Baumes als eine Art Leitmotiv lesen. Auch dies, nach Heyse, ein zentrales Novellenkriterium. Insgesamt lässt sich die Lesart also plausibel machen, dass es sich bei »Die Judenbuche« um eine Novelle handelt.

Veröffentlicht am 11. Dezember 2024. Zuletzt aktualisiert am 11. Dezember 2024.