Die Geschichte verdankt sich einer wahren Begebenheit. »Die Judenbuche« verarbeitet einen tatsächlichen Kriminalfall. 1782 hatte »Hermann Winkelhannes einen Juden, genannt Pinnes, erschlagen und war geflohen. Er geriet in algerische Sklaverei und kehrte erst viele Jahre später heim« (Schlüter 2013: 3). Der Mord datiert auf 1782, begangen nördlich von Brakel. Nach seiner Rückkehr muss Winkelhannes keine weitere Strafe absitzen.
Dieser authentische Fall wurde von einem Verwandten Droste-Hülshoffs, August von Haxthausen, unter dem Titel »Geschichte eines Algierer-Sklaven« publiziert. Dieser Text erschien erstmals zwischen dem 5. und 19. Februar 1818 in einer Zeitschrift namens »Wünschelruthe« – in Fortsetzungen (vgl. ebd.: 6).
Tatsächlich war der Vater des Autors zur Zeit des Mordes der Gutsherr der Gegend (vgl. ebd.: 8). Insgesamt ist Haxthausens Text sehr viel näher am authentischen Fall als »Die Judenbuche«. Annette von Droste-Hülshoff, deren Verwandte mit der Auflösung des echten Falles betraut waren, verlegt die Handlung etwa zwanzig Jahre vor, womöglich »aus Rücksichtnahme auf noch lebende Verwandte von Täter und Opfer« (ebd.: 121–122).
Unplausibel ist das nicht, schließlich thematisiert Annette von Droste-Hülshoff in viel stärkerem Maße das dörfliche Umfeld als ihr Verwandter von Haxthausen. Letzterer »ließ die Geschichte der Tötung Pinnes‘ für sich stehen und auch nur für sich sprechen« (122). Annette von Droste-Hülshoff wählt einen anderen Weg.
Genau deswegen ist es auch arg verkürzend, wenn »Die Judenbuche« als Text des Biedermeier verstanden wird. Es stimmt, dass der Text im Vormärz zu einer Zeit erschienen ist, in der das Biedermeier einen gewissen Einfluss auf die Kunstproduktion hatte, gleichzeitig bestehen aber auch dezidiert politische Strömungen, auf die »Die Judenbuche« reagiert.
Gerade zu Beginn könnte zwar der Eindruck entstehen, auch »Die Judenbuche« verhandele vornehmlich apolitische Themen – schließlich ist die dörfliche Welt der Politik des Staates tendenziell abgewandt –, es könnte auch ein inhärenter Konservatismus gesehen werden, indem eine Zeit geschildert wird, die weit vor den Fabriken und Verwaltungen der beginnenden Industrialisierung liegt.
Allerdings wird diese untergegangene Welt ja nicht als Idylle geschildert. Schon früh wird das gewalttätige und geradezu wilde Element der ruralen Gesellschaft geschildert. Gleichwohl ließe sich an dieser Stelle auch argumentieren, gerade dies sei biedermeierlich: Die wilden Zeiten sollen als mahnendes Beispiel daran gemahnen, »des Innern stillen Frieden« (Grillparzer) zu bewahren und zu schätzen.
Doch auch dies tut Droste-Hülshoff nicht. Sie zeigt auch die Schwierigkeiten und moralisch fragwürdigen Prozesse innerhalb dieser vorindustrialisierten Region auf. Politische Implikationen ergeben sich allein schon aus der Konfrontation Dorfbevölkerung–Obrigkeit. In diesem Sinne ist die Erzählung ein Beispiel der politischeren Vormärz-Literatur.
Gleichzeitig weist die Erzählung stellenweise schon auf den Naturalismus voraus. In »Die Judenbuche« soll kein Anspruch an die Figuren formuliert werden, vielmehr geht es darum, sie in ihren Handlungen möglichst wirklichkeitsgetreu wiederzugeben. »Die Judenbuche« lässt sich als Werk des Realismus respektive Frührealismus einordnen. Auch wenn sie teilweise romantische und damit rückbezügliche, teilweise naturalistische und damit vorausweisende Bezüge aufweist.