Die Judenbuche
Zitate und Textstellen
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»Dreißig, vierzig Wagen zogen zugleich aus in den schönen Mondnächten, mit ungefähr doppelt so viel Mannschaft jedes Alters, vom halbwüchsigen Knaben bis zum siebzigjährigen Ortsvorsteher, der als erfahrener Leitbock den Zug mit gleich stolzem Bewußtsein anführte, als er seinen Sitz in der Gerichtsstube einnahm.«– Erzählinstanz, S. 75
Hier wird die extreme Ambivalenz des dörflichen Rechtsempfindens deutlich. Nicht zuletzt zeigt dieser Zustand, dass es sich um ein Gesellschaftssystem im Untergang handelt. Die traditionalistische Gesellschaft der Novelle ist schon zum Erscheinungszeitpunkt vorbei.
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»Hat er dem Aaron Geld genommen, so hat ihn der verfluchte Jude gewiß zuvor darum betrogen. Hülsmeyer ist ein ordentlicher angesessener Mann, und die Juden sind alle Schelme.«– Margret, S. 121
Hier zeigt sich der geläufige Antisemitismus. Gleichzeitig erfahren Leser etwas über die Wirkweise. Es ist eine Diskriminierung und Abwertung qua Identität. Ein Dorfbewohner ist als solcher vertrauenswürdig. Aaron hingegen ist ein Fremder – und deswegen wird ihm qua Existenz nicht nur eine Mitschuld am Übergriff gegeben.
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»Der Gerichtsschreiber saß unmutig und verlegen da. Plötzlich fuhr er mit der Hand hinter sich und brachte etwas Blinkendes vor Friedrichs Auge ›Wem gehört dies?‹ – Friedrich sprang drei Schritt zurück. ›Herr Jesus! Ich dachte, Ihr wolltet mir den Schädel einschlagen.‹ Seine Augen waren rasch über das tödliche Werkzeug gefahren und schienen momentan an einem ausgebrochenen Splitter am Stiele zu haften. ›Ich weiß es nicht‹, sagte er fest.« (103).– Erzählinstanz, S. 103
Dieser Moment ließe sich als Anagnorisis verstehen. Friedrich erkennt die Axt, doch es gelingt ihm, von diesem Fakt abzulenken. Auch wenn es nicht gesagt wird, Leser sind überzeugt davon, Friedrich würde die Axt erkennen. Diese Stelle ist ein schönes Beispiel für die zahlreichen Verrätselungsstrukturen des Textes.
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»Es würde in einer erdichteten Geschichte unrecht sein, die Neugier des Lesers so zu täuschen. Aber dies alles hat sich wirklich so zugetragen; ich kann nichts davon- oder dazutun.«– Erzählinstanz, S. 104
Diese Leseransprache ist deutlich direkter als alle anderen. Sie dient der Authentizität, aktiviert damit aber zugleich die Leser. Wenn der Text kein Urteil fällen kann, dann sind die Leser aufgefordert, eines zu artikulieren.
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»›Hm,‹ sagte der Gutsherr, ›was die Schelme nicht stehlen, das verderben die Narren.‹« (111)– Gutsherr von S., S. 111
Der Gutsherr ist weniger positiv als sein vermeintlich generöses Benehmen gegenüber Friedrich/Johannes vermuten lässt. Hier zeigt sich die ganze Verachtung für die Dorfbevölkerung. Sie werden eingeteilt in diffamierende Kategorien.
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»Le vrai n’est pas toujours vraisemblable; das erfahre ich oft in meinem Berufe und jezt neuerdings.«– Amtsschreiber Kapp, S. 117
Oftmals sieht das Wahre nicht nach Wahrheit aus, diese Phrase darf als metanarrativer Hinweis gelesen werden. Auch im Text sei demnach nichts so, wie es scheint. Es ist eine mögliche Lesart, die Kriminalnovelle als uninterpretierbar zu bezeichnen. Das fremdsprachige Zitat könnte hier durchaus ein Wink mit dem Zaunpfahl sein.
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»›Du hast nun genug geweint‹, sagte er verdrießlich; ›bedenk, du bist es nicht, die mich glücklich macht, ich mache dich glücklich!‹ – Sie sah demütig zu ihm auf und schien zu fühlen, daß er Recht habe.«– Bräutigam und Erzählinstanz, S. 109
En passant löst der Text seinen Anspruch als Sittengemälde ein. Während der Feierlichkeiten wird die Einheit der Handlung einfach verletzt und ein intensives Psychogramm einer jung verheirateten Frau oder eher: eines Mädchens geboten. Bezeichnend, dass das Mädchen keine Stimme hat. Sprechen darf nur der Mann. Und sein Urteil ist zu akzeptieren. Ob das die Novelle zu einem protofeministischen Text macht, mag umstritten sein. Dennoch ist es eine Stärke des Textes, Außenseiterinnen ein Gesicht zu geben.
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»Aug um Auge, Zahn um Zahn!«– Aarons Frau, S. 113
Es ist möglich, dass sich hier ein Vorkommnis unkritisch reproduzierten Antisemitismus‘ findet. Die stereotype Assoziierung von Juden mit dem Gesetz des Alten Testamentes ist problematisch. Ob das Antisemitismus oder Exotismus ist, müsste im Einzelnen überprüft werden. Es wäre freilich fast schon verwunderlich, sollte eine deutsche Adelige des 19. Jahrhunderts komplett frei von stereotypen Anschauungen, das Judentum betreffend, sein. In »Die Judenbuche« werden jüdische Figuren jedenfalls nicht mit sehr viel Profil gezeichnet. Ein philosemitischer Text ist »Die Judenbuche« auf keinen Fall.
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»Eine Frau, die von ihrem Manne übel behandelt wird, ist dumm oder taugt nicht: wenn’s mir schlecht geht, so sagt, es liege an mir.«– Margret, S. 77
So harsch der Satz formuliert ist, die dahinter stehende patriarchale Ideologie spricht sich in dem Ideologem deutlich aus. Dass Margret so hart zu sich ist, zeigt auch ihre Stärke. Margret ist zwar keine sehr positive Figur – aber derer gibt es ohnehin keine –, doch sie ist durchaus eine starke Persönlichkeit. Sie ist deutlich differenzierter gezeichnet als andere Figuren. Nicht zuletzt ist »Die Judenbuche« auch die Geschichte des tragischen Niederganges Margrets. Sie wird schuldig, doch sie ist immer auch Opfer männlicher Macht.
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»Höre, Fritz, das Holz läßt unser Herrgott frei wachsen und das Wild wechselt aus eines Herren Lande in das andere; die können Niemanden gehören.«– Margret, S.81
Hier erweist sich die Außenseiterin Margret als Verfechterin lokalen Gerechtigkeitsempfindens. Grundsätzlich erscheint die Argumentation plausibel. In Westfalen wurde die Leibeigenschaft erst 1808 abgeschafft. Freilich war sie erhebliche Zeit zuvor schon flächendeckend überwunden. Doch viele aus der Leibeigenschaft entlassene Bauern hatten nun kein Land, das sie bewirtschaften konnten und waren gezwungen, in die Dienste der Gutsbesitzer zurückzukehren. Auch die Wälder blieben in Privatbesitz. Deswegen verlegten sich viele auf den Holzdiebstahl und die Wilderei.