Die Judenbuche
Abschnitt 2
Zusammenfassung
Seit dem Mord am Förster sind vier Jahre vergangen, mittlerweile schreibt man das Jahr 1760. Der Herbst war ungewöhnlich mild, sodass die ruralen Gemeinschaften einen temporären Wohlstand aufweisen. In der Folge finden immer wieder Feste statt, auf denen sich die Dorfbewohner an ihrem Wohlstand freuen können.
Eines Tages findet in B. eine Hochzeit statt, das ganze Dorf ist auf den Beinen. Friedrich ist mitten im Gedränge und gibt einen Tanz zum Besten. Dabei fällt auf, wie großspurig sich Friedrich benimmt. Er gibt Kommandos und bestimmt zu weiten Teilen das Musikprogramm. Plötzlich entsteht allerdings ein Aufruhr: Johannes hat versucht, ein Stück Butter zu klauen, das aber in seiner Tasche geschmolzen ist. Friedrich versetzt Johannes einige Ohrfeigen und wirft ihn hinaus.
Um von dem Zwischenfall abzulenken, zieht Friedrich seine neue silberne Uhr hervor, die gebührend von einem Schweinehirten bewundert wird. Doch auch Wilm ist dabei. Er deutet an, dass Friedrich die Uhr lediglich mit geliehenem Geld gekauft hätte. Tatsächlich tritt nur kurze Zeit später der jüdische Schlachter Aaron auf, der Friedrich tatsächlich Geld geliehen hat. Aaren verwickelt Friedrich in eine Diskussion, wird von diesem aber ebenfalls nach Draußen komplimentiert, wo der Streit mutmaßlich seine Fortsetzung findet.
Auch der Gutsherr Herr von S. zeigt sich auf dem Fest, allerdings erst nach dem Abgang Friedrichs und Aarons, sodass er von dem Streit nichts mitbekommen hat. Auf der Heimfahrt ist Herr von S. ungehalten, dörfliche Feste besucht er nur aus sachlichen Erwägungen, nicht weil sie ihm wirklich gefallen. Als er zuhause ankommt, herrscht Aufregung. Zwei Knechte behaupten, den Geist des alten Mergels gesehen zu haben. Auch hätten sie einen deutlichen Klageruf gehört. Damit sind die beiden Knechte wahrscheinlich Zeugen des Mordes an Aaron geworden. Herr von S. tut die Beobachtungen allerdings als Schauermärchen ab.
Drei Tage später herrscht starkes Unwetter. Inmitten des schweren Wetters tritt die Ehefrau Aarons auf und klagt, dass ihr Mann umgebracht worden sei. Sie habe seine Leiche im Brederholz bei einer alten Buche gefunden. Der Verdacht fällt schnell auf Friedrich. Als er jedoch verhaftet werden soll, wird festgestellt, dass er geflohen ist. Auch Johannes ist geflohen. Bei der Hausdurchsuchung werden Schriftstücke sichergestellt, die Friedrich mit Holzdiebstahl in Verbindung bringen. Außerdem finden sich Schuldscheine, die zeigen, wie hoch verschuldet Friedrich wirklich ist.
Die Juden aus der Region kaufen die Buche, bei der Aaron gefunden wurde und versehen sie mit einer hebräischen Inschrift, deren Inhalt zunächst nicht übersetzt wird. Friedrich und Johannes bleiben derweil verschwunden.
Ein halbes Jahr nach dem Mord erfährt Herr von S., dass der Mord an Aaron von einem anderen Juden gestanden wurde. Augenscheinlich haben Friedrich und Johannes nichts mit dem Mord zu tun. Dennoch erscheint die Flucht namentlich Friedrichs weiterhin plausibel: Die Schulden und die Verbindung zum Holzdiebstahl scheinen Grund genug dafür.
Analyse
Die bereits zu Beginn des Textes entfaltete Dichotomie zwischen Natur und Kultur wird auch im zweiten Abschnitt realisiert. Wichtig zu erwähnen ist aber, dass diese Dichotomie nicht einfach dem Schema A oder B folgt, sondern Zwischentöne und Ambivalenzen zum Tragen kommen. So steht der Gutsherr für die Kultur, an den ruralen Lustbarkeiten nimmt er nur aus Imagepflege teil. Gleichwohl kann nicht eigentlich gesagt werden, dass er den Dorfbewohnern feindselig gegenüberstünde. Sein Verhalten gegenüber dem vermeintlichen Johannes im Folgeabschnitt erweist das Gegenteil.
Und auch das Dorf erschöpft sich nicht darin, mit Natur identifizierbar zu sein. Es ist zwar der Fall, dass Aberglauben, mythologische Erklärungsmuster und ein als Naturrecht wahrgenommenes Gewohnheitsrecht den Raum Dorf konstituieren. Gleichzeitig handelt es sich auch beim Dorf selbstredend nicht um Natur als solche. Die Dichotomie zwischen Natur und Kultur äußert sich also eher in graduellen Unterschieden. Der Gutsherr repräsentiert also eher den Pol der Kultur als der Natur. Gleichwohl ist auch er, der das Recht des Staates vertritt, wenigstens teilweise Part der Dorfgemeinschaft.
Doch er tritt den abergläubischen Praktiken auch strikt entgegen, bezeichnet sie als »[d]ummes Zeug« (111). Doch auch wenn der Gutsherr die Vernunft auf seiner Seite zu haben scheint, die erzählte Welt konterkariert seinen nüchtern-rationalen Zugriff. Die Natur erscheint innerhalb der Erzählung nämlich als Handlungsträger. Geradezu beseelt wird sie zwar nicht geschildert, dennoch kommt der Natur immer wieder eine konstitutive Rolle zu. Etwa wenn sich ein verheerender Sturm erhebt – und zwar kurz bevor Aarons Frau auftritt und den Mord an ihrem Mann beklagt (111).
Auch dass die Morde immer nur in der Natur geschehen, wirkt auf die Präsentation von Natur ein. Natur ist ein tendenziell unheimlicher Ort, gleichzeitig vertraut und fremd. Doch sie ist auch der Hintergrund, vor dem sich das menschliche Drama im Dorf B. entfaltet. Deswegen ist es mehr als nur szenisches Kolorit, wenn die Ankunft der Frau Aarons durch einen Sturm untermalt wird.
»Die Naturerfahrung betont zwar das Magische, den Glauben und den Aberglauben, aber stets aus der Perspektive der Figuren, die ihrer Herkunft und Sozialisation verhaftet sind« (Neuhaus 2017: 170). Aus den Perspektiven der Figuren ergeben sich blinde Flecken, die die Erzählinstanz allegorisch inszeniert. So etwa in der Szene, in der der Amtsschreiber dem Herrn von B. von seiner Kutschfahrt berichtet. Nur knapp neben dem Abgrund sei man zum Halten gekommen, ohne von der Gefahr überhaupt zu wissen, da die Sichtverhältnisse schlecht waren (vgl. 115).
Nur wenige Meter weiter indes befanden sich, wie man später erfährt, Johannes und Friedrich (vgl. 122). Die Figuren sind mit Dunkelheit geschlagen, sie sehen nicht, was vor ihnen liegt, weil ihnen die Natur den unmittelbaren Zugriff auf ihre Wirklichkeit verwehrt. »Die Wahrnehmung der Natur ist keine romantische mehr, als symbolischer Spiegel sozialer Missverhältnisse weist sie auf den Naturalismus voraus« (Neuhaus 2017, 170). Wo in der Romantik Natur wenigstens teilweise noch als »Schlüssel aller Kreaturen« (Novalis) funktionieren konnte, ist sie nun zu einem wichtigen Part der Verrätselung selbst geworden. Die Natur verhindert die Erkenntnis, auch die Erkenntnis der tatsächlich Schuldigen.
Als rätselhaft muss auch in die Einsicht in die Motive Friedrichs bezeichnet werden. Zwar stimmt es, wie Amtsschreiber Kapp anmerkt, dass Friedrich in einer gewissen Nähe zum Holzdiebstahl stand. Doch ob daraus auch folgt, dass Friedrich ein generalisiertes schlechtes Gewissen hat, das sich auf beliebige Gegenstände richten lässt, darf bezweifelt werden.
Freilich bietet der Text keine bessere Erklärung für den Umstand an, dass Friedrich geflohen ist, obwohl er den Mord nicht begangen hat. Wobei auch das nicht zur Gänze gesichert ist. Der »Lumpenmoises« (117) genannte neue Verdächtige, ist Berufskrimineller und auch nur bedingt glaubwürdig. Hinzu kommt, wie Kapp dezidiert feststellt, dass der Name Aaron ein »verbreiteter Name« (118).
Viele Probleme werden bis zuletzt nicht aufgelöst. Naturgemäß steht dies im zweiten Abschnitt aber noch nicht fest. Dennoch ist der zweite Abschnitt nicht einfach nur Durchgangspunkt der Handlung. Im Gegenteil: Hier findet die eigentliche unerhörte Begebenheit statt, der Jude Aaron wird erschlagen und Friedrich flieht.
Auf dem dem Mord vorangegangenen Fest wird Friedrichs Charakter als Konsequenz des langen ersten Abschnittes gezeigt. Er ist dabei nicht sehr sympathisch, sondern vielmehr durch klare Geltungssucht gezeichnet. Sein Auftritt ist herrisch, gleichzeitig erweist er sich als feige. Hülsmeyer ist seine Nemesis. Diesem gegenüber gelingt es Friedrich nicht, seine Selbstsicherheit zu bewahren.
Damit gerät Friedrich beinahe zu einer Parodie des barocken Antihelden Schelmuffsky nach Christian Reuter. Die Art und Weise, in der Friedrich seinen »galanten Toast« (108) anbringt, erinnert deutlich an die Hochstaplerfigur Schelmuffsky, dessen Ideal ebenfalls eine als »Galanterie« nur noch bezeichnete Grobheit.
Und auch in anderer Hinsicht ist ein Vergleich zwischen »Die Judenbuche« und dem »Schelmuffsky« von 1696/97 naheliegend: Beide Texte bauen auf einer Verrätselungsstruktur auf. Beim »Schelmuffsky« lügt der autodiegetische Erzähler – er tut dies allerdings so schlecht, dass es nicht schwer fällt, ihn der Lüge zu überführen. In »Die Judenbuche« scheint der Protagonist ebenfalls zu lügen, auch hier müssen Lesende kritisch und aufmerksam bleiben. Der Unterschied zwischen dem barocken und dem vormärzlichen Text ist allerdings, dass am Ende des barocken Textes eben doch eine Antwort steht. Lesende wissen, dass der Antiheld gelogen hat. Das weiß man am Ende von »Die Judenbuche« zwar auch, gleichwohl weiß man nicht, was wirklich passiert ist. Am Ende des Textes aus dem Vormärz steht eben keine Auflösung mehr.