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Die Judenbuche

Abschnitt 3

Zusammenfassung

Achtundzwanzig Jahre sind seit dem Mord an Aaron verstrichen. Es ist der 24. Dezember 1788, Heiligabend. Ein Mann bewegt sich in Richtung des Dorfes B. Er erscheint schwach und krank. Es ist Mitternacht, als der Mann an ein Haus klopft, wo er schließlich eingelassen wird. Ältere Dorfbewohner meinen, in dem Mann Johannes zu erkennen. Dass er Johannes sei, wird auch vom Mann selbst behauptet.

Der angebliche Johannes behauptet, nach der Flucht in den Militärdienst eingetreten zu sein. Dann aber sei er in türkische Kriegsgefangenschaft geraten und habe Sklavenarbeit verrichten müssen. Er sei geflohen und von einem niederländischen Schiff gerettet worden. An Bord habe er allerdings ebenfalls weiter hart arbeiten müssen, sodass er in Amsterdam abgemustert und sich bis nach Westfalen durchgeschlagen habe.

In B. nimmt sich Herr von S. des Mannes an. Er bekommt eine kleine Kammer gestellt, wird ernährt und kann kleine Botendienste übernehmen. Wieder vergeht Zeit, inzwischen ist es September geworden. Der vorgebliche Johannes kehrt von einem Botengang nicht zurück. Jäger machen sich auf die Suche, kehren aber ergebnislos zurück.

Zwei Wochen später begibt sich der Förster Brandes – der Sohn des vor über dreißig Jahren ermordeten Försters – in das Brederholz. Unter der sogenannten Judenbuche möchte er ausruhen, nimmt allerdings einen starken Geruch wahr. Aufblickend sieht er, dass sich jemand in der Buche erhängt hat.

Als Herr von S. hinzukommt, nehmen sie den Leichnam ab. Er wird als Johannes erkannt. In dem Moment aber, in dem die Schlinge um den Hals gelöst wird, fällt Herrn von S. eine Narbe auf. An dieser Narbe erkennt er, dass es sich bei dem Mann nicht um Johannes, sondern vielmehr um Friedrich selbst gehandelt hat. Als Selbstmörder wird Friedrich nicht auf dem Friedhof beigesetzt, sondern auf dem Schindanger verscharrt. Die Inschrift des Baumes lautet: »Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast«.

Analyse

Hier wird deutlich, in welchem Maße »Die Judenbuche« mit traditionellen Topoi arbeitet. So finden sich sowohl das biblisch überlieferte Motiv des verlorenen Sohnes, das allein schon aufgrund seiner Provenienz religiöse Konnotationen bedient. Gleichzeitig handelt es sich um eine Doppelgängergeschichte, wie sie häufig mit der Romantik in Verbindung gebracht werden. Auch dass Droste-Hülshoff den »Schelmuffsky« kannte, kann anhand eines Briefes vom 11. Mai 1843 nachgewiesen werden (vgl. 842).

Insbesondere die biblischen Anspielungen verstärken dabei die Schwierigkeiten, Ambivalenzen aufzulösen. Die Themenkreise aus der Bibel sind zwar bekannt und vertraut, dennoch repräsentieren sie schon zur Zeit von Droste-Hülshoff ein Glaubenssystem, das dem naturwissenschaftlich rationalistischen Blick teilweise entgegengesetzt ist. Der Eindruck des Vertrauten und gleichzeitig Fremden, die wahrgenommene Unheimlichkeit, wird dadurch verstärkt.

Einerseits fungiert »Die Judenbuche« als Milieustudie – oder, atavistischer ausgedrückt: als Sittengemälde. Der Anspruch wird formuliert, möglichst nüchtern einfach nur zu berichten, was der Fall ist. Gleichzeitig aber erweist sich die Natur als störrisch, der Aberglauben als unausrottbar. Nüchternheit meint in diesem Zusammenhang nicht wirklich Objektivität. Es tritt kein nullfokalisierter Erzähler auf, der mehr sagte als die involvierten Figuren.

Die Fokalisierung bleibt größtenteils intern, wechselt teilweise ins Externe, etwa gegen Ende, wo weder die Dorfgemeinschaft noch die Lesenden wirklich wissen, wer der angebliche Johannes ist, der als verlorener Sohn zurückgekehrt ist. – Dass seine Reise wiederum deutliche Parallelen zur Reise von »Schelmuffsky« aufweist, sei hier nur am Rande erwähnt.

Die externe Fokalisierung zeigt sich deutlich an der Inschrift, die die jüdische Gemeinde in die Buche schlägt. Beim ersten Aufkommen im Text wird die Inschrift einfach in hebräischer Schrift zitiert (vgl. 117). Erst ganz am Ende der Erzählung wird der Inhalt der Inschrift wiedergegeben. Bezeichnend, dass es der letzte Satz des Textes ist. Auf einer strukturellen Ebene könnte es daher so wirken, als würde am Ende die große Auflösung stehen. Die Inschrift korrespondiert ferner mit dem vormodernen, archaischen Rechtssystem, das sich im Dorf – und unter den Juden – findet. Es ist ein Rechtssystem der ausgleichenden Gerechtigkeit: Vergehen werden mit gleicher Münze gerächt. Es ist ein geradezu alttestamentarisches Auge–um–Auge.

Tatsächlich aber wird durch die Übersetzung nichts klarer. Dass sich sowohl der Lumpenmoises als auch Friedrich erhängen, lässt es offen, wer denn nun eigentlich den Mord an Aaron begangen hat. Die Inschrift verkündet, dem Mörder werde es so ergehen wie Aaron. Nun wurde Aaron erschlagen und die beiden potenziellen Täter nicht. Grundsätzlich aber kann gesagt werden, Aaron ist tot und die Verdächtigen sind tot – in dieser Hinsicht ist es ihnen gleich ergangen.

Wenn es nun aber beiden Verdächtigen geschehen ist, dann ist die Prophezeiung der Inschrift in mindestens einem Falle falsch. In welchem aber, das kann nicht entschieden werden. Und überhaupt: Schaut man sich den konkreten Kontext an, in den die Übersetzung der Inschrift eingebettet ist – die Herabnahme des erhängten Johannes von der Buche – dann fällt noch etwas auf.

Der inzwischen gealterte Herr von S. vermeint Johannes an einer Narbe zu erkennen. Doch im vorangegangenen Text taucht an keiner Stelle die Erwähnung einer Narbe am Körper von Johannes auf. Lesende sind also auf die Zuverlässigkeit des Herrn von B. angewiesen. Doch warum sollte er lügen?

Nun, als Selbstmörder hat Johannes/Friedrich kein Anrecht auf eine regelrechte Bestattung. Das Verscharren des Leichnams im Schindanger ist hinsichtlich der Seligkeit des Toten ein ernsthaftes Problem. Möglich wäre es, dass B. Johannes gegenüber eigentlich wohlgesonnen ist, den Malus oder das Stigma des Selbstmörders deswegen spontan lieber Friedrich zuschreiben möchte. Vielleicht ist es nur ein Versuch, Johannes wenigstens in der Dorfgemeinschaft zu rehabilitieren. Entscheidbar ist dies freilich nicht.

Und so zeigt sich »Die Judenbuche« auch am Ende als eine nur schwer zu interpretierende, vor allem aber vor Uneindeutigkeiten strotzende Novelle. Es handelt sich um eine unzuverlässige Erzählinstanz; trotz der bekundeten Authentizität des geschilderten Falles und trotz der historischen Authentizität des als Vorbild fungierenden echten Kriminalfalles, der dem Text zugrunde liegt.

Veröffentlicht am 10. Dezember 2024. Zuletzt aktualisiert am 10. Dezember 2024.