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Momo

1.Teil:Kapitel 3+4

Zusammenfassung

Die Kinder der Stadt verbringen viel Zeit mit Momo und entwickeln gemeinsam fantasievolle Spiele. Eines Tages inszenieren sie einen imaginären Sturm im Amphitheater, wobei Momo als Kapitänin eines Schiffes agiert. Während des Spiels zieht ein echtes Gewitter auf und die Kinder suchen Schutz. Nach dem Unwetter kehren sie zurück und setzen ihr Spiel fort.

Im Kapitel 4 wird Momos soziales Umfeld weiterhin näher beschrieben. Sie hat viele Freund:innen, die beiden besten sind jedoch der Straßenkehrer Beppo, der sehr langsam, aber gründlich arbeitet, und Gigi »Fremdenführer«, ein fantasievoller Geschichtenerzähler. Beide sind auf ihre Weise Außenseiter, aber sie finden in Momo eine Zuhörerin, die sie ernst nimmt.

Beppo ist ein alter, ruhiger, bedächtiger Mann, der in einfachen Worten tiefe Weisheiten vermittelt. Er überlegt lange, bevor er eine Antwort gibt, oft so lange, dass die Person mit der Frage häufig schon vergessen hat, was sie eigentlich wissen wollte. Gigi ist jung, lebhaft und wortgewandt, begeistert die Menschen mit seinen Geschichten und zieht große Zuhörerschaften an. Trotz ihrer unterschiedlichen Charaktere ergänzen sich Gigi und Beppo und schätzen Momos Gesellschaft.

Die grauen Herren, die Vertreter der »Zeitsparkasse«, beginnen langsam, die Stadt zu durchdringen. Sie sind zunächst eine unauffällige Präsenz: Obwohl sie immer zahlreicher auf den Straßen, in den Häusern und Restaurants unterwegs sind, bemerkt man sie nicht wirklich. Sie tragen graue Anzüge, graue Aktentaschen, runde graue Hüte und rauchen graue Zigarren - sogar ihre Gesichter sind grau. Eines Tages erscheinen sie auch am Rand der Ruine des Amphitheaters, beraten sich tuschelnd und verschwinden wieder. Momo bemerkt eine Kälte, die von ihnen ausgeht, vergisst die Begegnung jedoch wieder.

Analyse

Kapitel 3 unterstreicht die Kreativität der Kinder sowie Momos inspirierende Wirkung. Ebenso wie bei den Erwachsenen greift Momo nicht aktiv ein, sondern wirkt subtil auf ihr Umfeld. Bevor sie da ist, verhindert eine mitschwingende Uneinigkeit unter den Kindern ein freies Spielen: »Sie versuchten zu spielen, aber sie konnten sich nicht recht einig werden, und das Spiel kam nicht in Fluss«(24). Der einfache, aber kurze und damit prägnante Satz: »Und dann kam Momo« (24), verdeutlicht, wie bedeutend sich die Situation durch ihr Hinzukommen ändert.

Ende beschreibt detailliert und authentisch das Spiel der Kinder, so wie sie es selbst erleben. Dies unterstreicht das nun fließende Spiel (vgl. 25-34). Die plötzliche Veränderung der Wetterbedingungen, als ein echtes Gewitter aufzieht, spiegelt die Grenze zwischen Fantasie und Realität wider, die an dieser Stelle verschwimmt. Die bildhafte Sprache und der Wechsel zwischen Spiel und Wirklichkeit verdeutlichen die Bedeutung der kindlichen Vorstellungskraft und Momos Rolle als Inspirationsquelle. Ende zeigt hier weiterhin, wie groß der Gegenwartsbezug von Kindern im Spiel ist: In diesem Moment ist es nicht wichtig, was vorher oder nachher geschieht. Das Spiel vereinnahmt sie völlig: Zeit wird einfach vollständig erlebt und bis zum letzten Rest intensiv ausgekostet.

Zentrale Figuren der Geschichte werden vorgestellt: Beppo, der Straßenkehrer, und Gigi, der Geschichtenerzähler. Ende kontrastiert die beiden Charaktere durch ihre unterschiedlichen Sprechweisen und Persönlichkeiten. Schon der Titel des Kapitels verweist auf diesen Unterschied: »Ein schweigsamer Alter und ein zungenfertiger Junger«.

Beppo ist ein Mann weniger Worte, dessen Weisheit in einfachen, aber tiefgründigen Aussagen liegt. Niemand nimmt sich die Zeit, auf Beppos Worte zu warten, »nur Momo konnte so lange warten und verstand, was er sagte« (37). So wird auch hier deutlich, dass allein Momo die Geduld und die Zeit für wertvolle zwischenmenschliche Beziehungen besitzt, die sich die meisten Menschen in einer schnelllebigen Gesellschaft nicht nehmen.

Momo und Beppo teilen ein ähnliches Verständnis der Zeit. Metaphorisch vergleicht Beppo den in seinen Augen falschen Umgang der Menschen mit der Zeit, mit dem Kehren einer Straße. Hier betont der Autor die große Bedeutung der Gegenwart, die auch später im Kapitel 12 in Meister Horas Rätsel nochmal als wichtige Lektion auftaucht:

»Und dann fängt man an sich zu eilen. [...] Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem [...] Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, den nächsten Besenstrich.«(38)

Gigi ist wortgewandt und unterhält die Menschen mit seinen lebhaften Geschichten. Dieser Kontrast wird durch unterschiedliche Sprachstile in ihren Dialogen verdeutlicht: Beppo spricht in kurzen, prägnanten Sätzen, während Gigi ausschweifende und bildreiche Erzählungen liefert. Diese Darstellung zeigt, wie verschiedene Kommunikationsstile das soziale Gefüge bereichern und Momos Fähigkeit, beide Charaktere zu schätzen und zueinander zu führen, unterstreicht ihre Empathie und Offenheit.

Interessant ist ebenfalls, wie hier drei unterschiedlich alte Charaktere vorgestellt werden: Momo, das Kind, Gigi, der junge Erwachsene in der Blüte seines Lebens, und Beppo, der Alte. Ende spielt hier, wie er es im Roman häufig tut, mit der Dreifaltigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Alle haben schon unterschiedlich viel Zeit erlebt und begegnen sich doch an diesem einen Punkt im Leben. Sie vertreten wichtige Prinzipien im Umgang mit der Zeit wie Achtsamkeit, Geduldigkeit oder das Leben im Moment.

Veröffentlicht am 26. Juni 2025. Zuletzt aktualisiert am 26. Juni 2025.