Momo
2.Teil:Kapitel 11+12
Zusammenfassung
Die grauen Herren halten eine außerordentliche Sitzung ab, weil sie bemerken, dass Momo eine Bedrohung für ihre Machenschaften darstellt. Sie haben erkannt, dass Momo nicht nur sehr gut zuhören kann, sondern auch, dass ihre Art des Zuhörens die Menschen glücklicher macht und sie dazu bringt, sich weniger mit dem Sparen von Zeit zu beschäftigen. Dadurch und weil Momo sie durchschaut, könnte ihr gesamtes System der Zeitersparnis in Gefahr geraten.
In der Sitzung diskutieren die grauen Herren über Meister Hora, den geheimnisvollen Verwalter der Zeit. Sie wissen, dass er über das gesamte Zeitgeschehen wacht und dass er es ihnen sehr schwer machen könnte, wenn er sich mit Momo aktiv gegen sie stellt.
Um ihre Kontrolle über die Menschen weiter auszubauen und eine mögliche Gefahr durch Momo zu beseitigen, beschließen sie, Momo ihre Freunde und ihrer Zeit somit den Sinn zu nehmen.
Momo gelangt in das Haus von Meister Hora, einer mysteriösen, zeitlosen Gestalt, die als Herr über die Zeit fungiert. Auf Momos Nachfrage hin lässt er offen, ob er selbst der Tod ist. Meister Hora lebt in einem merkwürdigen Gebäude voller Uhren, die in verschiedenen Rhythmen ticken. Er besitzt wunderliche Gegenstände wie eine Sternstunden-Uhr oder eine Allsicht-Brille, die es ihm ermöglicht, alle Dinge und Menschen auf der Welt zu beobachten.
Meister Hora stellt Momo ein Rätsel, das sie schließlich auch löst. Es handelt von zwei Brüdern, von denen zwei nicht zuhause sind. Einer kommt erst nach Hause und einer ist bereits gegangen. Nur ein kleiner Bruder ist da, ohne den es die anderen beiden nicht geben würde. Die Brüder stehen stellvertretend für Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart und verdeutlichen die Natur der Zeit sowie die Kostbarkeit des Moments.
Darüber hinaus erklärt er Momo, dass die grauen Herren den Menschen ihre eigene Lebenszeit stehlen, indem sie sie dazu bringen, sie zu sparen. Diese gesparte Zeit gehört den Menschen jedoch nicht mehr, sondern wird von den grauen Herren gehortet und genutzt, um ihre eigene Existenz zu erhalten. Die Schildkröte Kassiopeia, die eine halbe Stunde in die Zukunft sehen könne, sei von ihm gesandt worden, um Momo zu ihm zu holen und so vor den grauen Herren zu beschützen. Momo sei aus dem Grund eine solche Bedrohung für die grauen Herren, da sie ihr Geheimnis kenne und drohe, es allen zu verraten.
Schließlich erlebt Momo eine tiefgreifende Erfahrung, als sie an einem Ort des Schweigens wunderschöne Blumen erblühen und verwelken sieht. Diese Blumen sind, nach Meister Hora, ihre Lebenszeit, die in ihr erblüht. Je bewusster sie die Zeit wahrnimmt, desto stärker spürt sie die Schönheit und Lebendigkeit des Moments.
Analyse
Diese Sitzung zeigt die wachsende Macht und Struktur der grauen Herren. Sie haben eine klare Strategie und erkennen Momo als Gefahr für ihr System, weil sie den Menschen zeigt, dass Zeit nicht gespart, sondern erlebt werden sollte (vgl. 151).
Die grauen Herren sind hier nicht nur als abstrakte Bedrohung dargestellt, sondern als eine Art geheimer Organisation mit konkreten Plänen und Hierarchien. Ihre Art zu denken ist rein kalkulierend: Sie analysieren ihre Feinde, wägen Risiken ab und planen präzise ihre nächsten Schritte.
Sobald Meister Horas Name fällt, reagieren die grauen Herren sehr erregt: »Bei diesem Namen zuckten die meisten der grauen Herren zusammen« (153). Sie erkennen, dass er gemeinsam mit Momo eine »tödliche Gefahr« (153) darstellen könnte und geraten in »Panikstimmung« (154).
Die Tatsache, dass sie ihren Plan, Momo ihre Freunde zu nehmen, als meisterhaft betrachten, zeigt ihre Arroganz (vgl. 158). Sie glauben, dass sie Meister Hora und Momo umgehen können. Dies ist eine klassische Darstellung von Antagonisten, die ihre Gegner unterschätzen.
Kapitel 12 ist ein zentraler Wendepunkt in der Geschichte, weil es die Philosophie der Zeit offenbart. Meister Hora erinnert an eine mythische Gestalt, die Wissen bewahrt und weitergibt. Er stellt den Gegenpol zu den grauen Herren dar: Während diese Zeit als etwas rein Quantitatives betrachten, sieht Meister Hora sie als etwas, das bewusst erlebt werden muss. Die vielen Uhren lassen sich als Symbol für die Individualität der Menschen lesen (vgl. 160). Die grauen Herren versuchen, diese Individualität zu zerstören, indem sie alle dazu zwingen, nach demselben System der Effizienz zu leben.
Das Rätsel von Meister Hora ist eine philosophische Reflexion über die Zeit. Hier wird die Lektion wieder aufgenommen, die Beppo schon im 4. Kapitel anspricht: Die Menschen sind oft so fixiert auf die Vergangenheit oder die Zukunft, dass sie den gegenwärtigen Moment nicht wahrnehmen. Momo erkennt, dass das wahre Leben im Jetzt stattfindet (vgl. 173). Weiterhin lässt sich die These aufstellen, dass Meister Hora als Verwalter der Zeit selbst der Tod ist. Auf Momos Nachfrage gibt er keine konkrete Antwort: »Wenn die Menschen wüssten, was der Tod ist, dann hätten sie keine Angst mehr vor ihm« (177) .
Die Blumen in Momos Herzen stehen für das innere Erleben der Zeit (vgl. 179). Während die grauen Herren Zeit als eine äußere Ressource sehen, zeigt diese Erfahrung, dass wahre Zeit ein inneres Erleben ist, das sich in Schönheit und Lebendigkeit ausdrückt. Jeder Moment ist individuell und einzigartig. »Allmählich begriff Momo, dass jede neue Blume immer ganz anders war als alle vorherigen und dass ihr jeweils diejenige, die gerade blühte, die allerschönste schien« (181).