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John Maynard

Historischer Hintergrund und Epoche

Die Veröffentlichung der Ballade erfolgte im Jahr 1886 in der Literaturzeitschrift »Berliner Bunte Blätter. Originalbeiträge Berliner Künstler und Schriftsteller.« Wir befinden uns in der Hochphase des deutschen Realismus. Fontane, der bereits zur Mitte des Jahrhunderts mit der Gattung der Ballade seine literarische Karriere begonnen hatte, ist inzwischen auch als Romanautor hervorgetreten und hat den Kreis der für seine Balladen benutzten Stoffe erweitert. Die Ballade steht in den »Berliner Bunten Blättern« neben Gedichten von Julius Stinde, Friedrich Spielhagen, Rudolph Lindau, Julius Stettenheim und Paul von Schönthan – allesamt weitgehend vergessene Autoren. Mit dem Stoff kam Fontane wahrscheinlich 1885 während seines Sommeraufenthalts in Kummhübel und während seiner Arbeiten am Amerika-Roman »Quitt« (1891) in Berührung (vgl. Frank 53).

Die Quellenlage der Ballade ist zu komplex, um hier ausführlich dargestellt zu werden. Es gibt einen historischen Bezugspunkt, einen Schiffsbrand auf dem Eriesee in der Nacht zum 10. August 1841; Fontane aber nimmt dieses Ereignis nicht, wie noch die Katastrophe des Einsturzes der schottischen Eisenbahnhochbrücke, die ihn zur Ballade »Die Brück‘ am Tay« anregte, als Zeitungsmeldung zur Kenntnis (es liegt ja mehr als vierzig Jahre zurück), sondern in der bereits fortgeschrittenen literarischen Verarbeitung. Die erste Vorlage unter dem Titel »The Helmsman of Lake Erie« erschien anonym am 12. September 1845 in der Tageszeitung »Commercial Adviser« in Buffalo. Hier finden sich schon die wichtigsten Änderungen gegenüber dem tatsächlichen Schiffsunglück von 1841: Der Steuermann heißt nicht Luther Fuller sondern John Maynard, und bis auf ihn kommen alle übrigen Personen auf dem Schiff mit dem Leben davon. Größeren publizistischen Erfolg hatte aber die Version aus der Feder des seinerzeit berühmten Predigers John Bartholomew Gough (1817–1886), die unter den Namen »A Hero« (1860), »Brave John Maynard!« (1863) und »The Pilot« (1886) mehrfach veröffentlicht wurde. Das Vortragsstück kann als unmittelbare Vorlage der Ballade Fontanes angesehen werden.

Ein Zitat:

Passagiere und Mannschaft – Männer, Frauen und Kinder – drängten sich auf dem Vorderschiff zusammen. John Maynard stand am Steuer. In einer Feuerwand brachen die Flammen durch; Rauchwolken stiegen empor. Der Kapitän rief durch sein Sprachrohr:

»John Maynard!«

»Jawohl, Herr Kapitän!«

»Seid Ihr noch am Steuer?«

»Jawohl, Herr Kapitän!«

»Wie steht der Kurs?«

»Südost zu Ost, Herr Kapitän.«

»Steuert Südost und laßt das Schiff aufs Ufer auflaufen«,

sprach der Kapitän. Näher und immer näher kam das Schiff dem Ufer. Wiederum rief der Kapitän:

»John Maynard!«

Die Antwort kam diesmal nur noch matt:

»Jawohl, Herr Kapitän!«

»Könnt Ihr noch fünf Minuten durchhalten, John?« sagte dieser.

»Mit Gottes Hilfe ja.«

Dem Alten waren die Haare vom Kopfe gesengt; die eine Hand war ihm unbrauchbar geworden. Mit dem Knie gegen eine aufrechte Stütze und mit zusammengebissenen Zähnen, die andre Hand auf dem Steuerrad, stand er fest wie ein Fels. Er ließ das Schiff auflaufen; Männer, Frauen und Kinder wurden sämtlich gerettet, John Maynard indes sank um und sein Geist stieg zu seinem Gott empor. (Zitiert nach Salomon, 32)

Keine andere poetische Fassung des Stoffes hat die Rahmung des Geschehens, wie sie Fontane entwirft: also den fragmentarischen Eingangsdialog und das allgemeine Stadtbegräbnis als Epilog.

»John Maynard« wird oft mit »Die Brück‘ am Tay« zusammengesehen. Diese Ballade geht, wie gesagt, auf ein zur Zeit der Niederschrift aktuelles Ereignis zurück. Auch sie ist durch einen dialogischen Prolog und Epilog gerahmt, allerdings hat dieser noch deutlicher literarische Züge: Zitiert wird hier der Auftakt von Shakespeares Tragödie »Macbeth«, und dem Einsturz der Hochbrücke wird in dem Wirken der drei Hexen eine fiktive Ursache zugewiesen. Diese Literarizitätssignale gibt es in »John Maynard« nicht, und gerade diese Ballade gibt sich über die Wahl des Verses und die Art der Diktion besonders volkstümlich und authentisch. Dabei liegt ihr gerade kein authentisches Ereignis zugrunde, sondern eine erhebliche Stilisierung und Verfälschung einer tatsächlichen Katastrophe zu erbaulichen Zwecken.

Man blicke, um dies zu ermessen, einmal auf diesen Augenzeugenbericht des »Erie«-Brandes aus dem »New-Hampshire Sentinel« vom 18. August 1841:

 The flames spread with great rapidity. Perfect confusion succeeded, in the midst of which he small boat, hanging astern, was lowered by the hands and brought to the side. After a few ladies had been handed down, the frenzy of those behind became uncontrolable [sic], and numbers leaped in beyond the capacity of the boat to sustain them, and it swamped. Several of those who fell from the boat were drawn under the wheel, and there were drowned, while a few clung to the boat’s sides and were finally saved. A second and third boat were rendered useless by the same infatuation. Some five minutes after the appearance of the fire, the machinery became deranged and stopped. So rapidly did the flames spread that, although there were a quantity of life-preservers in the ladies’ cabin, they could not be reached, as the cabin was almost instantly a light flame. Twenty minutes only had elapsed from the beginning of the fire, but after the intenseness of the heat had forced overboard every other person, when Capt. Titus threw himself into the water and abandoned the boat to its fate. The few who then remained alive were tossing in the midst of a heavy swell, dependent upon the precarious support, one of an oar, another of a plank or box, and liable every moment to lose their hold through exhaustion and the benumbing effects of fright. The steamers De Witt Clinton and the Lady perceived the light about quarter past 8 o’clock from Dunkirk, where they lay, and put out immediately to her relief. But a distance of 10 or 12 miles intervening, they arrived in time to save only 29 out of the large number who a few hours before had left Buffalo, with perfect confidence of a pleasant trip. (http://johnmaynard.net/Eyew4.pdf)

 Die Flammen breiteten sich mit großer Schnelligkeit aus. Vollkommene Verwirrung herrschte, inmitten derer das kleine Boot, das achtern hing, hinabgelassen und an die Seite gebracht wurde. Nachdem einige Damen hinuntergereicht worden waren, geriet die Aufregung der Hinteren außer Kontrolle, und zahlreiche Menschen sprangen hinein, was die Kapazität des Bootes überstieg, sodass es kenterte. Mehrere derjenigen, die aus dem Boot fielen, wurden unter das Rad gezogen und ertranken, während sich einige an den Seiten des Bootes festhielten und schließlich gerettet wurden. Ein zweites und drittes Boot wurden durch die gleiche Raserei unbrauchbar gemacht. Etwa fünf Minuten nach dem Auftreten des Feuers geriet die Maschine außer Betrieb und stoppte. So schnell breiteten sich die Flammen aus, dass, obwohl sich eine Reihe von Rettungswesten in der Damenkabine befanden, sie nicht erreicht werden konnten, da die Kabine fast sofort in Flammen stand. Nur zwanzig Minuten waren seit dem Ausbruch des Feuers vergangen, aber nachdem die Intensität der Hitze alle anderen Personen über Bord geworfen hatte, warf sich Kapitän Titus ins Wasser und überließ das Boot seinem Schicksal. Die wenigen, die dann noch lebendig waren, wurden inmitten eines starken Seegangs hin und her geworfen, abhängig von dem unsicheren Halt – einer hielt sich an einem Ruder, ein anderer an einem Brett oder Kasten – und jeden Moment in Gefahr, ihren Halt durch Erschöpfung oder die betäubenden Auswirkungen der Angst zu verlieren. Die Dampfer De Witt Clinton und Lady erblickten das Licht etwa um Viertel nach 8 Uhr von Dunkirk aus, wo sie lagen, und machten sich sofort auf, um zu helfen. Aber da 10 bis 12 Meilen dazwischen lagen, kamen sie nur noch, um 29 von der großen Zahl zu retten, die nur wenige Stunden zuvor aus Buffalo aufgebrochen waren, voller Vertrauen auf eine angenehme Reise.

Der Steuermann der »Erie« mit Namen Fuller wird in einem Zeugenbericht nur vom Kapitän erwähnt. Dieser sagte aus:

I think Fuller remained at his post and never left it until burned to death; he was a resolute man in obeying orders. (http://johnmaynard.net/Genesis.pdf)

Meines Wissens hat Fuller das Steuerrad nicht verlassen, sondern ist dageblieben, bis er zu Tode verbrannte. Er war schon immer ein entschlossener Mann, wenn er Befehle auszuführen hatte. (Salomon 27) 

Das ist freilich nur ein Dafürhalten von Seiten des Kapitäns und kein echtes Zeugnis. Und: Selbst wenn Fuller am Steuer blieb, nahm er sich dadurch nur selbst die Chance auf Rettung, ohne auch jemand anderen zu retten.

Veröffentlicht am 25. Januar 2025. Zuletzt aktualisiert am 25. Januar 2025.