John Maynard
Zitate und Textstellen
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»John Maynard!«– (V. 1)
Der von einem unbekannten Sprecher stammende Ausruf ist metrisch noch nicht integriert und wiederholt am Beginn der Ballade dessen Titel. Wer das Gedicht vortragen will, muss sich für einen bestimmten Tonfall entscheiden. Soll Bewunderung, liebevolles Angedenken, soll Erstaunen ausgedrückt werden? Der Prolog kreist um die Unbekanntheit des Namens: Es ist kein »illustrer«, kein schon bekannter Name, weil der Namensträger eine »einfache« Person gewesen ist – kein Adliger, kein Herrscher, kein Militär.
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»Die Herzen aber sind frei und froh«– (V. 11)
Tatsächlich zeigt das »aber« weniger einen Kontrast zwischen dem fliegenden, leichten Fortkommen des Dampfers und der Gemütsverfassung der Passagiere an, als einen leichten Fokuswechsel von Seiten des Erzählers vom Äußeren aufs Innere. Das »aber« dient so der Weckung der Aufmerksamkeit für den neuen Aspekt. Es gehört, in dieser Funktion, zum stilistischen Repertoire älteren, legendarischen, ja auch biblischen Erzählens.
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»Und plaudernd an John Maynard heran | Tritt alles«– (V. 14 f.)
Der Held steht mit denen, die er rettet, auf gleicher Stufe. Auch die Grenze zwischen den Passagieren, die müßiggehen können, und der Besatzung, die arbeiten muss, wird durch den ungezwungenen Umgang durchlässig. Die zweite Einführung John Maynards kappt also für den dramatischen Teil die Distanz, die durch das ehrfürchtige Gedenken im Prolog etabliert worden war. Der Leser fühlt sich als Teil munter fragender Passagiere – immer macht es ja ein gewisses Vergnügen, den Steuernden nach Details über die Fahrt zu fragen, wenn man selbst ungeduldig ist, oder nur an seiner Expertise ein wenig Anteil haben möchte. Man denke an die Durchsagen des Piloten im Verkehrsflugzeug oder an die Ungeduld der Kinder bei der Fahrt in den Urlaub.
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»Der schaut nach vorn und schaut in die Rund: | ›Noch dreißig Minuten… halbe Stund.‹«– (V. 16 f.)
Der Refrain wird nur zögerlich eingeführt, nämlich ohne das später bestimmende Reimwort »Buffalo«. So wird unauffällig der Bedeutungswechsel berücksichtigt, den die Frage nach der bis zur Ankunft verbleibenden Zeit bald ereilt, wenn von der Antwort die Überlebenschance abhängt. Auch die Reformulierung der Zeitangabe kennzeichnet für die erste Strophe noch den Modus des Alltäglichen: Überflüssig war im Grunde die Frage der Passagiere, und einen gewissen Überfluss zeigt auch die Antwort des schätzenden Steuermanns.
Die Stelle leistet außerdem die Verknüpfung der beiden Wiederholungsmotive im dramatischen Teil, dem Dialog mit Maynard und dem Refrain mit der Zeitangabe. Beide treten bald auseinander.
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»Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei –«– (V. 18)
Die Unbekümmertheit der Opfer einer Katastrophe vor dem Einsatz der Katastrophe ist ein fester Topos moderner Katastrophenerzählungen und dient natürlich der Wirkungsverstärkung: Der Kontrast setzt den Schrecken in besonders grelles Licht. Zugleich handelt es sich um eine Wiederaufnahme barocker Vanitas-Motivik: Man denke an das Luther-Lied »Mitten wir im Leben sind | mit dem Tod umfangen«.
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»Ein Qualm aus Kajütt und Luke drang«– (V. 21)
Die Ursache des Feuers wird in der Ballade nicht thematisiert, und auch nicht die Untersuchung der Ursache nach der Katastrophe. Das Feuer kommt aus einem Innenraum, den das Gedicht nie »betreten« hat: In der ersten Strophe stehen die Passagiere schon an Deck und schauen nach der Küste, danach ist der Schiffsinnenraum natürlich unzugänglich. Gewissermaßen ist das Feuer innen immer schon gewesen, denn es wird zur Fortbewegung gebraucht: Jetzt ist es außer Kontrolle geraten und dringt in das »Außen« des Schiffs.
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»Und die Passagiere, buntgemengt, | Am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt«– (V. 24 f.)
Auch das Zusammendrängen einer großen Menge gehört zu den Topoi der Katastrophenerzählung. Interessant ist dabei das Adjektiv »buntgemengt«, das mit der uniformisierenden Wirkung des Unglücks kontrastiert. Man muss die Stelle wohl so verstehen: Alle Passagiere, ob groß, ob klein, unerachtet all ihrer Unterschiede, drängen sich am Bugspriet. Dieser Vergemeinschaftung im Zeichen der Todesangst entspricht dann im Epilog die Vergemeinschaftung im Zeichen des dankbaren Angedenkens. Aber auch die Schadensökonomie der Ballade spricht sich hier aus, nach der allein der Steuermann leiden muss; denn eigentlich sind gerade solche panischen Massenbewegungen Quellen der Gefahr.
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»Er sieht nicht mehr seinen Steuermann«– (V. 32)
Der erste Vers der Strophe – »Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht« – hatte in eigenartigem Widerspruch Stagnation und ein Wachsen der Gefahr zugleich ausgedrückt. Der Verlust des Sichtkontakts zwischen Kapitän und Steuermann steht aber eindeutig im Zeichen der Steigerung der Gefahr. Nur mit einem technischen Hilfsmittel, mit dem »Sprachrohr« (V. 33), gelingt noch die Kommunikation.
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»›Auf den Strand! In die Brandung!‹ ›Ich halte drauf hin.‹«– (V. 36)
Die typische Lakonie Fontanes zeigt sich auch hier: Die Angabe des Ziels enthält die Entscheidung, das Schiff zerschellen zu lassen, das Schiff zu opfern. Maynards Antwort hingegen dokumentiert, dass er diese Entscheidung selbst schon getroffen hat – offenbar ohne Rücksprache mit dem Kapitän. Dieses Einvernehmen gegen die eigentliche Befehlskette im Ausnahmefall relativiert etwas die Position Maynards als reiner Befehlsempfänger. Zugleich wird er mit dem Schiff eng verbunden: Damit Passagiere und Besatzung gerettet werden können, muss das Schiff geopfert werden; und nur er kann das Opfer des Schiffes durch sein eigenes Opfer herbeiführen.
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»Rettung: der Strand von Buffalo!«– (V. 44)
In der letzten Ausführung des Refrains fehlt der Teil, mit dem der Refrain überhaupt etabliert wurde: Die Zeitangabe bis zur Ankunft am Ziel. Auch hier fällt die Sparsamkeit des Textes auf: die bloße Nominalphrase, versehen mit einem Ausrufezeichen, muss für den ganzen Vorgang der Landung, des Zerschellens des Schiffes und des In-Sicherheit-Bringens von Passagieren und Besatzung genügen. So ist vor allem der Profilierung des Helden gedient, der die Rettung ermöglichte.