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Unterm Birnbaum

Historischer Hintergrund und Epoche

Die historischen Ereignisse, vor deren Hintergrund die Kriminalhandlung erzählt wird, liegen zum Zeitpunkt der Entstehung der Novelle gut 50 Jahre zurück. Der Novemberaufstand in Polen von 1830/31, der »unter den deutschen Schriftstellern von Heine bis Platen eine Welle der Sympathie auslöste und eine Vielzahl von Polenliedern hervorbrachte« (Müller-Seidel 217), wird insbesondere am Vorabend des Mordes zu dem Gesprächsthema in Hradschecks Weinstube. Schließlich hat der Reisende Szulski den Häuserkampf in Warschau als Augenzeuge aus nächster Nähe miterlebt, und die Zecher aus dem Dorf sind begierig, Einzelheiten darüber zu erfahren.

Lange nach dem Mord an Szulski wird der polnische Kadettenaufstand noch ein zweites Mal zum Mittelpunkt der Wirtshausgespräche, im dreizehnten Kapitel, kurz nach Abels Rehabilitierung und auf dem Höhepunkt seiner gefühlten Sicherheit vor Entdeckung. Wir befinden uns nun im September 1831, fast ein Jahr nach dem Beginn der Aufstände und ebenso lange nach dem Mord; die Aufständischen sind längst von den zaristischen Truppen niedergeschlagen worden, der Mord ist vertuscht und fast schon vergessen.

Doch auch wenn hier und da vom Zaren und von seinen Generälen Diebitsch und Paskewitsch gesprochen wird, dem Historischen kommt in der Novelle nach Müller-Seidel »nur eine untergeordnete Bedeutung zu. Als Leser werden wir für Vorgänge, Themen und Motive ganz anderer Art interessiert; daher kann es geschehen, dass uns das Historische entgeht.« (Müller-Seidel 217)

Dies überrascht ein wenig, wenn man bedenkt, dass historische Stoffe, etwa die Sir Walter Scotts, zu dessen Bewunderern Fontane gehörte, im Realismus des 19. Jahrhunderts Hochkonjunktur hatten. Fontane selbst schuf Werke, die zum Genre des Historischen Romans gezählt werden können, z. B. »Vor dem Sturm« (1878), angesiedelt in der Zeit der preußischen Befreiungskriege. In »Unterm Birnbaum« ging es ihm aber offenbar weniger um die historischen Ereignisse als solche, als um die Charakterisierung der Personen anhand ihrer Reaktionen darauf.

Der Aufstand und seine Niederschlagung klingen nur an wie Geschützlärm aus weiter Ferne, dem man in der Behaglichkeit einer Wirtsstube am abgelegenen Rande Preußens unbehelligt lauschen kann – selbst wenn diese Wirtsstube nahe der polnischen Grenze liegt. Die Tschechiner scheinen ausschließlich an grausamen Gefechtsdetails, an Berichten über Vergewaltigungen und das Niederbrennen von Häusern interessiert. Die großen politischen Bewegungen in Europa, die Konsequenzen der polnischen Ereignisse auch für Preußen und die Polenbegeisterung der Intellektuellen sind nicht ihr Thema – und wenn doch, so stehen sie ganz auf der Seite des russischen Zaren: »Kaiser Nikolaus habe recht, überhaupt immer recht. Konstitution sei Unsinn und das ganze Bürgerkönigtum die reine Phrasendrescherei.« (513/14)

Indem Fontane die rein auf Materielles ausgerichtete Lebenshaltung der Hradschecks vorführt, aber auch, indem er Neid, Gier und fehlendes soziales Gewissen der Dorfbewohner zeigt, kommt noch ein anderer historischer Bezug zum Tragen, nämlich der zur Entstehungszeit der Novelle. Vielfach hat Fontane in seinem Werk Kritik am Geist der Gründerzeit, an politischer Einflussnahme neureicher Industrieller und an den wachsenden sozialen Verwerfungen im deutschen Kaiserreich geübt. Tanja Hagedorn zitiert in ihrer Dissertation über »Humor und Humorlosigkeit im Erzählwerk Theodor Fontanes« daher Eda Sagarras Hinweis auf die »Parallele zwischen dem Gelddenken des Wirts und der gründerzeitlichen Gesellschaft.« (Hagedorn 173)

Veröffentlicht am 25. April 2025. Zuletzt aktualisiert am 25. April 2025.