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Unterm Birnbaum

Interpretation

Gesellschaftskritik im Kontext der Dorfbeschreibung

In seiner Monografie »Theodor Fontane. Soziale Romankunst in Deutschland« (s. Quellen) nimmt der Germanist Walter Müller-Seidel die gesellschaftlich-sozialen Fragestellungen in den Blick, die Fontanes erzählerisches Werk stellt. In dem Kapitel »Verbrechen und Strafe« vertritt er die Ansicht, es gebe in »Unterm Birnbaum« nicht eine einzige positive Figur.

Die Handlung zeigt nicht nur, dass es sich bei dem Verbrechen des Gastwirtspaares keineswegs um Totschlag, sondern um einen genauestens geplanten und vorbereiteten Mord aus dem Motiv der Geldgier handelt. Sie zeigt auch, dass es den Dorfbewohnern nicht gelingt, im Umgang mit der Tat diesem moralischen Komplettversagen der Hradschecks etwas fundamental anderes entgegenzusetzen. Sie machen sich vielmehr mitschuldig, wenn sie ihre Suche nach dem Vermissten, den sie zuerst noch für verunglückt halten, schnell beenden und sich mit dem Gedanken abfinden, dass seine Leiche offenbar im Oderschlick versunken ist. 

Bei den ersten Verdachtsmomenten gegen Hradscheck greifen die Mechanismen  dörflicher Meinungsbildung: Klatsch und Gerüchte machen die Runde, und nun gilt es allen als sicher, dass Abel ein Mörder ist. Auch wenn die Lesenden wissen, dass dies tatsächlich wahr ist, gibt es keine Rechtfertigung für diese Vorverurteilung zu einem Zeitpunkt, zu dem die Indizien dagegen sprechen. Als Abel längere Zeit inhaftiert ist, ohne dass die Behörden ihm etwas nachweisen können, dreht der Wind: Nun wird hemmungslos auf das behördliche Versagen und »die da oben« geschimpft – dass man selbst noch vor Kurzem verbal auf den Gastwirt eingedroschen hatte, ist längst vergessen. Restlos der Vergangenheit anzugehören scheint die ganze Geschichte, als Abel aufgrund seiner raffinierten Täuschung rehabilitiert ist und wieder in die Dorfgemeinschaft aufgenommen wird. Hier fällt vor allem das Schweigen auf – man geht einfach zur Tagesordnung über, als wäre nie etwas geschehen. Niemand spricht Abel direkt an oder entschuldigt sich gar für die vorausgegangene Verdächtigung.

Sowohl was den Verdacht als auch was die Unschuldsvermutung betrifft, gibt es zwei Personen, die ausscheren: Geelhaar hält am Verdacht fest, als alles für Abels Unschuld spricht, und Eccelius verteidigt Abel und Ursel auch dann noch, als alles ihre Schuld zu beweisen scheint. Beide handeln aber aus persönlichen Motiven: Geelhaar will sich an Abel wegen eines längst vergangenen Streits rächen und ihn unbedingt »ans Messer« (495) liefern. Eccelius verteidigt die Verdächtigten lediglich aufgrund dogmatischer Glaubensvorstellungen; obwohl er zunächst gerecht und maßvoll erscheint und der Einzige ist, der der Dorfgemeinschaft in seiner Predigt den Spiegel vorhält, wird seine Befangenheit am Ende der Novelle überdeutlich, »und wenn ihm der Erzähler, wie es geschieht, das letzte Wort läßt, so hat der Pastor damit keineswegs unser Vertrauen gewonnen. Keine Person der Erzählung verdient es sich; von keiner geht so etwas wie Zuversicht aus. Unterm Birnbaum ist, so gesehen, eine der trostlosesten Erzählungen, die Fontane je geschrieben hat.« (Müller-Seidel 223)

Am eindringlichsten äußern sich Fontanes Kritik und das dargestellte regressive Gesellschaftsbild vielleicht in der grundsätzlichen Anlage der Kriminalhandlung: Die Aufklärung des Verbrechens erfolgt nicht durch die dafür vorgesehenen Funktionsträger, die allesamt von Privatinteressen geleitet werden, sondern durch die alte, als Hexe verschriene, abergläubische Nachbarin. 

Polen und Preußen um 1830 und 1885

Dass die historischen Ereignisse, die der Kriminalgeschichte vor allem bei der Schilderung der Wirtshausszenen eher als atmosphärischer Hintergrund denn als Aufforderung zu politischer Auseinandersetzung dienen, dennoch auch einen Bezug zu Fontanes Gegenwart in den 1880er-Jahren haben, wurde mit Blick auf die Kritik am Materialismus der Gründerzeit bereits gesagt (vgl. Abschnitt 6. Historischer Hintergrund und Epoche).

Es gibt aber noch einen weiteren politischen Aspekt, auf den Fontane möglicherweise mit seinen Erwähnungen des polnischen Novemberaufstandes von 1830 hinweisen wollte. Anders als viele Schriftsteller und Künstler jener Zeit, die sich für demokratische Ideen begeisterten und die Aufständischen verherrlichten, sind die Tschechiner keineswegs auf der Seite der Polen. Sie stellen sich in ihren aufgeheizten »Stammtischreden« auf die Seite der Monarchie und der gewaltsamen Versuche Zar Nikolaus I., diese überall in Europa wiederherzustellen. Ihre Sympathie gilt den Russen weit mehr als den aufständischen Polen, und eine latente Polenfeindlichkeit lässt sich trotz der freundlichen Aufnahme, die Szulski in der Weinstube erfährt, an dem mangelnden Interesse ablesen, mit dem die Dorfbewohner die Aufklärung seines Verschwindens verfolgen.

In dieser Darstellung kann eine subtile Spitze gegen die Bismarck’sche Politik zur Zeit der Niederschrift der Novelle gesehen werden, denn wie Wilhelm Borcherding herausgearbeitet hat, 

betrieb auch Preußen unter Initiative von Otto von Bismarck Unterdrückungsmaßnahmen gegen polnische Einwohnerinnen und Einwohner. Jene von ihnen mit russischer und österreichisch-ungarischer Staatsangehörigkeit wurden häufig aus Preußen ausgewiesen, und man versuchte, die polnische Kultur und Sprache etwa durch starke Einschränkungen, was Polnisch als Unterrichtssprache betraf, zu verdrängen. Szulskis Schilderung der grausamen Beendigung des polnischen Aufstands mögen Fontane also dazu gedient haben, subtil Kritik auch an den jüngsten Repressionen der preußischen Regierung gegen die polnische Bevölkerung zu üben. (Borcherding 69)

Veröffentlicht am 25. April 2025. Zuletzt aktualisiert am 25. April 2025.