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Unterm Birnbaum

Sprache und Stil

Der Sprachstil der sich nie in den Vordergrund drängenden Erzählinstanz entspricht den Forderungen der Novelle und ist von Nüchternheit und Objektivität geprägt. Manchmal jedoch bricht sich hintergründiger Humor Bahn, vor allem, wenn die Mechanismen dörflicher Meinungsbildung oder die dumpfe Anmaßung und Lächerlichkeit bestimmter Tschechiner beschrieben werden. So heißt es z. B. über Frau Quaas, dass sie sich »ihrer gekrausten blonden Haare halber, ganz einfach für eine Schönheit hielt und aus dem Umstande, dass sie fast zwanzig Jahre jünger war als ihr Mann, ihr Recht zu fast ebensovielen Liebschaften herleitete.« (467) Kunickes Kondolenzbesuch bei Abel wird folgendermaßen beschrieben: »Auch Kunicke kam und drückte Hradscheck verständnisvoll die Hand, das Auge gerade verschwommen genug, um die Vorstellung einer Träne zu wecken.« (523)

Stärker indes tritt der bisweilen bissige Humor in den Dialogen hervor, die die Figuren äußerst plastisch vor das innere Auge der Leser*innen führen. Getreu Fontanes Grundsatz: »Meine ganze Sprechweise ist darauf gerichtet, die Menschen so sprechen zu lassen, wie sie wirklich sprechen« (Brief vom 22. April 1885 an Georg Friedländer, zit. n. Borcherding 46), finden sich in der Novelle unterschiedlichste Diktionen, von den einfachen, derben und meist auf Plattdeutsch vorgebrachten (Halb-)Sätzen der Bediensteten und der bäuerlichen Einwohnerschaft Tschechins (Ede, Kunicke, Quaas) über die spießig-behäbigen und vorgegebenen Mustern folgenden Plattitüden seiner Honoratioren (Woytasch, Geelhaar) bis zu den bei näherer Betrachtung kaum weniger formelhaften Aussprüchen der beiden akademisch Gebildeten im Novellenpersonal: Justizrat Vowinkel und natürlich Eccelius.

Am häufigsten wird von den Figuren hochdeutsche Umgangs- oder Alltagssprache verwendet (vgl. Borcherding 46), so in den Gesprächen zwischen Abel und Ursel oder in deren Unterhaltungen mit anderen Dorfbewohnern. Auch die Anweisungen, die sie ihren Bediensteten geben, erfolgen auf Hochdeutsch; Ede, Jakob und Male antworten darauf oft im sogenannten Oder-Platt, einem ostniederdeutschen Dialekt, den sie auch untereinander sprechen. Ihre Sprache ist von Elisionen durchzogen (»Und moaken Se’t good«, 500; »Hören’S, Herr Gendarm«, 504; »Wedder een mit’n Pelz«, 526), manchmal werden auch ganze oder halbe Sätze komplett weggelassen: »Nei, Mutter Jeschke. Man blot ...« (Ede, 533).

Wie Wilhelm Borcherding beschreibt, bezeichnet der Gebrauch oder Nichtgebrauch des Plattdeutschen ein soziales Gefälle: »Die wenig angesehenen Figuren sprechen mehrheitlich Dialekt.« Sie würden sogar in offiziellen Situationen ganz bewusst ins Hochdeutsche wechseln, »das die Dorfgemeinschaft mit Vornehmheit, einem höheren sozialen Status verbindet.« (Borcherding 46) Demgegenüber würden sich höhergestellte Personen wie Vowinkel und Eccelius des Hochdeutschen bedienen und auf Elisionen und Redewendungen verzichten, »um sich durch ihren Sprachgebrauch von im sozialen Gefüge niedriger Positionierten [...] abzugrenzen.« (ebd.) Fragen ließe sich hier, vor allem mit Bezug auf Eccelius, ob tatsächlich aus der Innenperspektive dieser Personen betrachtet – eine bewusste, hochmütige Abgrenzung erfolgt, oder ob man nicht eher davon sprechen sollte, dass der Erzähler mit dem Einsatz von Platt- und Hochdeutsch diese Abgrenzung vornimmt.

Veröffentlicht am 25. April 2025. Zuletzt aktualisiert am 25. April 2025.