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Unterm Birnbaum

Kapitel 1-3

Zusammenfassung

Abel Hradscheck beaufsichtigt vor seinem im Oderbruchdorf Tschechin gelegenen Gasthaus und Materialwarengeschäft das Verladen einiger Säcke Raps auf einen Pferdewagen und erteilt seinem Knecht Jakob Anweisungen. Nach dessen Abfahrt in Richtung Ölmühle tritt er zurück in den Hausflur.

Wohn- und Geschäftsbereich seines Hauses sind voneinander getrennt: Rechter Hand liegen die Wohnräume, links befindet sich der Laden. Während der vordere, mit dem Wohnbereich verbundene Flurteil elegant gestaltet ist, dient der hintere, auf den Garten hinausgehende Abschnitt als Lager. Hier befindet sich auch eine Falltür zum Keller. Auf seinem Weg in den Garten schließt Abel diese Tür, die offenbar fahrlässig von seinem Burschen Ede offengelassen wurde.

Abel durchquert den herbstlichen, vornehmlich zum Gemüseanbau genutzten Garten und betrachtet vom anderen Ende aus voller Stolz die rückwärtige Seite seines Besitzes, einschließlich einer imposanten Kegelbahn. Zugleich sorgt er sich um seine wirtschaftliche Zukunft. In Gedanken versunken, hebt er eine überreife Birne vom Boden, als ihn seine alte Nachbarin Frau Jeschke über den Gartenzaun hinweg anspricht. Sie reden kurz darüber, dass es an der Zeit für die Birnenlese sei, bevor die Jeschke ins Haus zurückkehrt.

Auch Abel geht wieder in sein Haus und betritt das für seine Verhältnisse als Dorfkrämer übertrieben vornehm ausgestattete Wohnzimmer. Im Nebenraum trifft er seine Frau Ursel beim Kränzeflechten an. Nach dem Grund ihres Tuns befragt, erinnert ihn Ursel vorwurfsvoll an den Sterbetag ihrer Kinder. Abel nimmt dies zum Anlass, über ihre schwierige finanzielle Lage und seine Zukunftsängste zu sprechen; es sei in dieser Hinsicht ein Glück, dass die Kinder nicht mehr lebten. Bei der Auflistung seiner Schuldner wird er konkret und erwähnt auch den Reisenden einer polnischen Gläubigerfirma, der in den nächsten Tagen bei ihnen eintreffen wird.

Ursel wirft ihm daraufhin seine Spielleidenschaft und seine Trunksucht vor, die für ihre Lage verantwortlich seien, doch Abel verteidigt sich und bezeichnet sogar seine erneute Teilnahme an der Lotterie als verzweifelten Versuch, sie wirtschaftlich zu retten. Anschließend beschwichtigt er Ursel mit zärtlichen Gesten, bevor sie mit den Kränzen allein zum Kirchhof aufbricht.

Eine Woche nach diesem Gespräch hat Abel, wie zu erwarten, noch immer nicht in der Lotterie gewonnen. Sein Los, das er ständig betrachtet, steht zu Ursels Unwillen wie ein Altarbildchen in einer eigens dafür geschaffenen Vorrichtung auf seinem Pult. Sie glaubt, dies lade den Teufel ein, und bittet ihren Mann, statt des Loses ein Marienbild aufzustellen, aber Abel weigert sich. Als die Ziehungszeit Mitte Oktober ohne Gewinn verstrichen ist, mehren sich seine Ängste und düsteren Gedanken. Insbesondere die nahende Ankunft des Schuldeneintreibers aus Polen bereitet ihm Sorge.

Um sich abzulenken, arbeitet er häufiger als sonst im Garten und gräbt die Beete um. Dabei kommt es einmal mehr zu einem Gespräch mit der alten Jeschke über den Zaun hinweg. Abel ärgert sich über die Alte, deren unklare Andeutungen und Sprüche seine Zukunftsangst vergrößern. Nachdem sie in ihr Haus zurückgegangen ist und er die Arbeit wieder aufnimmt, stößt sein Spaten unter dem Birnbaum auf einen Widerstand. Beim Weitergraben entdeckt er menschliche Gebeine und Reste einer zerschlissenen Uniform. Er überlegt, ob er seine Entdeckung zur Anzeige bringen soll, verwirft es aber sogleich und gräbt einen hervorlugenden Armknochen wieder ein. Seine anschließenden finsteren Selbstgespräche lassen vermuten, dass er etwas Übles plant, um seine Geldsorgen loszuwerden. Ursel will er unbedingt in diese Pläne einweihen und zur Unterstützung überreden.

Abel lehnt den Spaten an die Hauswand und wäscht sich die Hände in einem Kübel, bevor er aus dem Garten wieder ins Wohnzimmer tritt. Hier trifft er Ursel an, die trotz der frühen Tageszeit aufwendig gekleidet und zurechtgemacht ist. Ähnlich wie ihre Aufmachung wirkt auch die Einrichtung des Raumes einerseits mondän, andererseits etwas unpassend und zusammengewürfelt.

Ursel zeigt Abel die Handarbeit, mit der sie beschäftigt ist: ein Samtkäppchen für Pastor Eccelius. Abel begrüßt es, dass Ursel sich gut mit Eccelius versteht, und bemerkt, es sei dem Ansehen förderlich, mit einem Pastor befreundet zu sein. Er lobt auch Ursels Konversion, die ihm entgegnet, er verstehe davon doch gar nichts. Dabei betont sie, wie gebildet Eccelius ist und wie wichtig ihr das sei. Abels Reaktion lässt erkennen, dass dies kein neues Thema zwischen den beiden ist und dass Ursel anscheinend auch oft über frühere »vornehme« Verehrer spricht.

Die Unterhaltung der beiden richtet sich nun auf ihre unterschiedlichen Ansprüche und Lebensvorstellungen, wobei ihre Vergangenheit zur Sprache kommt. Als Abel seiner Frau ihre Ausgaben vorwirft, erklärt sie ihren Wunsch nach Luxus mit dem frühen Tod ihrer Kinder und rechtfertigt ihn als eine Art Kompensation. Die teuren Möbel hatte Abel nach einem Konkurs auf Schloss Hoppenrade für seine Frau erworben; nun scheint er es zu bereuen. Er erinnert Ursel daran, dass er sie zum Zeitpunkt ihrer Heirat aus Schwierigkeiten gerettet hatte. Beide halten sich außerdem ihre früheren Liebschaften vor. Abel hält Ursels Wunsch nach einem herrschaftlichen Leben für die Ursache ihrer aktuellen Probleme. Ihr Hochmut habe den Spott der Dorfbewohner hervorgerufen. Ursel erklärt, dass sie sich umbringen werde, falls ihre Sachen gepfändet würden. Armut, die sie offenbar schon einmal erfahren hat, ist für sie das Schlimmste, schlimmer als der Tod.

Abel führt Ursel in den Garten und geht mit ihr zum Birnbaum, wo er den toten Soldaten gefunden hat. Anschließend redet er auf sie ein – ohne dass die Leser*innen seine Worte erfahren – und setzt ihr offenbar seine zuvor gefassten Pläne, die den Lesenden ebenfalls nicht im Detail klar sind, auseinander. Ursel macht zunächst widerstrebende Bewegungen, nickt aber am Schluss.

Analyse

Alle Themen und Motive, die für die eigentliche Kriminalhandlung Bedeutung erlangen werden, sind bereits im ersten Kapitel, teilweise nur mit einem Wort oder Halbsatz, gesetzt.

Da ist zunächst Hradscheck mit seinem unseriösen Geschäftsgebaren. Die mit Raps gefüllten Säcke, die in der Eröffnungsszene aufgeladen werden, »waren nicht gut gebunden oder hatten kleine Löcher und Ritzen«. Man kann also vermuten, dass hier entweder nicht sorgfältig gearbeitet wird oder kein Geld für ordentliches Material vorhanden ist – oder beides. Der wichtigste Verkaufshinweis, den Abel seinem Knecht für die Ölmühle mit auf den Weg gibt, gilt der Frau des Ölmüllers: »Und weißt auch, Kätzchen hält auf Komplimente.« (449) Später wird ihm seine Frau Ursel den Vorwurf der Leichtlebigkeit machen: »Ach, das verdammte Spiel [...]. Und dazu das Trinken, immer der schwere Ungar, bis in die Nacht hinein.« (452/53) Abel ist uneinsichtig und rechtfertigt seine Spielsucht sogar noch damit, mit einem möglichen Gewinn die Schulden begleichen zu wollen – ein Teufelskreis: »und doch hab‘ ich wieder ein Los genommen. Und warum? Weil ich heraus will, weil ich heraus muß, weil ich uns retten möchte.« (454)

Aber auch Ursel tritt nicht als solide Geschäftsfrau auf, die mit resoluter Tatkraft die Schwächen ihres Mannes kompensieren könnte. Vielmehr deutet die schon lächerlich luxuriöse Ausstattung ihres Zuhauses auf verlorene Jugendträume hin; offenbar ist sie der Dorfgemeinschaft fremd geblieben und flüchtet sich allein in eine aparte Gegenwelt. Die Kosten für das elegante Mobiliar könnten ebenfalls zur desolaten Finanzlage des Paares beigetragen haben.

Der frühe Tod ihrer beiden Kinder, über dessen Umstände nichts Näheres ausgesagt wird, lastet als Katastrophe auf ihrer Ehe, und die Tatsache, dass Abel nicht nur deren Sterbetag vergessen hat, sondern ihren Tod sogar angesichts seiner Geldsorgen ins Positive umdeuten will, offenbart seine erschreckende Kälte und die emotionale Divergenz zwischen den Eheleuten. In dieser partnerschaftlichen »Schieflage«, die mit der ökonomischen Schieflage des gemeinsamen Wirtschaftsbetriebes korreliert, liegt ein Teil der äußeren Beweggründe für das später zusammen verübte Verbrechen.

Einen Hinweis auf die spätere Tat gibt bereits im dritten Absatz des ersten Kapitels die offenstehende Falltür in den Keller, wo Abel die Leiche des Opfers verstecken und wo auch sein eigenes Leben enden wird. Das Motiv der Falltür kann als Sinnbild für den tiefen moralischen Sturz, den der Mord markiert, gesehen werden. Dabei wird es so beiläufig eingeführt, dass es einem beim ersten Lesen kaum auffallen mag: »Hradscheck selbst aber, der eben die schmale, zwischen den Kisten und Ölfässern freigelassene Gasse passierte, schloß, halb ärgerlich, halb lachend, die trotz seines Verbotes mal wieder offenstehende Falltür« (450).

Weiterhin finden sich Anspielungen auf die folgende Kriminalhandlung in der Gartenszene: Nachbarin Jeschke späht über den Himbeerzaun und hat Abel offenbar schon länger beobachtet, ohne dass dieser es bemerkt hätte. Sie taucht in der ihr eigenen Mischung aus Freundlichkeit und tückischem Hintersinn ganz überraschend auf – natürlich ist es kein Zufall, dass Abel genau in diesem Moment eine Birne in der Hand hält, gewissermaßen als pars pro toto für den titelgebenden und handlungsbestimmenden Birnbaum, das Dingsymbol. Später werden Frau Jeschkes Aussagen über sein nächtliches Graben unter ebendiesem ihn schwer belasten. Und auch, als er eine plausible Erklärung dafür geben kann und so vorübergehend rehabilitiert wird, wird sie ihr Misstrauen ihm gegenüber aufrechterhalten und ihn mit Andeutungen und unheimlichen Bemerkungen quälen, um ihn so zu Fehlern zu verleiten.

Im zweiten Kapitel dreht sich alles um die Voraussetzungen für das später von Abel und Ursel ausgeführte Verbrechen. Zunächst wird mit der Beschreibung des altarähnlichen Los-Aufbaus der Fokus auf Abels Materialismus und Glaubensferne gelegt. Seine Fixierung auf das eigenartige Arrangement hebt das Ausmaß seiner Verzweiflung hervor. Ursel wird als seine Antipodin in Glaubensfragen präsentiert. Sie wünscht, dass Abel das wie ein Fetisch aufgestellte Los entferne; freilich liest sich ihre Begründung dafür kaum minder abergläubisch, wenn sie konstatiert, so etwas »verdrösse den Himmel nur, und wer dergleichen täte, kriege statt der Rettung und Hilfe den Teufel und seine Sippschaft ins Haus.« (454)

Als Abel wenige Tage später der alten Jeschke erneut an der Gartenhecke begegnet, wird das Thema des Aberglaubens weiterentwickelt. Als sie sich mit Abel über seine reiche Kartoffel- und Birnenernte unterhält und dieser etwas prahlerisch die großen Mengen erwähnt, antwortet sie ihm: »Na, bereden Se’t nich, Hradscheck. Nei, nei. Man sall nix bereden. Ook sien Glück nich.« (456) Abel, ständig zwischen Unglauben und Aberglauben schwankend, fühlt sich durch solche Sätze bedroht. Er erinnert sich an ein früheres, scheinbar nicht ganz ernst gemeintes Gespräch mit ihr über Gerüchte, sie könne sich unsichtbar machen. Damals hatte sie dies weder bestätigt noch geleugnet, aber atavistische Praktiken geschildert, in denen Talg von ungeborenen Lämmern und Farnkrautsamen eine Rolle spielten: »Und dann hatte sie herzlich gelacht, worin Hradscheck natürlich einstimmte. Trotz dieses Lachens aber war ihm jedes Wort, als ob es ein Evangelium wär‘, in Erinnerung geblieben« (ebd.). Der Vergleich der gruselig anmutenden Worte mit einem Evangelium entspricht der am Anfang des Kapitels geschilderten Betrachtung des Lotterieloses mit »Andacht«; in beiden Fällen wird auf abergläubische Handlungen und Worte mit (pseudo-)religiösen Gefühlen reagiert.

Das zweite Kapitel enthält die ersten Hinweise der Novelle darauf, dass Abel ein Verbrechen plant: »Gott sei Dank, die Jeschke war nicht da. [...] Aber [...] warum sollte sie nicht die Gestalten sehn, die jetzt vor seiner Seele standen? Ein Grauen überlief ihn, nicht vor der Tat, nein, aber bei dem Gedanken, daß das, was erst Tat werden sollte, vielleicht in diesem Augenblick schon erkannt und verraten war.« (458) Dann wieder redet er sich ein: »Ah, bah, es wird sich finden, weil sich’s finden muss. Not kennt kein Gebot.« (ebd.) Was Abel jedoch genau vorhat, erfährt man als Leser*in an dieser Stelle noch nicht.

Im dritten Kapitel werden Ursels unangemessen wirkende materielle Ansprüche, die bereits im ersten Kapitel als Thema eingeführt wurden, erneut aufgegriffen und die Frage nach deren Ursachen vertieft. Ursels Antwort auf Abels Vorwürfe zeugt dabei von Selbstreflexion und ist menschlich nachvollziehbar, ja berührend. Sie habe sich in den sieben ersten Ehejahren stark eingeschränkt, »bis die Kinder starben, und erst als sie tot waren und ich nichts hatte, daran ich mein Herz hängen konnte, da hab‘ ich gedacht, nun gut, nun will ich es wenigstens hübsch haben und eine Kaufmannsfrau sein« (461). An dieser Stelle erfährt man, warum die Möbel in ihrem Wohnzimmer eigenartig wirken und z. B. »der mit Schildpatt ausgelegte Nähtisch, trotz all seiner Eleganz, zu den beiden hellblauen Atlassofas nicht recht passen wollte.« (459) Abel hat sie für seine Frau aus der Konkursmasse eines Schlosses erworben.

Es fällt auf, dass er Ursel zwar an seine Anstrengungen für sie erinnert, dabei aber überhaupt nicht auf die verstorbenen Kinder und das Trauma, das ihr Tod vermutlich ausgelöst hat, eingeht. Stattdessen ärgert er sich über die hohen Ausgaben und sorgt sich um das Bild, das sich die Nachbarn von ihnen machen. Der Stellenwert, den ihr Ruf im Dorf für ihn hat, zeigt sich auch in seiner Aussage, »die Freundschaft mit einem Pastor [...] gibt einem solch Ansehen. Und ich habe mir auch vorgenommen, ihn wieder öfter zu besuchen und mit Ede sonntags umschichtig in die Kirche zu gehen.« (460) Der Begriff »umschichtig« wirkt belustigend, zeigt der Plan, in abwechselnden »Schichten« den Gottesdienst zu besuchen, doch überdeutlich, mit welch pragmatischen Überlegungen Abel an die Praktizierung seines in Wahrheit ja gar nicht vorhandenen Glaubens herangeht.

Ein weiterer Beleg für seine oberflächliche Gemütsart sind seine Aussagen über eine inzwischen verstorbene Frau aus einem Nachbardorf, mit der er früher einmal zusammen war: »[...] darfst mir nicht Vorwürfe machen wegen der Rese drüben in Neu-Lewin. Was da hinging, glaube mir, das war nicht viel und eigentlich nicht der Rede wert.« (463)

Große Übereinstimmung der Eheleute besteht in ihrer Furcht vor dem sozialen Abstieg und ihrem Wunsch, diesen um jeden Preis zu verhindern. Der Schluss des Kapitels lässt von außen den Eindruck entstehen, dass Ursel die Pläne ihres Mannes zunächst ablehnt, und der einzige gesprochene Satz in dieser – von Lesenden wie aus der Totale wahrgenommenen – Szene ist ihr Einwand: »Es geht nicht. Schlag es dir aus dem Sinn. Es ist nichts so fein gesponnen ... « (464). Im letzten Absatz heißt es dann aber: »Er aber ließ nicht ab, und endlich sah man, daß er ihren Widerstand besiegt hatte.« (ebd.)

Unter erzähltechnischem Aspekt ist die Wendung »endlich sah man« hervorzuheben. Wer sieht hier etwas, wer ist »man«? Wird hier für einen Moment die Sicht möglicher Beobachtender, etwa der alten Jeschke, eingenommen? Neben den Dialogen gelingt es Fontane mit Verfahren wie diesem, trotz der neutralen Erzählhaltung und dem Verzicht auf Einblicke in das Innere der Figuren Verdachtsmomente zu streuen und die Rezipienten etwas wahrnehmen zu lassen, was sie zu eigenen Rückschlüssen befähigt.

Veröffentlicht am 25. April 2025. Zuletzt aktualisiert am 25. April 2025.