Unterm Birnbaum
Kapitel 11-12
Zusammenfassung
Einen Tag nachdem Geelhaar die Beobachtungen der Jeschke bei den Behörden gemeldet hat, wird Hradscheck, begleitet vom Justizrat, zurück in sein Haus gebracht. Beobachtet wird die Ankunft u. a. vom neugierigen Schneidmüller Igel, der gleichwohl so tut, als würde er die Kutsche mit den beiden nicht bemerken.
Im Hradscheckschen Garten warten schon Geelhaar, Schulze Woytasch, Nachtwächter Mewissen und drei Gerichtsmänner auf ihr Eintreffen; auch etliche neugierige Zaungäste, darunter der Kantorssohn und Dichter der Spottverse, haben sich eingefunden. Die Stimmung ist aufgekratzt und munter, nur Abel blickt ernst und schweigt.
Kurz darauf kommt auch Totengräber Wonnekamp mit zweien seiner Leute hinzu und sie graben den toten Soldaten unter dem Birnbaum aus. Obwohl die Umstehenden meinen, Abel wäre nun überführt, behauptet dieser, gerade die Leiche sei es, die seine Unschuld beweisen werde. Tatsächlich bestätigt der Totengräber, dass der Tote dem Grad seiner Verwesung nach schon seit rund 20 Jahren hier liegen müsse. Da Szulski erst seit zehn Wochen vermisst wird, ist Abels Unschuld damit für Vowinkel und die Dörfler bewiesen. Außerdem ist man überzeugt davon, dass er auch mit dem Toten unter dem Birnbaum nichts zu tun haben könne, da er erst seit zehn Jahren in Tschechin lebt. Nur Geelhaar glaubt im Stillen nicht wirklich an Abels Unschuld. Von Line erfährt er, dass er darin mit der alten Jeschke übereinstimmt.
Eine Woche später ist Abel wieder zurück im Dorf. Bei einem Schlussverhör in Küstrin waren auch letzte Ungereimtheiten aufgeklärt worden. Laut seiner Aussage hatte er in der Nacht unbemerkt – um Vorwürfen seiner Frau zu entgehen, vor allem aber, um seinen guten Ruf als Wirt zu bewahren – verdorbene Speckseiten verschwinden lassen wollen. Dabei sei er auf die Leiche gestoßen und hätte sein Tun abgebrochen. Im Koffer an der Gartentür, den die Jeschke gesehen hatte, wären eben jene Speckseiten gewesen. Nachdem auch der Speck an der von ihm benannten Stelle gefunden wird, ist er vollständig rehabilitiert.
Bei der Rückkehr in sein Zuhause wird er aufgeregt von seinen Bediensteten empfangen. Er erschrickt, als er Ursel entgegentritt: Sie sieht verändert aus und ist deutlich gealtert.
Am Sonntag nach Hradschecks Rückkehr hält Eccelius eine eindringliche Predigt, die die Dorfgemeinschaft bewegt. Ohne den Fall Hradscheck klar zu benennen, hält er dabei zwischen den Zeilen ein Plädoyer für Abel: Er spricht darüber, wie der Schein oft trügen könne, wie verwerflich es sei, ein vorschnelles Urteil über seinen Nächsten zu fällen und ihn mit übler Nachrede zu überziehen. Die Augen aller richten sich dabei auf die alte Jeschke, diese aber nickt wie zustimmend mit dem Kopf. Line ist die Aufmerksamkeit sichtlich peinlich.
Als Line und ihre Tante wieder zuhause sind, sprechen sie über das gerade Erlebte. Dabei wird deutlich, dass Frau Jeschke keine Gewissensbisse hat, aber die Worte des Pastors dennoch auf ihre eigene Art und Weise respektiert.
Analyse
Kapitel 11 markiert den ersten entscheidenden Wendepunkt in der Kriminalhandlung, die Wiederherstellung von Abels Ruf als Wirt und (wenn auch ursprünglich »zugereistes«) Mitglied der Dorfgemeinschaft. Die Idee, die ihm bei der Entdeckung der Leiche in seinem Garten kam – und zwar gleich in der Exposition, im ersten Kapitel – erweist sich als zielführend, sein Täuschungsplan als tragfähig.
Im zwölften Kapitel wird das Schlussverhör nachgezeichnet, in dem Hradschecks ganze Verschlagenheit zum Ausdruck kommt. Wie er dem Justizrat, der durchaus insistierend das Vergraben des Schinkens hinterfragt (»Aber wozu die Heimlichkeit und die Nacht?«, 505), mit kleinen Volten entgegenkommt, wie er mit spießigen Gemeinplätzen über die Ehe (»habe er sich die Vorwürfe seiner Frau [...] ersparen wollen. Und er dürfe wohl hinzusetzen, wer verheiratet sei, der kenne das und wisse nur zu gut, wie gerne man sich solchen Anklagen und Streitszenen entziehe«, 505) und über die Bauern im Ort (»Die Bauern, wie der Herr Justizrat ja wohl wisse, seien die schwierigsten Leute von der Welt, ewig voll Mißtrauen«, 506) Vowinkels Vertrauen erschleicht, ist ein wahres Meisterstück der Arglist, das sein Ziel nicht verfehlt: »Der Justizrat hatte hierbei gelächelt und zustimmend genickt« (ebd.).
Den zweiten großen Part in Kapitel 12 nimmt die Predigt von Pastor Eccelius über
Sacharja 7,9-10 ein: »So spricht der Herr Zebaoth: Richtet recht und ein jeglicher beweise an seinem Bruder Güte und Barmherzigkeit. Und tuet nicht Unrecht den Fremdlingen und denke keiner wider seinen Bruder etwas Arges in seinem Herzen.« (507) Das Ausgraben des toten Franzosen und Hradschecks Erklärungen dazu scheinen dem von Anfang an bestandenen Vertrauen des Pastors in Abel und Ursel Recht zu geben, und in seiner Sonntagspredigt kostet er, könnte man fast sagen, seinen Triumph gegenüber den Dörflern aus.
Dass die alte Jeschke, auf die sich aller Augen bei seinen Worten richten, zustimmend nickt und sogar den Schlussvers mitsingt, sagt viel über ihre innere Verfasstheit aus. Die Meinung der Nachbarn, »die vorwurfsvollen Blicke der Älteren und dann das Kichern der Jüngeren« (508) prallen an ihr ab, da sie deren eigene Verstricktheit und Doppelmoral klar erkennt. Außerdem zeigt sich an ihrer Reaktion, dass sie Abel nach wie vor verdächtigt und die Geschichte für sie längst noch nicht abgeschlossen ist.