Unterm Birnbaum
Kapitel 13-14
Zusammenfassung
Obwohl die alte Jeschke die kirchlichen Handlungen als eine Art weißer Magie betrachtet, hat sie gerade deshalb Respekt vor Pastor Eccelius und stellt aufgrund seiner Predigt nun ihr Misstrauen gegenüber Hradscheck zumindest auf den Prüfstand. Auch ist es ihr wichtig, das konfliktfreie nachbarschaftliche Verhältnis mit Abel wiederherzustellen, und er gibt sich seinerseits nicht gekränkt, sondern geht erstaunlich freundlich wieder auf sie zu.
Im Dorf wird kaum noch über den verschwundenen Polen gesprochen, nur im Dorfkrug ist der Fall hin und wieder Gesprächsthema, aber auch das meist nur scherzhaft und oberflächlich. Man geht allgemein davon aus, dass Szulskis Leiche im Schlick verschwunden sei. Mehr als dieser Fall ist nun der tote Franzose Gegenstand des Interesses. Zahlreiche fantasievolle Geschichten machen die Runde, und die Erklärungen für den Tod des Soldaten reichen von amourösen Verstrickungen bis zu militärischen Verfehlungen.
Hradscheck indes profitiert von diesem neuen Gesprächsstoff der Dorfbewohner. Der Franzose dient nicht nur der Wiederherstellung, sondern sogar der Aufpolierung seines Rufes. Als Mitte März in einer Sitzung des Kirchengemeinderats beschlossen wird, den Leichnam würdig auf dem Kirchhof zu bestatten, bietet Abel an, ihn in seinem Garten zu behalten und die Stelle unter dem Birnbaum passend zu gestalten. Als Grund führt er an, dass er den Toten inzwischen als seinen Schutzpatron betrachte. Die Mitglieder des Rates zeigen sich dadurch beeindruckt.
Einen Monat später berät Abel sich mit Zimmermeister Buggenhagen über die Umgestaltung seines Hauses, auf das ein neues Stockwerk aufgesetzt werden soll. Insgesamt möchte er die Gebäude großzügiger und ihre Ausstattung attraktiver machen. Die Bauarbeiten laufen zügig und nach Plan. Lediglich an einem Tag wirkt Abel ungehalten, und zwar, als ihm Buggenhagen bei den Plänen zur Vergrößerung des Kellers statt der Wölbung der Decke das kostengünstigere und einfachere Ausschachten vorschlägt. Schließlich verwirft er das Kellerprojekt ganz und entscheidet, dass im Untergeschoss alles so bleiben soll, wie es bisher war.
Anfang September werden im Dorf Schwedter Dragoner einquartiert. Die Soldaten, die ins Gasthaus kommen, viel trinken und über Politik sprechen, lassen Abel als Wirt förmlich aufblühen. Sie reden davon, dass mit einem baldigen Kriegsausbruch zu rechnen sei und bekunden ihre Zustimmung zu Zar Nikolaus I., der in ganz Europa versucht, die Monarchie aufrechtzuerhalten bzw. zu rekonstituieren. Je blutrünstiger und aufgepeitschter die Reden, desto besser gefallen sie Abel. Selbst Ede traut sich in dieser Atmosphäre, dümmliche Kommentare zu machen und sich mit seinem Dienstherrn, den er sonst eher fürchtet, auf vertrauten Fuß zu stellen.
Eines Abends schiebt Ede Hradscheck einen stoffbezogenen Knebelknopf zu, den er im Keller gefunden hat, und erwähnt, »der Polsche« (514) hätte solche Knöpfe an seinem Mantel gehabt. Abel wird bleich und antwortet, die Knöpfe an Szulskis Mantel wären größer gewesen; diesen Knopf aber hätte »Hermannchen, uns‘ Lütt-Hermann« (ebd.) an seinem Rock getragen – aber das wäre ja noch vor Edes Zeit bei ihnen gewesen. Die Soldaten erkennen Abels Erregung, die sie aber nicht deuten können. Er nimmt den Knopf an sich und geht damit in den Garten, wo er aufgeregt vor sich hin spricht. Froh, dass nur die einquartierten Soldaten, aber keine Dorfbewohner die Szene miterlebt haben, ermahnt er sich eindringlich, die Nerven zu bewahren.
Als er die Jeschke hinter dem Himbeerzaun stehen sieht, geht er freundlich auf sie zu. Sie spricht ihn auf sein müdes, angestrengtes Aussehen an, worauf er Ärger mit Ede vorschützt. Außerdem beklagt er sich über die enge und steile Kellertreppe, die zu Unfällen führen könne, doch die Jeschke meint nur, er würde doch jetzt mit Buggenhagen alles renovieren. Dann macht sie einige Andeutungen über den Keller und den Polen, die einmal mehr als Verdächtigungen aufgefasst werden können. Doch Abel lässt sich dieses Mal nicht davon einschüchtern und droht ihr indirekt mit einer Verleumdungsklage.
Trotz dieser Episode verläuft die Bauzeit insgesamt gut und störungsfrei. Auch gedeihen in diesem Jahr Gemüse und Obst in Abels Garten besonders gut, vor allem die Birnen. Das Wort »Franzosenbirnen« macht die Runde, und im Dorf meint man scherzhaft, der Tote unter dem Baum sei gut für die Ernte. Abel ist erleichtert, dass die ganze Geschichte jetzt zunehmend anekdotischen Charakter erhält.
Unterdessen zieht Ursel sich immer mehr zurück und verlässt das Haus fast nur noch am Sonntag zum Besuch des Gottesdienstes. Häufig sucht sie die Gesellschaft Eccelius‘ und spricht dann, ohne konkret zu werden, über ihre Sünden und ihren Wunsch nach Buße. Eccelius verschafft ihr jedoch, natürlich ungewollt, keine Erleichterung, wenn er davon spricht, sie solle sich nicht so peinigen: Übertriebene Zerknirschung könne auch eine Art von Selbstgerechtigkeit sein. Insgesamt ist er froh, wenn das Gespräch sich weniger um Glaubensfragen und mehr um Persönliches dreht, etwa seinen Garten oder Abels Baufortschritte.
Ursel geht es zunehmend schlechter und das ganze Dorf ahnt, dass sie nicht mehr lange leben wird. Häufig hat sie Herzkrämpfe. Sie selbst aber scheint gar nicht zu bemerken, wie krank sie tatsächlich ist, und lehnt es ab, einen Arzt zu konsultieren. Dabei nennt sie auch die Behandlungskosten als Grund. Überhaupt ist sie nun sparsam bis hin zum Geiz, ein völlig ungewohnter Zug an ihr. Extravagantes Mobiliar und anderes, für das sie früher viel Geld ausgegeben hat, interessiert sie nicht länger. Allein am Baufortschritt ist ihr fast noch stärker als Abel gelegen, vor dem sie sich gelegentlich zu fürchten scheint. Seine unangefochtene Munterkeit ist ihr zuwider und unheimlich.
Ende August sind die Bauarbeiten abgeschlossen und Abel führt seine Frau die Treppe hinauf, um ihr ihr neues Schlafzimmer zu zeigen. Doch so schön dieses auch gestaltet ist, Ursel zeigt sich entsetzt: Es handelt sich um jenen Raum, in dem Szulski übernachtet hatte. Sie verlangt, auf die entgegengesetzte Seite des Ganges zu ziehen, und Abel kommt ihrem Wunsch nach.
In ihrem neuen Zimmer kann Ursel nun endlich besser schlafen. Gegen alle Erwartungen erholt sie sich dadurch kurzfristig und bewirtet sogar wieder in der Weinstube Gäste. Sie wird für ihr Aussehen bewundert und von einem alten Eskadronchef hofiert, was Abel mit Genugtuung und machistischem Stolz erfüllt.
Diese Phase hält jedoch nicht lange an, und nur wenige Wochen später geht es Ursel wieder deutlich schlechter. Sie kann kaum noch die Treppe hinuntergehen und beschäftigt sich mit der Einrichtung der oberen Räume, wobei sie die Giebelstube, die Abel ursprünglich als ihr Zimmer vorgesehen hatte, meidet. Alle anderen Arbeiten übernimmt Abel, der jetzt klar erkennt, dass sie nicht mehr lange zu leben hat. Er klagt nicht und bleibt ihr gegenüber rücksichtsvoll und unterstützend.
Eines Abends holt Male, die inzwischen bei der Kranken im Zimmer schläft, Abel aus der Wirtsstube nach oben. Ursel will mit ihm sprechen. Als er an ihrem Bett sitzt, bittet sie ihn eindringlich, einen Brief ohne Absender an den Bischof in Krakau zu senden und Seelenmessen, »Nicht für mich. Aber du weißt schon« (522), lesen zu lassen. Das Geld dafür habe sie zusammengespart, Abel solle es nehmen.
Abel ist bereit, ihren Wunsch auszuführen, glaubt aber nicht, dass man auf diese Weise Erlösung finden könne, da er ein Leben nach dem Tod für eine Erfindung der Kirche hält. Selbst als Ursel im Sterben liegt, diskutieren die Eheleute noch über ihre unterschiedlichen Glaubensvorstellungen. Schließlich stirbt Ursel mit einem unheimlichen letzten Satz auf den Lippen: Sie behauptet, dass manche Toten mit der Auferstehung nicht bis zum Jüngsten Gericht warten würden.
Analyse
Ebenso, wie die Dorfbewohner Szulskis Verschwinden rasch vergessen zu haben scheinen und mit der Rückführung Abels in die Dorfgemeinschaft an einer weiteren Aufklärung seines Verbleibs nicht mehr interessiert sind, wird auch der zweite Fall um den toten Franzosen und die Frage, wie seine Leiche unter den Birnbaum gelangte, von ihnen behandelt: oberflächlich, scheinheilig und sensationsgierig. »Zwar existieren im Dorf Gerüchte, wie der Franzose umgekommen sein könnte, aber die Suche nach dem Mörder bleibt offen, zu lange scheint der Mord zurückzuliegen und zu wenig Mühe gibt sich die Dorfgemeinschaft, Aufklärung zu schaffen, ja zu viele Gründe scheinen umgekehrt zu existieren, die an der Transformierung des Mords in eine Liebestragödie interessiert sind.« (Bohnengel 352)
Abel kann diese Oberflächlichkeit nur zustatten kommen, und mit dem Anerbieten, dem Franzosen in seinem Garten eine würdige Grabstelle zu errichten, erwirbt er sogar besonderes Ansehen im Kirchengemeinderat. Man könnte sagen, hier schlägt er zwei Fliegen mit einer Klappe, und an Handlungen wie dieser, die nicht mehr allein durch Angst vor Entdeckung motiviert sind, erweist sich die ganze Niedertracht seines Wesens.
Im Überschwang seines Erfolgsgefühls bei der Tatvertuschung wird er unvorsichtig. Abel kostet den Wohlstand, den ihm der Raubmord gebracht hat, nun aus und erweitert seine Gebäude im großen Stil. Nur den Keller beschließt er sehr schnell so zu belassen, wie er ist, nachdem Buggenhagen statt einer Deckenwölbung das Ausschachten vorschlägt. Was die Leser*innen ohnehin schon wissen, auch wenn es an keiner Stelle explizit gesagt wird, erhält hier noch einmal Bestätigung: Abel hat Szulskis Leiche in seinem Weinkeller vergraben. Dass Abel sich trotz dieser Episode weiterhin sicher fühlt, zeigt seine Drohung mit einer Verleumdungsklage gegen die Jeschke.
Ursels Reaktion auf die Geschehnisse ist der ihres Mannes entgegengesetzt. Obwohl gerade sie stets auf Luxus und Schönheit bedacht war, kann sie sich des neuen Wohlstands nicht erfreuen, sondern wird sogar, ganz anders als früher, sparsam bis zum Geiz. Ihre tiefen Schuldgefühle erweisen sie als Menschen mit einem Gewissen; ihr geht es nicht nur um die Furcht vor Entdeckung. Ihre quälenden Selbstvorwürfe machen sie krank und treiben sie schließlich sogar in den Tod. Was Julia Bohnengel über Abels Ende konstatiert: »Hradscheck wird von keiner weltlichen Instanz überführt oder zur Rechenschaft gezogen. Vielmehr scheint eine nicht näher zu greifende Macht, ‚die Hand Gottes‘ (GBA 8, 127), so Pfarrer Eccelius, für Gerechtigkeit zu sorgen«, ließe sich ebenso über Ursels Tod sagen – wollte man ihr Ende nicht anhand moderner Psychosomatik erklären.
Wesentlich für Ursels fortschreitendes Siechtum ist vor allem eines: Ihr enger Vertrauter, Pastor Eccelius, vermag sie in keiner Weise zu entlasten. Ohne es zu wissen, enthält er ihr die so sehnsüchtig erwartete Absolution vor, indem er gar nicht erst von einer vorangegangenen Sünde ausgeht, ja indem er vielmehr den Wunsch, Buße zu tun, als Selbstgerechtigkeit und somit als die eigentliche Sünde ausmacht. Von Abel, der so blind für Ursels Gefühle ist, dass er ihr das einstige Zimmer des Mordopfers als ihr neues Schlafzimmer herrichtet, kann sie ebenfalls keine Erleichterung erhoffen. Ursel ist mit ihrer inneren Verfassung komplett allein.