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Unterm Birnbaum

Kapitel 18-20

Zusammenfassung

Am anderen Morgen wacht Abel, der nach dem letzten Wirtshausabend in tiefen Schlaf gefallen war, erst um acht Uhr auf. Nach dem Frühstück geht er in den Garten und bricht ein paar Samenkapseln vom Rittersporn ab. Dabei erinnert er sich an die Worte der Jeschke über das Unsichtbarmachen und die Farnkrautsamen, die es dafür brauche. Gleich ruft er sich selbst innerlich zur Ordnung, als er die Nachbarin auch schon am Zaun stehen sieht.

Die beiden unterhalten sich über den gestrigen Abend, denn der Jeschke ist natürlich nicht entgangen, wie spät die Männer aus der Gaststube gekommen sind. Abel erzählt von Ede und dessen Angst, in den Keller zu steigen. Als Abel sie fragt, ob sie auch an den Spuk glaube, hält sie sich zurück und macht nur Scherze über den Franzosen, der »verrutscht« sein könnte. Dann deutet sie noch an, Abel könne doch um Lines Hand anhalten, was dieser aber als unangemessen zurückweist.

Das jüngste Gespräch mit der Jeschke führt bei Abel zu neuerlicher Beunruhigung. Ihm ist klar, dass die Ängste seiner Bediensteten den Mordverdacht gegen ihn erneut ins Zentrum der dörflichen Aufmerksamkeit rücken könnten, und wird nun von massiver Angst ergriffen. So beschließt er, Szulskis Leiche, die im Keller vergraben ist, noch in derselben Nacht wieder auszugraben und in die Oder zu werfen.

Obwohl er die Geschichte mit den Farnkrautsamen vor sich selbst als Unsinn bezeichnet, ist er doch abergläubisch genug, nachmittags in den benachbarten Gusower Park zu fahren und dort einen Arm voll Farnkraut zu pflücken. Als er die Samenkörner abgekratzt und weitere Vorkehrungen für sein nächtliches Unterfangen getroffen hat, wird er wieder ganz ruhig und geht pfeifend in seinen Laden.

Für den Nachmittag gibt er Ede frei und erlaubt ihm, zur Gusower Kirmes zu gehen und dort die Kunstreiter und Seiltänzer anzuschauen. Ede ist um acht Uhr abends wieder zurück, und mit ihm treffen auch die ersten Gäste in der Weinstube ein. Die Kirmes ist Hauptgesprächsthema; Abel spricht über die Familie der Seiltänzer, die Kolters, als würde er sie persönlich kennen, und erzählt eine Anekdote aus der Zeit des Wiener Kongresses, in der der alte Kolter eine wichtige Rolle spielt. Vor allem Ölmüller Quaas, der in seiner Jugend eine kurze Liaison mit einer Seiltänzerin hatte, interessiert sich dafür, was ihm viele Neckereien einbringt.

Neben der Kirmes interessiert die Anwesenden auch, warum Abel so eine große Menge Farn gepflückt hat. Er gibt vor, die Pflanzen in seinen Garten setzen zu wollen, und auf den Einwand, Farn würde sehr schnell wuchern, behauptet er, gerade dies zu beabsichtigen, um eine hohe und dichte Hecke anzulegen.

Um elf Uhr verlassen die Stammgäste das Haus. Abel geht in seiner Stube nervös auf und ab und beruhigt sich mit einem Glas Kognac. Dann schüttet er ein paar der Farnkrautsamen in seine Schuhe. Er schaut in den Spiegel, wo er sich nach wie vor deutlich sehen kann, und schüttelt über seinen eigenen Aberglauben den Kopf. Im Selbstgespräch macht er der Jeschke Vorwürfe, nennt sie Hexe und ist überzeugt, dass er längst seine Ruhe vor den Verdächtigungen hätte, wenn sie nicht wäre.

Dann nimmt er eine Handlaterne aus dem Schrank, die er abgeklebt hat, damit Mutter Jeschke ihren Schein nicht noch einmal, wie in der Mordnacht, erkennen kann. Andere Utensilien, darunter ein alter Teppich, liegen schon an der Falltür zum Keller bereit. Er hebt die Tür auf und steigt hinunter. Unten angekommen, merkt er, dass die Laterne trotz der Verblendung noch immer viel zu viel Licht abgibt. Er steigt nochmals hinauf und greift sich ein Brett, das ein oben stehendes Fass am Rollen hindern soll, um damit das Kellerfenster abzudichten. Dann klettert er wieder die Stufen hinunter.

Am anderen Morgen wundern sich Ede und Male darüber, dass ihr Dienstherr um neun Uhr noch nicht bei ihnen aufgetaucht ist, denn normalerweise betritt er schon gegen sieben Uhr das Erdgeschoss. Male beschließt, oben an seine Tür zu klopfen. Aufgeregt kommt sie zurück und berichtet, dass oben alle Zimmertüren offenstünden. Abels Bett sei unbenutzt, als hätte er sich gestern gar nicht zum Schlafen hingelegt. Alle, auch der inzwischen hinzugekommene Jakob, sind in großer Aufregung und rufen die Nachbarn herbei. Während Jakob und Male ausschwärmen, sucht Ede weiter im Haus nach Abel.

Als die ersten Dorfbewohner eintreffen, finden sie Ede schreiend und völlig aufgelöst im Flur vor. Er deutet auf ein großes Ölfass, das auf die Falltür gerollt ist, und behauptet, dass Abel unten im Keller sei. Der Spuk habe nach ihm gegriffen und er komme nun nicht mehr heraus. Die älteren Männer, Geelhaar, Woytasch, Kunicke, schieben das Fass beiseite und steigen hinunter. Nur Eccelius, von Grauen erfasst, beteiligt sich nicht an der Aktion und tritt nach draußen.

Von der Treppe aus sehen die Männer zunächst nur Hradschecks Leiche, daneben ein Grabscheit und eine Laterne. Unten angekommen, bietet sich ihnen ein noch viel grauenvollerer Anblick: Im hinteren Bereich des Kellers, wo hinter einem Lattenverschlag der Wein lagert, sieht man etwas aufgegrabene Erde und Hand und Arm eines dort Verscharrten.

Die Männer steigen zurück nach oben, Eccelius tritt hinzu; alle sind schockiert und betreten. Es wird wenig gesprochen, weil jeder sich im Stillen fragt, ob er etwas hätte verhindern können. Geregelt werden muss nun die Frage, was mit Ursels Erbschaft und dem Geld des Polen geschehen soll und an welcher Stelle im Dorf man Hradscheck begraben kann. Man ist überzeugt davon, dass niemand sein Feld für eine Grabstelle des Mörders hergeben werde. Außerdem ahnt man bereits, dass die Tschechiner Ursels Grabkreuz umreißen werden, was auch Eccelius mit Gleichmut zur Kenntnis nimmt.

Geelhaar lässt sich im Wirtshaus ordentlich von Ede einschenken und gibt betont gelassen den Polizisten, der schon alles gesehen hat und den nichts aus der Ruhe bringt. Er bewegt sich völlig ungeniert auf dem Grundstück der Hradschecks, als gehöre es nun niemandem mehr. Im Garten trifft er Mutter Jeschke, wie üblich am Zaun. Sie weiß bereits alles. Geelhaar erfährt, dass Line bald wieder nach Tschechin kommen werde – sie müsse sich nun ja nicht mehr vor Hradscheck graulen.

Einen Tag später trägt Eccelius bereits die Beisetzung Abels ins Kirchenbuch ein: Schulze Woytasch, Gendarm Geelhaar und Bauer Kunicke waren die einzigen Anwesenden, als sein Leichnam in den Kirchhofsacker gelegt wurde. Eccelius schildert sehr kurz die Umstände seines Verbrechens und dessen Aufklärung und schließt mit der Spruchweisheit: »Es ist nichts so fein gesponnen, ‘s kommt doch alles an die Sonnen.« (550)

Analyse

Im achtzehnten Kapitel findet das letzte der Gartengespräche statt, die Abel mit der alten Jeschke über den Himbeerzaun hinweg führt und die im Aufbau der Kriminalerzählung eine innere Rahmung bilden (vgl. Abschnitt 7.). Dieses Gespräch gibt der Jeschke die Bestätigung, dass ihre Andeutungen gegenüber dem Burschen Ede bereits Früchte tragen. Als Abel sie um ihre Meinung bittet, bleiben ihre Worte, wie meist, etwas im Ungewissen und lassen sich so oder so auslegen. Gerade das weckt in Abel neue Furcht, dieses Mal so stark, dass er den für ihn verhängnisvollen Beschluss fasst, die Leiche auszugraben und in die Oder zu werfen.

Wie ein vorausweisendes Schlaglicht auf das unmittelbar anschließende Geschehen erscheint eine Aussage der Jeschke zum Thema Aberglaube. Als nämlich Abel sie fragt: »Es gibt doch welche, die sagen, Spuk ist nicht Unsinn. Wer hat nu recht? Nu mal heraus mit der Sprache« (539), antwortet sie ihm: »Spök! Gewen moak et joa woll so wat. Un am Enn‘ ook wedder nich. Un ick segg ümmer: wihr sich jrult, för den is et wat, un wihr sich nich jrult, för den is et nix.« (»Spuk! Geben mag es ja wohl so etwas. Und am Ende auch wieder nicht. Und ich sag immer: Wer sich gruselt, für den ist es etwas, und wer sich nicht gruselt, für den ist es nichts.«) (540)

In Abels Selbstgespräch vor dem Spiegel zeigt sich, wie recht die Jeschke mit dieser hellsichtigen Beschreibung hat, mit der sie viel näher an der Wahrheit ist als die Männer in der Weinstube, die sich über Edes Angst lustig machen und gegen ihre eigene mit viel Lärm und Getöse vorgehen. »Die verdammte Hexe! Warum lebt sie? Wäre sie weg, so hätt‘ ich längst Ruh‘« (544). Es ist Abels Schwanken zwischen Furcht und Kaltblütigkeit, das ihn letzten Endes in die Falle der Jeschke gehen lässt und zu Fall bringt. Warum er am Ende tot im Weinkeller liegt, wird offen gelassen – ebenso offen, wie die Jeschke von jeher ihre Ansichten formuliert. War es tatsächlich Szulskis Geist, der sich gerächt hat? Oder hat Abel einen Herzanfall aufgrund eines Schreckens, einer Angst erlitten? Beide Sichtweisen können auch miteinander verschränkt und ein möglicher Herzschlag zugleich als natürliche Todesursache und als Beleg höherer Gerechtigkeit gedeutet werden.

Veröffentlicht am 25. April 2025. Zuletzt aktualisiert am 25. April 2025.