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Unterm Birnbaum

Kapitel 4-6

Zusammenfassung

Gegen Ende Oktober findet sich an einem noch sonnigen, schönen Nachmittag eine kleine Kegelgruppe in Hradschecks Garten ein. Seine Kegelbahn ist eine lokale Berühmtheit, besonders groß und gut ausgestattet. Die Kegelbrüder sind neben Abel selbst fünf Bauern, zwei aus umliegenden Dörfern und drei aus Tschechin: Ölmüller Quaas, Bauer Mietzel und Bauer Kunicke. Es werden Witze gerissen, man trinkt Kaffee und Kognak, die Stimmung ist gut. Abel entfernt sich zwischendurch von der Gruppe, um einen soeben empfangenen Brief zu lesen. Es dauert eine ganze Weile, bis er mit hochrotem Kopf und freudig erregt zurückkehrt. Der Brief enthält die Nachricht vom Tod seiner Schwester in Hildesheim und einer kleinen Erbschaft, die in Berlin in Empfang genommen werden könne. Abel teilt mit, dass er seine Frau dorthin schicken wolle, was Bauer Mietzel zu spitzen Bemerkungen über Ursel veranlasst.

Tatsächlich reist Ursel wenige Tage später Richtung Berlin ab. Schon im Vorfeld ergehen sich die Bauersfrauen darüber in Klatsch und Tratsch. Vor allem die Frau des Ölmüllers Quaas tut sich dabei hervor. Die kokette Dorfschönheit, genannt »Kätzchen«, wittert in jeder attraktiven Frau eine Konkurrentin. Außerdem ist sie überzeugt, Ursel habe den Kantorssohn dazu angestiftet, einen dorfbekannten Spottvers auf sie zu dichten – was nicht der Wahrheit entspricht. Einig sind sich die Frauen darin, dass Abels Frau überheblich und eingebildet sei. Als Ursel aber bescheiden gekleidet aus Berlin zurückkehrt und sich sehr zurückhaltend gibt, schlägt die feindselige Stimmung gegen sie um. Nun ist man auf einmal davon überzeugt, dass die Erbschaft groß sein müsse und sie es darum nicht mehr nötig habe, ihr Geld zur Schau zu stellen.

Anfang November trifft im Hause Hradscheck ein Brief aus Krakau ein, in dem die Firma Olszewski-Goldschmidt & Sohn die baldige Ankunft ihres Reisenden Szulski ankündigt. Eine Forderung steht seit drei Jahren aus und Kredit kann nicht länger gegeben werden. Abels und Ursels Reaktionen auf diese Nachricht zeigen, dass die Vermutungen der Dorfbewohner falsch sind. Die Erbschaft war tatsächlich kaum der Rede wert, und sie wissen nicht, woher sie die Mittel zur Begleichung der Forderung nehmen sollen. Sie erörtern verschiedene Möglichkeiten und legen dabei besonderes Gewicht darauf, dass Szulski das Geld in bar vor Zeugen ausgehändigt werden muss.

Während Abel im Dorf weiterhin den wohlhabenden Erben spielt und heiter mit den Bauersfrauen flirtet, gelingt es Ursel kaum, sich zu beherrschen und äußerlich Ruhe zu bewahren.

Ende November trifft der angekündigte Reisende Szulski im Gasthof ein. Es herrscht sehr schlechtes, nasskaltes Wetter und die Wege im Oderbruch, auch im Dorf selbst, sind aufgeweicht und kaum noch passierbar. Hradschecks Knecht Jakob nimmt Szulski, den er bereits kennt, mit freundlichen Worten in Empfang und kümmert sich um sein Pferd.

Kurz darauf tritt der Pole in die warme Weinstube des Gasthauses ein. Hier warten bereits zahlreiche Männer gespannt auf seine Ankunft, erhoffen sie sich von ihm doch interessante Neuigkeiten über den Aufstand in seiner Heimat. Szulski gibt als Reisender in Sachen Weine zunächst einige Flaschen der Ware aus, die seine Firma geliefert hat. Dann berichtet er von den Kämpfen der Aufständischen in Warschau und den Grausamkeiten der russischen Soldaten. Seine pointierten Reden lassen seinen eigenen Anteil an den dargestellten polnischen Heldentaten bewusst ein wenig offen. Schließlich kommt er darauf zu sprechen, dass Bürger und Bauern Polen tapfer verteidigt hätten, wären sie nicht vom Adel verraten worden. Immer ginge es nur um Geld.

Das Gespräch nimmt daraufhin eine ganz neue Wendung und richtet sich nun auf Abels Erbschaft. Die Männer äußern ihre Ansichten zum Thema Geld, man dürfe nicht ständig daran denken, sich nicht darüber ängstigen und ähnliches. Szulski zeigt sich erstaunt angesichts der Neuigkeit über die Erbschaft; nun kann er sich erklären, wie Hradscheck seine Schulden begleichen will.

Schließlich kehrt man zur Politik zurück und singt unter dem stärker werdenden Einfluss des Weines gemeinsam ein polnisches Freiheitslied. Nur Bauer Kunicke erinnert sich daran, dass die Polen 1813 auf napoleonischer Seite gekämpft hatten und trinkt auf die Russen – was der feuchtfröhlichen Stimmung, in die sich zunehmend auch anzügliche Witze mischen, keinen Abbruch tut.

Gegen Mitternacht löst Szulski die Runde mit dem Hinweis auf, dass er am nächsten Morgen bereits sehr früh nach Frankfurt weiterreisen müsse. Bevor er auf sein Zimmer geht, erinnert er Abel daran, ihn am kommenden Tag um vier Uhr zu wecken, sein Aufbruch sei für fünf Uhr geplant.

In der Nacht zieht nach dem schweren Regen ein heftiger Sturm auf, der mehrere Häuser im Dorf beschädigt und Dächer zerstört. Besonders stark ist das Haus der Witwe Jeschke betroffen. Sie wacht auf und geht in ihre Küche, um nach dem Rechten zu sehen. Ein lautes Krachen treibt sie ans Fenster. Sie sieht, dass ein Teil des Gartenzaunes vom Sturm umgerissen wurde. Zugleich fällt ihr auf, dass in Hradschecks Haus noch Licht brennt, das einmal von unten aus dem Weinkeller, einmal von oben aus der Gaststube zu kommen scheint.

Als sie erneut durch das Fenster sieht, erkennt sie Hradscheck an seiner Gartentür, neben sich am Boden ein undefinierbares, längliches Objekt. Er hält eine Lampe vor sich und es scheint ihr fast, als ob er gesehen werden wolle. Dann geht er zu seinem Birnbaum und gräbt darunter mit sichtlicher Anspannung. Nach einer Weile schüttet er das Loch zu und geht zurück ins Haus. Die Jeschke legt sich wieder in ihr Bett, kann aber nicht einschlafen und denkt über ihre Beobachtungen nach.

Analyse

Das vierte Kapitel beginnt mit der Beschreibung der Kegelrunde. Folgt man der plausiblen Auffassung Wilhelm Borcherdings, dass auch das Erbe aus Hildesheim nur eine Inszenierung ist, die den Tschechinern noch vor der Mordtat eine Erklärung für den plötzlichen Wohlstand der Hradschecks geben soll, und dass Abel den Briefversand selbst organisiert hat, so wäre der Zeitpunkt dieser Inszenierung auf jeden Fall gut von ihm gewählt. Quaas, Kunicke und Mietzel sind anwesend, außerdem noch zwei Spieler aus Nachbardörfern sowie der Kegeljunge: eine ausreichend große Runde, um dem Dorftratsch über das Erbe Treibstoff zu geben.

Für diese Lesart spricht auch, dass Ursel, nachdem sie das – tatsächliche oder erfundene – Erbe in Berlin in Empfang genommen hat, keine neuen Anschaffungen macht und sich eher bescheidener kleidet und gibt als zuvor. Die Vorurteile der Tschechiner leisten dem Betrug, wenn es denn einer ist, an dieser Stelle sogar Vorschub. In ihrer bauernschlauen Sicht der Dinge spricht gerade Ursels neue Zurückhaltung für ihren Reichtum: »’Man sieht doch gleich‘, sagte die Quaas, ‘daß sie jetzt was haben. Sonst sollte das immer was sein, und sie logen einen grausam an, und war eigentlich nicht zum Aushalten. Aber gestern war sie anders und sagte ganz klein und bescheiden, daß es nur wenig sei.‘« (468)

Der Ankunft Szulskis und dem Abend, den er mit den anderen Gästen in der Weinstube verbringt, wird das gesamte fünfte Kapitel gewidmet. Die Behaglichkeit der warmen Wirtsstube, in die der Reisende nach einer Fahrt in schwerem Wetter am Abend eintritt, der herzliche Empfang, den ihm die begierig auf Neuigkeiten wartenden Männer bereiten, der gute Wein und die temperamentvollen Gespräche, die in einem gemeinsam gesungenen Freiheitslied münden: All dies erhält geradezu dämonischen Charakter, wenn man bedenkt, dass Szulskis Schicksal zu diesem Zeitpunkt bereits besiegelt ist. Er wird das Gasthaus nicht mehr lebend verlassen.

Das sechste Kapitel fokussiert die alte Jeschke und ihre Beobachtungen, die später entscheidend zur Aufklärung des Falles beitragen. Sehr wichtig wird der Lichtschein werden, den sie im Hradscheckschen Haus sieht und der sich zwischen dem Fenster der Weinstube und dem darunter liegenden Kellerloch ständig hin und her bewegt. Sie erkennt Abel zunächst beim Graben unter dem Birnbaum, später mit einem undefinierbaren Bündel neben sich am Gartentor. Noch kann sie sich keinen rechten Reim auf das Beobachtete machen, aber ihr immer waches Misstrauen erhält neue Nahrung: »Dat’s joa binoah, as ob he een abmurkst het‘. Na, so dull wahrd et joa woll nich sinn ... Nei, nei, denn wihr dat Licht nich. Awers ick tru em nich. Un ehr tru ich ook nich.« Zu Hochdeutsch: »Das ist ja beinahe so, als wenn er einen abgemurkst hätte. Na, so schlimm wird es ja wohl nicht sein ... Nein, nein, dann wäre das Licht nicht. Aber ich trau ihm nicht. Und ihr trau ich auch nicht.« (480)

Tatsächlich ist das Licht einer der entscheidenden Fehler, die Abel bei der Durchführung des Verbrechens macht. Er vergisst, die Lampe abzudecken, und ist so im weiteren Verlauf den Andeutungen der Jeschke ausgesetzt, die genau darauf immer wieder zu sprechen kommt (z. B. in Kapitel 13: »Joa, wo wihr dat Licht? Wihr et in de Stuw o’r wihr et in’n Keller?« (516)). Als er am Ende die Leiche wieder auszugraben plant, will er keinen weiteren Fehler begehen und klebt die Laterne mit Papier ab (vgl. Kap. 19).

Veröffentlicht am 25. April 2025. Zuletzt aktualisiert am 25. April 2025.