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Unterm Birnbaum

Kapitel 9-10

Zusammenfassung

Seit der ersten Suche sind zwei Wochen vergangen, ohne dass man Szulskis Leiche entdeckt hätte. Der verunglückte Wagen wurde inzwischen aus dem Wasser geholt und in Kunickes Scheune aufgebaut.

In Tschechin wird nun wieder viel über das Ehepaar Hradscheck getratscht: Etwas stimme nicht mit ihnen, Abel habe es faustdick hinter den Ohren und Ursel sei ein »stilles Wasser«, dem man nicht trauen könne. Der Kantorssohn und Urheber des Spottlieds auf die Frau des Ölmüllers dichtet einen neuen Vers, in dem es um Zecherei und Raubmord geht. Gerüchte machen die Runde. Sie kommen auch dem Vorsitzenden des Küstriner Gerichts Justizrat Vowinkel zu Ohren. Dieser schreibt daraufhin einen Brief an seinen Logenbruder Pastor Eccelius, um Erkundigungen über die Hradschecks einzuholen.

Am 7. Dezember antwortet Eccelius dem Justizrat in einem langen Brief, der im achten Kapitel wörtlich wiedergegeben wird. Darin äußert er sich weitgehend positiv und wohlwollend über das Paar, was das Küstriner Gericht veranlasst, die Sache zunächst fallenzulassen. Dann aber macht Nachtwächter Mewissen die Aussage, er habe am Unglückstag Ursel Hradscheck zwischen fünf und sechs Uhr morgens in der Nähe der Ölmühle gesehen. Bereits in seinem Antwortbrief an Eccelius kündigt Vowinkel darum eine Befragung der Hradscheckschen Dienstleute an, auch wenn er bekundet, dass er persönlich Eccelius‘ Einschätzung des Gastwirtspaares zustimme. Er sei aber nun gezwungen, den Verdachtsmomenten nachzugehen, und bittet Eccelius, die Dienstleute unter Vermeidung jeglichen Aufsehens am folgenden Tag im Pfarrhaus zu versammeln.

Am anderen Morgen finden sich der Knecht Jakob, der Bursche Ede und die Magd Male im Flur des Pfarrhauses ein. Kurz darauf betritt Vowinkel das Haus und geht zunächst in Eccelius‘ Studierstube, um mit ihm den Ablauf der Befragung zu besprechen: Eccelius solle die Fragen stellen, Vowinkel nur als Beisitzer fungieren. Anschließend werden die Dienstleute nach und nach hereingerufen.

Ede, der während der Befragung ausschließlich Plattdeutsch spricht, ist ängstlich und zittert. Zunächst sieht es so aus, als fürchte er sich vor den beiden Honoratioren, doch im Gespräch stellt sich heraus, dass sich seine Angst auf Hradscheck richtet. Mehrfach sagt Ede über seinen Dienstherren aus, dieser sei anders als sonst; Näheres dazu ist aus ihm aber nicht herauszubringen.

Als Zweite wird Male hereingerufen. Sie hatte auf Hradschecks Anweisung um vier Uhr morgens den Kaffee in der Küche vorbereitet. Aufgefallen war ihr nichts Besonderes, außer dass Szulski den Kaffee kaum angerührt hatte. Dies wäre angesichts der frühen Stunde und des üblen Wetters sehr ungewöhnlich gewesen, normalerweise würden Gäste bei solchen Bedingungen die Kanne leeren, oft noch den Zucker vom Tablett mitnehmen. An diesem Morgen aber wirkte das Geschirr für sie fast wie unbenutzt.

Jakob als dritter Befragter hat seinen bereits früher gemachten Aussagen noch etwas Neues hinzuzufügen. Dass Szulski auf das Klopfen an seiner Tür nicht reagiert hatte und später sehr unsicher und so, als könne er in dem Pelz nicht richtig gehen, die Treppe heruntergekommen war, weiß Eccelius bereits. Jakob ergänzt, Szulski wäre ihm irgendwie sehr klein erschienen, und außerdem hätte er an jenem Morgen kein einziges Wort gesprochen.

Nachdem die Bediensteten das Pfarrhaus verlassen haben, setzen sich Eccelius und Vowinkel zu einem vertrauten Gespräch zusammen. Die Schlüsse, die sie jeweils aus der Befragung ziehen, weichen dabei deutlich voneinander ab. Während Eccelius weiterhin keinen Verdacht gegen Abel und Ursel schöpft und die Aussagen für eher nichtssagend hält, sieht Vowinkel nun zahlreiche verdächtige Anhaltspunkte. Er möchte ein Verfahren gegen Hradscheck nicht länger hinauszögern und beabsichtigt, ihn in Untersuchungshaft zu setzen.

Zehn Tage vor Weihnachten wird Abel verhaftet. Mitte Januar sitzt er noch immer im Gefängnis, ohne dass die Untersuchung Fortschritte gemacht hätte. Nun schlägt die Stimmung im Dorf um und an die Stelle des Klatsches über Hradscheck und seine Frau treten nun Schmähungen der Gerichtsbarkeit und der drei Zeugen.

Vor allem eines hatte schon kurz vor Weihnachten zu diesem Sinneswandel geführt, nämlich der Umstand, dass sich Ursel trotz Vowinkels Erlaubnis nicht dazu in der Lage sah, ihren Mann zum Fest im Gefängnis zu besuchen. Sie hatte es damit begründet, unsicher über seine Schuld oder Unschuld zu sein. Wäre er schuldig, so wären sie für immer geschiedene Leute, daher wolle sie lieber zum Abendmahl gehen und dafür beten, dass seine Unschuld recht bald bewiesen würde. Diese Erklärung war im Dorf gut angekommen.

Der einzige, der sich der fast vollständigen Rehabilitierung Hradschecks in der Dorfmeinung nicht anschließen will, ist Ortsgendarm Geelhaar. Jeder weiß allerdings, dass der Grund dafür eine Intimfeindschaft zwischen ihm und Abel ist. Eines Abends hatte Abel sich in seiner Gaststube geweigert, dem trinkfesten Geelhaar weiteren Rum auszuschenken. Daraus entstand ein Wortgefecht, über das im Dorf nur gelacht, das von Geelhaar aber bis heute sehr übelgenommen wird.

Geelhaar hat einen guten Draht zu Mutter Jeschke, die er im Zuge der Ermittlungen aufsucht – nicht allein, um ihre Einschätzung des Falles zu hören, sondern auch, um ihre junge Nichte Line zu umwerben. An einem Winterabend plaudert die Jeschke gerade mit Line am Ofen, als Geelhaar in ihre Stube tritt. Nach einigem scherzhaftem Geplänkel wendet sich das Gespräch schnell dem Fall zu. Sowohl Geelhaar als auch Mutter Jeschke lassen dabei deutlich durchblicken, dass sie Hradscheck für schuldig halten, und die Jeschke berichtet nun in allen Einzelheiten, wie sie Abel in der Sturmnacht beim Graben unter dem Birnbaum beobachtet hat. Geelhaar ist schockiert und glaubt, dass sie Schwierigkeiten bekommen könnte, weil sie dazu bisher keine Aussage gemacht hat. Letzten Endes kommt er aber zu dem Schluss, es sei das Wichtigste, Hradscheck zu überführen, und auf einen Tag früher oder später komme es dabei nicht an.

Analyse

Im neunten Kapitel wird Pastor Eccelius‘ Brief in ganzer Länge auf fast zwei Seiten wörtlich wiedergegeben. Man kann mithin vermuten, dass der Autor ihm besonderes Gewicht im Gesamtgefüge der nicht mehr als 100 Seiten langen Novelle gibt. Er nutzt dieses Schreiben nicht nur, um Aufschluss über die Gesinnungen des Pastors zu geben, sondern auch, um den Lesern bei dieser Gelegenheit ein paar neue Informationen zu den Lebensgeschichten der beiden Protagonisten und den Umständen ihres Kennenlernens zu liefern.

Was zahlreiche Interpret*innen ähnlich wie Walter Müller-Seidel äußern, nämlich dass Eccelius »blinder Hass gegen Andersgläubige an der rechten Erkenntnis der Dinge hindert« (Müller-Seidel 222), lässt sich so ganz ohne weiteres noch nicht aus diesem Brief herauslesen. Der Pastor hält das Ehepaar Hradscheck für korrekt und anständig, wobei er vor allem für die bei ihrer Heirat zum evangelischen Glauben konvertierte Ursel Sympathie bekundet. Er verschweigt nicht, dass beide anfällig für erotische Versuchungen sind, zeigt sich aber als aufgeklärter Lutheraner, der menschliche Schwächen nicht überbewertet und dem vor allem Doppelmoral und üble Nachrede verhasst sind. Auch spricht er ein klares Urteil über die Bewohner des Oderbruchs: Er hält sie für dünkelhaft und unterstellt ihnen Neid auf Abel und Ursel. Dies sind Eindrücke, die man auch als Leser der ersten Kapitel gewonnen haben dürfte. Daher kann man zu diesem Zeitpunkt noch kaum einschätzen, inwieweit auch Eccelius von Dünkel, nämlich Glaubensdünkel, betroffen ist.

Nach der Befragung der Dienstleute weichen die Einschätzungen des Pastors komplett von denen Vowinkels ab. Eccelius spielt die Beobachtungen Males herunter: »aus der Köchin Aussage war doch eigentlich nur das eine festzustellen, daß es Menschen gibt, die viel, und andre, die wenig Kaffee trinken.« (493) Auch hier könnte man ihm schlimmstenfalls Naivität unterstellen, nicht aber gezielte Blindheit zugunsten einer Konvertitin.

Das zehnte Kapitel konzentriert sich erneut auf die Entstehung der Dorfmeinung und ihren raschen Umschlag. Erging man sich anfangs in übler Nachrede gegenüber Abel und Ursel, so ist man angesichts des fehlenden juristischen Fortschrittes nun der Auffassung, die Obrigkeit hätte versagt. Dass es auch vorher, als Abel dem Dorf noch als Täter galt, keine konkreten Indizien für seine Tat gab, ist dabei inzwischen völlig vergessen. Außerdem befinden viele Dorfbewohner, dass Ede, Mele und Jakob dumm seien und man ihren Aussagen überhaupt kein Gewicht geben dürfe. Selbst die Beobachtung des Nachtwächters wird infrage gestellt und lächerlich gemacht.

Dass Geelhaar als einziger der veränderten Stimmungslage widersteht, ist allein seinem persönlichen Rachefeldzug gegen Abel geschuldet. Immer wieder bekundet er im Verlauf der Handlung, er wolle ihn seiner gerechten Strafe zuführen: »Hauptsach‘ is, daß wir den Fuchs überhaupt ins Eisen kriegen« (500). Letzten Endes ist es diese starke Motivation, die ihn – neben dem Interesse an Line – abends zu Mutter Jeschke treibt und aufgrund ihrer Eröffnungen einen Umschwung des Geschehens einleiten lässt.

Veröffentlicht am 25. April 2025. Zuletzt aktualisiert am 25. April 2025.