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Brave New World (Schöne neue Welt)

Historischer Hintergrund und Epoche

Die staatliche Ordnung in »Schöne neue Welt« ist vom Totalitarismus geprägt. Dabei handelt es sich um ein politisches System, in dem der Staat über allem steht. Die Regierung, die in der Regel aus nur einer Partei mit einer Führungspersönlichkeit besteht, verfolgt eine Ideologie. Die Wirtschaft wird zentral gelenkt, Medien und die Verbreitung von Informationen unterliegen einem Monopol. Die Bevölkerung ist dabei den Herrschenden unterworfen. Es kommt zur »propagandistischen Gleichschaltung mit einem damit verbundenen ausgeprägten Anpassungsdruck«. (Hasenbach, 13) Die Menschen werden systematisch überwacht und besitzen keine individuellen Rechte. Verstöße oder Gegenstimmen werden geahndet.

Zur Entstehungszeit des Romans herrschte ein solches System in der damaligen UdSSR und in Italien. In Deutschland war Hitlers Machtergreifung nur noch wenige Jahre entfernt und in Großbritannien wurde die faschistische »New Party« gegründet. (ebd., 14)

Auf wirtschaftlicher Ebene ist das Modell des Fordismus zu nennen, hinter dem sich die industrielle Massenproduktion und der Massenkonsum verbergen. Der Amerikaner Henry Ford produzierte seit Anfang des 20. Jahrhunderts Kraftwagen. Als er 1914 die Fließbandproduktion einführte, war der Weg für die Massenproduktion geebnet. Neben der Herstellung sorgte er mit der Sicherung von gut bezahlten Arbeitsplätzen für die Bereitstellung des Marktes. Ford bewertete Verbrauch und Konsum als positiv. (ebd., 14ff) Der Bezug zum Roman ist deutlich: Ford wird nahezu als Gottheit behandelt, die Einführung des 1. Ford T-Modells begründet die neue Zeitrechnung und der Leitsatz zum Neukauf statt Reparatur ist in den Köpfen der Menschen fest verankert. In den Befruchtungsräumen werden ganze Belegschaften für Fabriken gezüchtet.

England befand sich während der Entstehungszeit des Romans am Rande des Zeitalters der Industrialisierung (1740-1940). Die britische Gesellschaft war noch immer in drei Klassen unterteilt: die upper class, middle class und lower class. Die Trennung zeigte sich durch abweichende Bildung, Behausung, Arbeit und teilweise sogar Sprache. Eine ähnliche Unterteilung findet sich im Kastensystem im Roman. Aldous Huxley selbst war Sohn intellektueller Eltern, was ihm den Zugang zu Bildung und Wissenschaft ermöglichte. (Mühlmann, 10) 

Bei einem USA-Aufenthalt 1926 wurde Huxley mit der dortigen Massenproduktion und dem Konsum nach Ford sowie dem amerikanischen Lebensstil konfrontiert. Er kritisierte Materialismus und Vergnügungssucht: »Das Vergnügen an Lärm und Krach, das Vergnügen an pausenloser Tanzerei und Radaumusik, das Vergnügen immer in der Masse zu sein und nie allein.« (Schumacher, 36) Huxley las Fords Autobiographie. Weiterhin besuchte er das britische Chemieunternehmen, das zur Inspiration für die Brut- und Normzentrale diente. Mustafa Mannesmann trägt in der Originalausgabe den Nachname »Mond«, gleich einem der Mitbegründer des Unternehmens. Als literarische Vorlage diente die Utopie »Men like Gods« von H.G.Wells aus dem Jahr 1923. Hier tauchen bereits die Themen von genetischer Perfektion, der Dominanz über die Natur und die freie Liebe im Rahmen einer anderen Welt auf. Huxley wandelte diese in eine Dystopie, um einen Gegensatz, vielleicht auch eine Parodie zu Wells zu schaffen. Diskutiert wird auch über eine mögliche Vorlage des Romans »We« von Jewgenij Samjatins, in dem ein totalitärer Weltstaat beschrieben wird. Huxley verneinte allerdings, diesen gekannt zu haben. (Hasenbach, 24f.)

Aldous Huxley schrieb die Dystopie binnen weniger Monate. Der Roman »Schöne neue Welt« erschien erstmals 1932. Er ist der literarischen Moderne zuzuordnen. Die literarische Moderne übte Kritik an der Einseitigkeit der technisch/wirtschaftlichen Moderne und legte den Fokus auf die Selbstwahrnehmung des Menschen in Zeiten des Umbruchs. Thematisiert wurden zum Beispiel Desorientierung oder kritische Wirklichkeitswahrnehmung. (ebd., 17)

Veröffentlicht am 1. November 2024. Zuletzt aktualisiert am 1. November 2024.