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Brave New World (Schöne neue Welt)

Zitate und Textstellen

  • »Irgendeine Vorstellung mußten sie schließlich haben, wenn sie ihre Arbeit mit Verstand verrichten sollten, andererseits aber auch keine zu genaue Vorstellung, wenn sie brauchbare und zufriedene Mitglieder der Gesellschaft werden sollten.«
    – Erzähler; Erlebte Rede des Direktors, S. 21

    Der Direktor führt die jungen Studenten durch die Brut- und Normzentrale. Die Fronten sind von Beginn an geklärt: Er nimmt die wissende und wichtige Führungsposition ein, die Studenten hängen unterwürfig an seinen Lippen. Das Zitat beinhaltet erlebte Rede, die die Gedankengänge des Direktors veranschaulicht: Eine gewisse Ahnung von ihrer Arbeit muss den Studenten vermittelt werden. Über umfangreiche und genaue Zusammenhänge sollen sie aber im Unklaren bleiben. Zu viele Informationen könnten die Stabilität der Gesellschaft gefährden. Darauf bezieht sich die Äußerung »brauchbar«. »[Z]ufriedene Mitglieder der Gesellschaft« denken, ausgehend von der Ideologie des Weltstaates, nicht nach. Die Studenten sollen also gar nicht erst zum eigenständigen Denken ermutigt werden, sondern vielmehr vorgelegte Muster erfüllen, ohne diese zu hinterfragen.

  • »Ein Heim, ein trautes Heim: ein paar enge Räume, zum Ersticken vollgestopft mit Bewohnern [...]. Keine Luft, kein Platz: ein verseuchter Kerker; Finsternis, Krankheit, Gestank.«
    – Erzähler, S. 51

    Das Zitat beinhaltet eine Aneinanderreihung von Ellipsen, die in Satzfetzen die Gedanken zu Heim und Familie schildern, welche bei Nennung in den Köpfen der Studenten auftauchen. »Heim« wird mit Krankheit, Seuche und Gestank in Verbindung gesetzt. Es ruft Ekel und Angst hervor und ist durchweg negativ belegt. Die Studenten sind darauf konditioniert, eine derartige Vorstellung abschreckend zu finden. Dadurch wird der Zuspruch zur künstlichen Zeugung und der folgenden Normung gesichert.

  • »Reden über die persönliche Freiheit. Über die Freiheit, untüchtig und unglücklich zu sein. Über die Freiheit, ein kantiger Pflock in einem runden Loch zu sein.«
    – Mustafa Mannesmann, S. 60

    Persönliche Freiheit existiert im Weltstaat nicht. Mustafa Mannesmann negiert diesen Ausdruck in den folgenden zwei Sätzen. Freiheit wird mit Unglück und mangelnder Produktivität in Verbindung gesetzt. Kein Wunder, dass dieser Wert in einem System, das unter dem Leitspruch von allgemeinem Wohlbefinden und Massenproduktion steht, keinen Platz hat. Im dritten Satz des Zitats nutzt Mustafa Mannesmann eine Metapher. Er beschreibt den Individualismus des Menschen, der dazu führen kann, mit dem System anzuecken. In einer Demokratie ist diese Meinungsfreiheit wichtig. Im Sinne des totalitären Staates ist sie allerdings ein Fehler, der ausgemerzt werden muss.

  • »Ein schöner Gedanke, [...]. Aber merkwürdig, daß aus Alphas und Betas nicht mehr Pflanzen wachsen als aus diesen ekligen kleinen Gammas, Deltas und Epsilons dort unten.«
    – Lenina Braun, S. 84

    Im Grunde sind alle Menschen gleich. Das trifft auch auf die Angehörigen der unterschiedlichen Kasten im Roman zu. Werden ihre Leichen verbrannt, entsteht jedes Mal dieselbe Menge Phosphor, egal ob Alpha oder Epsilon. Lenina ist mit der Ansicht aufgewachsen, dass die höheren Kasten besser seien als die niedrigeren. Darum fällt es ihr schwer, die Gleichheit im Tod zu akzeptieren, wo sie doch im Leben der Menschen nicht existiert.

  • »Ich habe dabei ein Gefühl, [...] als wäre ich mehr ich selbst, wenn du das verstehen kannst. Als wäre ich etwas Selbstständiges, nicht nur ein Teilchen von etwas anderem Nicht mehr nur eine Zelle im sozialen Organismus.«
    – Sigmund Marx, S. 99

    Sigmund hegt Zweifel am System, was vor allem darin begründet ist, dass er sich durch seine körperliche Schmächtigkeit nicht zugehörig fühlt. Er sehnt sich danach, sich selbst zu spüren. Darin liegt ein Wunsch nach Eigenständigkeit und individueller Entfaltung verborgen, der in der Neuen Welt unterdrückt wird. Als Alpha-plus besitzt Sigmund die nötige Intelligenz, über das eigene Selbst nachzudenken. Die Einheit des »sozialen Organismus« wird zum Beispiel in den Eintrachtsandachten aktiv angestrebt. Womöglich ist es kein Zufall, dass Sigmund dabei weder Ekstase noch Einheitsgefühl spüren kann.

  • »Man weiß doch über so viele Dinge nicht Bescheid, es gehörte eben nicht zu meinen Aufgaben, sie zu wissen. Wenn zum Beispiel ein Kind fragt, wie Helikopter fliegen, oder wer die Welt erschuf - was soll man da antworten, wenn man eine Beta aus dem Befruchtungsraum ist? Ja, was soll man da antworten?«
    – Filine, S. 128

    Das Zitat von Filine, die als eine Beta in der Neuen Welt aufgewachsen ist, stellt das Unwissen der Bevölkerung heraus. Ihr Wissen beschränkt sich auf die gesellschaftlichen Gepflogenheiten und die notwendigen Abfolgen für ihre Arbeit im Befruchtungsraum. Sie kann einem Kind nicht die Welt erklären und versteht auch gar nicht, warum oder wie sie dazu in der Lage sein soll. Darin zeigt sich die Kontrolle der Regierung über die Bevölkerung, deren bewusste Beschränkung und ihre Unmündigkeit, um eigenständiges Denken, Zweifel oder gar ein Aufbegehren gegen das System zu verhindern.

  • »Nun, ich wäre lieber unglücklich, als dies unechte, gleisnerische Glück mein eigen zu nennen, dessen Sie sich hier erfreuen.«
    – Michel, S. 180

    Michel macht in diesem Zitat eine klare Aussage: Er wählt Gefühl über Taubheit. Er ist in einem anderen System als dem der Neuen Welt aufgewachsen, das ihm die Möglichkeit zur Selbsterfahrung und den damit verbundenen Gefühlen gab. Das »gleisnerische Glück« ist eine Alliteration, hinter der sich die Ablehnung von Soma, Promiskuität und Konsum verbirgt, die Mittel, unter denen die Menschen der Neuen Welt Glück verstehen. In Wahrheit werden sie damit aber nur manipuliert. Es ist ein »unechtes« Glück.

  • »Mit seinem ekelhaften Ausbruch die ganze gesunde Sterbenormung der Kinder zu zerstören – als ob der Tod etwas Schreckliches und ein Menschenleben der Rede wert wäre!«
    – Erzähler; erlebte Rede der Pflegerin in der Moribundenklinik, S. 205

    Der Tod gehört zum Leben dazu, auch im Weltstaat. Hier wird er als etwas ganz Selbstverständliches akzeptiert und die Kinder schon früh mit dieser Tatsache in Verbindung gebracht. Allerdings lässt der zweite Teil des Zitats aufhorchen: ein Menschenleben ist nicht der Rede wert. Darin verbergen sich mehrere Konzepte des Weltstaates: Die individuelle Entfaltung einer Person wird genauso unterdrückt wie das Prinzip von Familie und emotionalen Bindungen plus damit verbundene Gefühle. Der Tod der Menschen wird vom System bestimmt. Die Bevölkerung wird aber so konditioniert, dass all diese Punkte widerspruchslos akzeptiert werden. Darum kann die Pflegerin Michels Verhalten nicht verstehen, dem die Prinzipien von persönlicher Freiheit, Familie und Alter vertraut sind.

  • »Christentum ohne Tränen - das ist Soma.«
    – Mustafa Mannesmann, S. 234

    Mustafa Mannesmann und Michel befinden sich in der Diskussion um Gott und seine Bedeutung für die Menschen. Mannesmann vertritt dabei die kühne These, dass Gott im Weltstaat nicht benötigt würde. Die Menschen bekommen alles, was sie begehren. Sie brauchen keine höhere Instanz, bei der sie Trost und Hoffnung finden. Er vergleicht Soma mit dem Christentum – aber ohne Tränen, was bedeutet, ohne Leid, ohne Gefühl. Soma ersetzt das Sehnen nach etwas Höherem, Soma fungiert als Trost und hilft über Unangenehmes hinwegzukommen, was es in der Neuen Welt eh kaum gibt. Soma ist aber auch eine synthetische Droge, die vom Staat gezielt eingesetzt wird.

  • »Ich brauche keine Bequemlichkeiten. Ich will Gott, ich will Poesie, ich will wirkliche Gefahren und Freiheit und Tugend. Ich will Sünde.«
    – Michel, S. 236

    Michel argumentiert gegen den Weltaufsichtsrat. In ihrem Schlagabtausch wird ihm bewusst, welche Werte er fordert. Er braucht keine Beständigkeit, wie sie ihm in der Neuen Welt versprochen wird. Die folgende Anapher stellt klare Forderungen - nach Religion, Kunst, Freiheit, menschlichem Scheitern und Würde. Diese Werte wurden in der Neuen Welt unterdrückt, da Gefühle und eigenständiges Denken unterdrückt werden. Michel verlangt Menschlichkeit, Empfindung, Selbsterfahrung und Wachstum. Er fordert, das Leben in seiner Gänze zu erfahren, während die Bevölkerung des Weltstaates nur die für sie vorgesehenen Bahnen kennt.

Veröffentlicht am 1. November 2024. Zuletzt aktualisiert am 1. November 2024.